Lebenswelt Albrand - Stuttgart 21 gab es schon früher: Bürgerprotest gegen das Großprojekt Stuhlsteigenbau
Stuhlsteige: Als es Pfullinger auf die Straße trieb
Von Thomas Baral
PFULLINGEN. Mit einer Feier begangen wurde am Mittwoch, 1. Juni, des Jahres 1921 der Bau der Stuhlsteigenstraße. Diese Steige hatte bis dahin bestenfalls als Holzabfuhrweg bezeichnet werden können.
An dieser Stelle wird heute gern schnell gefahren: die Stuhlsteige, kurz vor Pfullingen. Die ins Bild montierte Tafel ist an der Felswand am oberen Ende der Steige angebracht.
FOTO: Thomas Baral
Im Nachbericht des Echazboten las sich das so: »Zur Feier, die in Genkingen eingeleitet wurde, waren drei Kraftwagen bereitgestellt, in welchen die Festteilnehmer vom Tal auf der neuen Straße nach dem Nachbarort fuhren, wo nach einer Fahrtdauer von 40 Minuten die Ankunft vor dem Gasthaus Rose erfolgte. Hier erwartete die Festgäste zunächst ein ausgezeichnetes Frühstück in Form einer Metzelsuppe und eines guten Tropfens.«
Nach einer Bauzeit von eindreiviertel Jahren und einer sehr langen Vorbereitungszeit - erste Planungen sollen bis in den Beginn des 19. Jahrhunderts zurückreichen - war damit eine »Nachbarschaftsverbindung entstanden, die wohl nur deshalb gebaut werden konnte, weil die Gemeinden schnell viele ihrer Bürger in Lohn und Brot setzen mussten. Nach dem verheerenden Weltkrieg brachte ein solcher Straßenbau immerhin wieder eine erste Erwerbsmöglichkeit, diese Bauarbeiten sorgten dafür, dass wenigstens in einigen Familien wieder Brot auf den Tisch kam.
Das Phänomen des »Wutbürgers« war damals, so kurz nach dem Ersten Weltkrieg, zwar noch nicht bekannt. Aber den Widerstand gegen ein größeres Bauprojekt, den kannte man schon: Der Bau der Stuhlsteige war in Pfullingen heftig umstritten. Und noch bei der Feier zur Inbetriebnahme der Straße hatte sich »die Vertretung der Landwirtschaft im Pfullinger Gemeinderat einer Teilnahme entzogen«.
Auch in Pfullingen trat am 4. Juni 1919 erstmals ein Gemeinderat zusammen, der nach demokratischen Spielregeln gewählt war. Und gleich in dieser Sitzung beschäftigte sich das Gremium mit dem Bau der Stuhlsteige, der vor allem dem damaligen Stadtschultheißen Karl Lämmle besonders am Herzen lag, wie Hermann Taigel in seiner »Pfullinger Geschichte« (von 1918 bis 1950) schreibt.
Auch von den Albgemeinden Genkingen, Undingen, Willmandingen und Erpfingen wurde das Projekt als »dringend gewünschte Verbesserung der Straße nach Pfullingen« betrieben. Schon am 20. Juni 1919 konnte Lämmle erklären, das Projekt sei beschlossen, die Ausarbeitung des Plans dafür in Auftrag gegeben.
Vor dem Baubeginn dann zum Jahreswechsel 1919/20 hatten sich viele Pfullinger gegen das Projekt starkgemacht. Zunächst wird nur von Bedenken der Grundbesitzer »in den von der Straße berührten Gewanden« gesprochen, die sich gegen die Überquerung ihrer Felder und »die Entfernung einer größeren Zahl von schönen Obstbäumen« wandten. Aber auch im Gemeinderat der Stadt gab es plötzlich zwei Lager mit gegensätzlichen Vorstellungen.
Das Projekt hatte wohl im Herbst 1919 die Bürgerschaft in gleichgroße Kräfte gespalten: die Fortschrittlichen, zu denen als Parteien die SPD und DDP gehörten, waren für den Bau, die Konservativen, Bürgerpartei und Bauernverein, dagegen. Und die Auseinandersetzung wurde sehr heftig geführt: Nicht nur in Leserbriefen im Echazboten, die Gegner des Projekts hatten zur Protestversammlung vor dem Rathaus aufgerufen. Die Befürworter kamen daraufhin zur Gegendemonstration am gleichen Ort - so wurde »ein regelrechter Volksauflauf vor dem Rathaus« registriert.
Neue Abstimmung verlangt
Die Gegner verlangten eine neue Abstimmung im Gemeinderat. Die Erste war zwar knapp aber eindeutig ausgegangen. Die Aufsichtsbehörde - damals noch Oberamt genannt, Nachfolger heute ist das Landratsamt - teilte aber dem Stadtschultheißenamt mit, dass es »die Beschwerde als unzulässig« verwerfe, der Gemeinderat habe »nach freiem Ermessen und reiflicher Überlegung entschieden«.
In dieser Stellungnahme wird auch daran erinnert, dass im Ministerium des Innern durch die Amtsversammlung und die Stadtgemeinde Reutlingen fürs Projekt »ansehnliche Beiträge« beigesteuert würden. Die Erwerblosenfürsorge des Arbeitsministeriums habe gar die Anweisung erteilt, »für die Inangriffnahme und Ausführung von Notstandsarbeiten, bei denen eine größere Anzahl Arbeiter untergebracht werden könne, zu wirken«. Dem gegenüber könne die Einwendung der Beschwerdeführer »nicht maßgebend sein«.
Ebenso hatte das Oberamt darauf hingewiesen, dass die Straße dazu dienen werde, den Verkehr der Alborte - heute Sonnenbühl - aufzunehmen und »das hohenzollerische Hinterland« mit der Kreisstadt Reutlingen zu verbinden. Damit würden die wirtschaftlichen Verhältnisse der Orte günstig beeinflusst.
Weil es in der Bauzeit Lohnerhöhungen und weitere Belastungen für die Stadtkasse gab, war der Pfullinger Gemeinderat mehrfach in Zweifel geraten, ob man den Bau nicht doch einstellen sollte - wegen der Frage, ob die damit aufgenommene Schuldenlast den Nachkommen aufzubürden sei.
Die Straße aber wurde gebaut, ist heute eine wichtige Verbindung für Pendler und Touristen. Über 2,6 Millionen Mark hat der Bau insgesamt gekostet. Die Stadt Pfullingen musste letztlich den Löwenanteil dafür aufwenden - über 1,5 Millionen Mark. (GEA)
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