Pfullingen / Eningen / Lichtenstein
Regionalstadtbahn - Jochen Gewecke vom Verein »Pro Regio Stadtbahn« informiert auf Einladung der VHS

Regionalstadtbahn: Drei Linien in Pfullingen möglich

VON PETRA SCHÖBEL

PFULLINGEN. Mit einer Stadtbahnlinie ohne Umsteigen von Pfullingen bis zur BG-Klinik oder nach Waldhäuser Ost in Tübingen fahren; mit der anderen Linie direkt zum Outlet-Shopping nach Metzingen oder weiter zum Flanieren nach Bad Urach; mit der dritten Linie Gomaringen, Dußlingen und Mössingen erreichen: Jochen Gewecke, Mitgründer und Mitglied im geschäftsführenden Vorstand des Vereins »Pro Regio Stadtbahn«, stellte den rund 40 Zuhörern am Montagabend im Feuerwehrhaus vor, was alles möglich werden könnte, würde die Regionalstadtbahn (RSB) auch in Pfullingen Wirklichkeit.

Jochen Gewecke von »Pro Regio Stadtbahn« beim Vortrag in Pfullingen vor einer Grafik, die die Regionalbahnstrecke in der Mühlstraße in Tübingen zeigt.  GEA-FOTO: SCHÖBEL
Jochen Gewecke von »Pro Regio Stadtbahn« beim Vortrag in Pfullingen vor einer Grafik, die die Regionalbahnstrecke in der Mühlstraße in Tübingen zeigt. GEA-FOTO: SCHÖBEL
»Das möchte ich gern noch erleben«, sprach eine Frau um die 50 am Ende der von der VHS Pfullingen organisierten Informationsveranstaltung aus, was wohl etliche andere dachten. Und sie ergänzte: »Und das hoffentlich noch im rüstigen Alter!«.

Für etliche Gäste des Abends war das, was Gewecke schilderte, neu. Das Thema Regionalstadtbahn hat es bisher weder in der Echazstadt noch in den Nachbargemeinden Lichtenstein und Engstingen, die ebenso davon profitieren könnten, in die öffentliche Diskussion geschafft. Das sollte sich ändern, meinte VHS-Leiter Ulrich Vöhringer, weshalb er den Vortrag mit Diskussion ins Programm aufgenommen hatte.
»Die Regionalstadtbahn hat wieder Leben in die Altstadt von Bad Wildbad gebracht«
 
Die Idee, stillgelegte Bahnlinien in der Region Neckar-Alb wiederzubeleben und sie mit bestehenden Streckenführungen zwischen den größeren Städten zu vernetzen, ist, wie Gewecke erklärte, schon rund 30 Jahre alt. 1999 wurde der Verein »Pro Regio Stadtbahn« gegründet, in dem sich parteiübergreifend Befürworter der RSB engagieren. 2003 wurden die Ergebnisse einer im Auftrag des Regionalverbands Neckar-Alb erstellten Machbarkeitsstudie präsentiert, 2012 lag die vier Jahre zuvor in Auftrag gegebene standardisierte Bewertung der Strecken vor. Darin geht es unter anderem auch um mögliche Haltepunkte in Pfullingen.

Sechs Stopps sind angedacht: Nach dem Südbahnhof, der letzten Reutlinger Station in Richtung Echaztal, würde die RSB Haltestellen im Bereich Hauffstraße, Zeilstraße, Pfullingen Mitte, Klosterkirche, Sandwiesenstraße und Schwimmbad anbieten. Nach Ansicht der Verkehrsexperten sollte die Bahntrasse durch die Innenstadt über die Marktstraße, die Große Heerstraße und die Klosterstraße verlaufen. Die alte Bahntrasse liege dafür nicht zentral genug und wäre wahrscheinlich für die Bewohner des Pfullinger Westens nicht interessant.

Gewecke schloss sich dieser Meinung an und betonte: »Es täte Pfullingen gut, würde die RSB auf der ehemaligen Bundesstraße fahren und den Blick freigeben auf die Läden in der Innenstadt.« Als Beispiel für eine positive Entwicklung führte er Bad Wildbad an, das an das Stadtbahnnetz Karlsruhe angeschlossen ist. »Dort hat die RSB wieder Leben in die Altstadt gebracht und der Einzelhandel berichtet von Umsatzsteigerungen von bis zu 100 Prozent.«

Der Mit-Initiator der regionalen Stadtbahn-Idee hatte noch weitere Beispiele parat: Ähnliche Schienennetze, die problemlos von Eisenbahnstrecken auf wesentlich unaufwendigere Straßenbahnschienen wechseln können, gibt es laut Gewecke »in allen Verdichtungsräumen des Landes mit Ausnahme der Region Neckar-Alb«; außerdem in Kassel, Chemnitz, Saarbrücken, Mulhouse, Nantes sowie im Großraum Paris. Überall sei es gelungen, den Stadt-Umland-Verkehr effizienter zu gestalten und Fahrgäste in die Bahn zu locken. Vor allem für Pendler sei die RSB eine Alternative. Gewecke hält allerdings ein ergänzendes Bus-Zubringer-System auch in Pfullingen für notwendig.

Was den volkswirtschaftlichen Nutzen der RSB angehe, »zahlt sich jeder investierte Euro mit 1,37 Euro wieder aus«, zitierte Gewecke aus einer Studie. Insgesamt gehe man von Investitionen in Höhe von rund 700 bis 800 Millionen Euro für das RSB-Netz, das in mehrere Module aufgeteilt wurde, aus. Grundsätzlich gebe es die Zusage vom Bund, sich an der Finanzierung zu beteiligen, erklärte er. Natürlich gelte es, noch viele Details zu klären. Spannend ist aus seiner Sicht die Frage, ob auch die Sanierung von existierenden Nahverkehrsstrecken förderfähig nach dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (GFVG) wäre. Er berichtete weiter, dass das Modul 1 – von Bad Urach über Reutlingen und Tübingen nach Herrenberg – derzeit »in der heißen Phase der Planfeststellung« sei. »Das ist kurzfristig bis 2019 realisierbar«, betonte er. In Reutlingen und Tübingen werde daher derzeit viel über Haltepunkte und ihre Gestaltung und Anbindung diskutiert.
»Je uneiniger Sie sind, desto länger wird es dauern«
 
In der Vorplanung sei die »Gomaringer Spange« von Reutlingen über Betzingen bis Mössingen. Den verantwortlichen Kommunalpolitkern in Pfullingen rät er, sich alsbald mit ihren Kollegen aus Lichtenstein und Engstingen zusammenzusetzen und eine gemeinsame Haltung zum Projekt RSB zu finden. Angesichts der zu erwartenden Konkurrenz der einzelnen Streckenabschnitte um Finanzierungsmittel sei es wichtig, Entschlossenheit zu zeigen: »Je uneiniger Sie sind, desto länger wird es dauern!«

In der anschließenden Diskussion meldete sich Eugen Hilbertz zu Wort, der selbst in der Verkehrsbranche tätig und Hochschuldozent für Verkehrsentwicklung ist. Seiner Ansicht nach löse die RSB das Problem des zunehmenden Pendelverkehrs mit dem Auto nicht. »Der Individualverkehr vom Umland nach Karlsruhe hat trotz Stadtbahn zugenommen«, führte er aus. Er hält außerdem Bussysteme, die nicht auf der Straße fahren, für ebenso effizient und zudem kostengünstiger als die RSB. Hinsichtlich der Barrierefreiheit sei die Bahn dem Bus deutlich überlegen, erwiderte Gewecke: »Steigen Sie mal mit sechs Fahrrädern in einen Bus!«

GAL-Ratsfrau Malin Hagel merkte an, dass es bereits Überlegungen gebe, den Pfullinger Bürgerbus so zu ertüchtigen, dass er die Haltestellen der RSB anfahren könne. Jochen Gewecke stellte abschließend fest, es gehe nicht darum, die RSB gegen Bus oder Auto auszuspielen. »Wir müssen vielmehr alle Möglichkeiten zur Mobilität nutzen und sie effektiver miteinander verzahnen.« (GEA)



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