Pfullingen / Eningen / Lichtenstein
Brauchtum - Karl Schwille schwört auf die Pfullinger Tradition und setzt sich für das richtige Hefegebäck ein

Pfullinger Sternpaschen: Sorge um die wahren Sterne

VON PETRA SCHÖBEL

PFULLINGEN. Kaum sind Weihnachten und Silvester vorbei, bereiten sich die Pfullinger auf das nächste Ereignis vor, das viele Menschen zueinander führt und in der Regel für gute Laune sorgt: das Sternpaschen. Ob daheim, im Vereinsheim oder im Gasthaus, am Abend vordem »Öbersten« – wie das Erscheinungsfest am 6. Januar hierzulande auch genannt wird – treffen sich mit Würfelbechern ausgestattete Pfullinger, um mithilfe einer erstaunlichen Anzahl geeigneter Würfelspiele in den Wettstreit um das leckere Hefegebäck zu treten und möglichst viele »Sterne« zu ergattern.

Bei Rosenkranz Genuss gibt es ausschließlich Sterne mit sieben Zacken, wie sie hier ? frisch aus dem Backofen ? von Ute und Bernd Rosenkranz gezeigt werden.
Bei Rosenkranz Genuss gibt es ausschließlich Sterne mit sieben Zacken, wie sie hier – frisch aus dem Backofen – von Ute und Bernd Rosenkranz gezeigt werden. FOTO: Petra Schöbel
Den Traditionalisten unter den Sternpaschern ist es deshalb stets aufs Neue ein Dorn im Auge, dass sie die »wahren« Pfullinger Sterne mit sieben Zacken in der Stadt fast nicht mehr erwerben können. Seit der letzte alteingesessene Bäcker in den Ruhestand ging, müssen die Echazstädter mit den Backwaren vorlieb nehmen, die ihnen Lieferanten aus der Umgebung zur Verfügung stellen: In der Regel sind das Mutscheln mit acht Zacken, wie sie in Reutlingen üblich sind.

Karl Schwille stört das. Der Metzgermeister lässt nichts unversucht, für das Sternpaschen die Originale auf den Tisch zu bringen. »Ich bin interessiert an der Tradition und will diese alten Bräuche nicht sterben lassen«, betont er.
»Sterne mit sieben Zacken waren früher auch im Ermstal verbreitet«
 

Ein offenes Ohr für sein Anliegen hatte Gastronom Werner Rosenkranz. Im Kaffeehaus und Restaurant am Lindenplatz bietet er seit gestern ausschließlich siebenzackige Sterne an. »Für uns ist das auch etwas Neues«, sagt sein Sohn Bernd Rosenkranz, »bisher hatten wir immer achtzackige Mutscheln.« Doch weil ohnehin jedes Jahr etliche Kunden nach dem speziellen Pfullinger Gebäck fragen, hat sich der Familienbetrieb entschlossen, künftig stets zum Jahresbeginn diese Sterne anzubieten. »Vielleicht ist das ja eine Marktlücke in Pfullingen«, meint Bernd Rosenkranz. Weshalb er sich nun eine brauchbare Schablone aus Metall zum leichteren Einschneiden der Teigbollen hat anfertigen lassen.

Karl Schwille hofft, dass auch andere Bäcker diesem Beispiel folgen werden. Gemeinsam mit seinem langjährigen Freund Helmut Bader, der inzwischen in Ulm lebt, aber im Herzen ein Pfullinger geblieben ist, hat der 80-Jährige einen Brief an die großen Backfabriken und kleineren Bäckereien in der Umgebung gesandt. Darin macht er deutlich, worauf es ihm ankommt: an diesem einen Tag im Jahr – dem 5. Januar – siebenzackige Sterne in den Läden vorzufinden.

Prompt reagiert auf dieses Schreiben hat Klaus Keim, Senior-Chef der Bäckerei Keim mit Sitz in Reutlingen-Mittelstadt. Er hat Schwille angerufen und wusste Interessantes zu berichten: Siebenzackige Sterne sind mitnichten eine Besonderheit Pfullingens. »Die waren früher auch in Metzingen und im ganzen Ermstal verbreitet«, berichtet er, »eben überall dort, wo am Tag vor dem Erscheinungsfest der Sterntag begangen wurde«, erklärt er auch auf Nachfrage des GEA.

Dennoch wird es auch in der Pfullinger Keim-Filiale morgen keine Siebenzacker zu kaufen geben. »Das ist einfach für unseren Betrieb organisatorisch schwierig«, betont Keim. Die Herstellung sei kein Problem. Ob sieben oder acht Zacken: »Das ist alles Handarbeit.« Der Haken liegt eher im Vertrieb: »Wir haben 55 Fachgeschäfte«, sagt Keim, »da ist es problematisch, das Gebäck richtig zuzuordnen.«

Ähnlich scheint das auch in anderen größeren Bäckereien zu sein. Eine stichprobenartige Nachfrage hatte zum Ergebnis, dass lediglich die Bäckerei Padeffke aus Mössingen auf Bestellung siebenzackige Sterne herstellt; auch der Genkinger Bäcker Michael Haug nimmt Bestellungen an und wird am Donnerstag in seine Filiale im Pfullinger Inselladen ein Kontingent an Siebenzackern parat haben.

Woher freilich der Brauch des Sternpaschens kommt und warum in Pfullingen die siebenstrahlige Stern-Variante gebräuchlich war (und ist), weiß Karl Schwille nicht. Martin Fink, stellvertretender Vorsitzender des Geschichtsvereins, hat auf die Nachfrage des GEA hin nicht eher geruht, bis er wenigstens einen Hinweis darauf entdeckte. Fündig wurde er im Heimatbuch »Pfullingen und seine Erlebnisse in 1 500 Jahren«, das Stadtpfarrer Dr. Gottfried Maier im Jahr 1930 verfasste. Darin heißt es wörtlich: »Die evangelische Kirche Württembergs behielt (nach der Reformation) eine gewisse Feier der Apostel- und zweier Marientage bei. Auch der heiligen 3 Könige wurde in dieser Reihe gedacht, doch war an diesen Tagen die Arbeit (zunächst) nach der Predigt erlaubt. Seit dem Jahr 1559 wurden diese Tage mehr dem Sonntag gleich geachtet, insbesondere der Sterntag als der oberste Feiertag.«
»Der Sterntag war früher oberster und somit höchster Feiertag«
 

Fink schließt daraus, dass der Sterntag am 6. Januar schon vor sehr langer Zeit ein hoher kirchlicher Feiertag in Württemberg war. Die Bezeichnung »Stern« für das mürbe Hefegebäck ist deshalb sehr wahrscheinlich auf den Sterntag, also das Erscheinungsfest der Heiligen drei Könige, zurückzuführen. »Dabei war zumindest früher in der Reihung der Feiertage der Sterntag oberster und somit höchster Feiertag«, stellt Fink fest.

Das könnte auch der Anlass dafür sein, dass das Sternwürfeln in der Nacht vor dem »Öbersten« – also dem obersten, weil höchsten Feiertag – stattfindet. Auf diese Weise sei stets gewährleistet gewesen, dass die Sonn- und Feiertagsruhe eingehalten werden konnte, meint Fink. Denn ein Vergehen gegen dieses »Delikt« sei in früheren Jahrhunderten mindestens mit einer Geldstrafe geahndet worden.

»Die vielfach vertretene Meinung, der Pfullinger Stern hätte sieben und nicht acht Zacken oder Zinken, lässt sich eventuell auf die Bedeutung der Zahl 7 in der Bibel zurückführen«, betont Fink, weist aber darauf hin, dass dies nur eine von mehreren Deutungsmöglichkeiten sei.

Der »Pfullinger Stern« folge im Jahreslauf als mürbes Gebäck auf den »Bubenschenkel«, stellt der Lokalhistoriker weiter fest.

Ursprung bleibt Spekulation


Über die Ursprünge der Mutscheln oder Sterne gibt es keine historischen Belege. Im »Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens« wird das Gebäck auf Fruchtbarkeitsgebräuche zurückgeführt, wie sie zum Beispiel auch im Rheinland verbreitet waren.

In alten schwäbischen Schriften wird die Mutschel, wie Hermann Fischer im Schwäbischen Handwörterbuch schreibt, als Backwerk bezeichnet, dass zu bestimmten Anlässen gebacken, geschossen, erkegelt und an Kinder und Arme verteilt wurde.

Ob die Mutschel vom Reutlinger Bäcker Albrecht Mutschler im 15. Jahrhundert erfunden wurde, bleibt ebenso Spekulation wie die Theorie, dass die acht Zacken für die acht Reutlinger Zünfte und die Erhebung in der Mitte für die Achalm stehen. Auch der Stern der Weisen aus dem Morgenland könnte das Motiv fürs Gebäck geliefert haben.

Am Reutlinger Mutscheltag – dem Donnerstag nach Dreikönig – gab es in früheren Zeiten ein Preisschießen, bei dem die besten Schützen Mutscheln gewannen. Heute wird um die Mutscheln gewürfelt. (GEA)

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