Umwelt - Für seine Steilhänge am Albtrauf und seine Hochflächen braucht Lichtenstein eine Ziegenherde zur Landschaftspflege. Wanderer müssen dazulernen
Wer Büsche frisst, soll kein Butterbrot bekommen
Von Ingeborg Kunze
LICHTENSTEIN. Wenn die Schwäbische Alb typisch Alb bleiben soll, müssen brave Tiere die Arbeit machen, die bisher brave Bauern geleistet haben. Weil aber die Bauern immer weniger werden, hilft der Staat, Landschaftsbilder zu erhalten. Lichtenstein, 34 Quadratkilometer Gemarkung mit Albtrauf-Steilhängen, profitiert von einer Förderung des Landes mit der Bezeichnung »Landschaftspflegerichtlinie des Ministeriums für Ernährung und ländlichen Raum Baden-Württemberg.« Hauptsache, die Finanzierung stimmt: Hundert Ziegen und Schafe grasen jetzt auf dem Göllesberg.
Schaffig und bescheiden nach schwäbischer Art: Ziegen im Arbeitseinsatz an Lichtensteiner Albtrauf-Steilhängen. FOTO: ZIMMERMANN
Ausgewählte Biotope
Der Staat zahlt. Winfried Mennle ist der Ziegenhalter, der seit Jahren die Herde stellt, die jetzt im schwierigen Gelände, auf albtypischem Magerrasen und Heiden, auf felsigem Gelände unterwegs ist und nicht nur Gras, sondern auch alles Stachelige von Wacholder bis Brombeere und Schwarzdorn frisst, was sich überall unverdrossen, aber unerwünscht in der Landschaft ausbreitet.
Kristin Schmoock von der Unteren Naturschutzbehörde beim Landratsamt Reutlingen hat die pflegebedürftigen Flächen im Bereich von Lichtenstein mit der Gemeinde ausgewählt, die Anträge eingereicht und die Förderung erreicht. Dieser Dienst an der Landschaft mit dem Arbeitstitel »Ziegenbeweidung zur Erhaltung der für die Schwäbische Alb typischen halboffenen Landschaftsstruktur« kostet also die Kommune nichts.
»Mit Freude bei der Arbeit«
Der Halter, der die Herde stellt, weiß, wie er sie einzusetzen hat. Winfried Mennle, siebzig Kilometer entfernt im südlichen Kreis Sigmaringen zuhause, hat seine Ziegen und Schafe nonstop im Einsatz, bis eine geschlossene Schneedecke auf der Gemarkung liegt. Dann holt er sie in den Heimatstall und bringt sie im nächsten Frühjahr wieder, wo sie sich wieder in die Arbeit stürzen, »sobald sich Grün zeigt«.
Die meckernden Zeitgenossen auf gemeindeeigener Markung zwischen Wohngebiet Göllesberg und dem Segelfluggelände Übersberg sind »mit Freude bei der Arbeit«, schildert Frank Zimmermann vom Steuer- und Liegenschaftsamt der Gemeindeverwaltung Lichtenstein und nennt diese albregionale Landschaftspflegelösung »artgerecht«.
Ziegen fressen fast alles und brauchen wenig Wasser, wenngleich der Halter sie damit versorgt. Er hält die hundert Tiere auf großer Fläche mit einem mobilen Elektrozaun zusammen, wandert mit ihnen auf den drei als Biotope anerkannten Flächen von Parzelle zu Parzelle, wo sich die Ziegen, noch weniger wählerisch als Schafe, auch über weniger schmackhafte Pflanzen hermachen und im sich ausbreitenden Unterholz auch Stacheliges nagen. Sie sind findig und auf sie ist Verlass.
Allerdings: Achtung Spaziergänger. Wenn die anfangen, die munteren meckernden Tierchen mit Butterbrot vom Wandervesper zu verwöhnen, dann ist es aus. »Gut gemeint, aber dann klappt die Sache nicht, dann verweigern sie den nicht so schmackhaften Busch«, alarmiert Frank Zimmermann eben diese Öffentlichkeit, die so sehr am Erhalt des Landschaftsbildes interessiert ist.
Zuschauen ist gut
Doch er lädt sie ein, den Ziegen und Schafe bei der »Arbeit« zuzuschauen, Beobachter zu sein und den Halter zu informieren, wenn ein Tier sich auffällig verhalten oder aus der mobilen Umzäunung ausgerissen sein sollte. (GEA)