Pfullingen / Eningen / Lichtenstein
Leute - Ursula Grohe und Waltraud von Ruepprecht-Bulling engagieren sich seit langer Zeit in der Asylarbeit

Pioniere der Pfullinger Asylarbeit: »Alle wollen in Frieden leben«

VON PETRA SCHÖBEL

PFULLINGEN/REUTLINGEN. »Auf diese Kinder musst du ganz besonderes achtgeben.« Mit dieser Mahnung ihrer Mutter verinnerlichte Waltraud von Ruepprecht-Bulling schon als junges Mädchen, dass es Menschen gibt, die ihre Unterstützung brauchen. Damals, der Zweite Weltkrieg war noch nicht lang vorbei, drückte sie in Bad Cannstatt gemeinsam mit Mädchen und Jungen aus Ostpreußen und Schlesien die Schulbank; Kinder, deren Familien aus ihrer Heimat geflüchtet oder vertrieben worden waren.

Sie gehören zu den  Pionieren der Asylarbeit in Pfullingen:  Waltraud von Ruepprecht-Bulling (links)  und Ursula Grohe  sind für ihr Engagement über mehr als 30 Jahre vor Kurzem mit der Landesehrennadel ausgezeichnet worden.
Sie gehören zu den Pionieren der Asylarbeit in Pfullingen: Waltraud von Ruepprecht-Bulling (links) und Ursula Grohe sind für ihr Engagement über mehr als 30 Jahre vor Kurzem mit der Landesehrennadel ausgezeichnet worden. FOTO: Petra Schöbel
Diese Achtsamkeit gegenüber Menschen aus anderen Ländern, die nicht aus freien Stücken, sondern aufgrund von ethnischer, religiöser oder politischer Verfolgung oder wegen eines Krieges in ihrem Heimatland nach Deutschland kommen, hat sie sich erhalten. Seit etwa 30 Jahren ist die heute 72-jährige Pfullingerin in der Asylarbeit tätig. Ebenso wie Ursula Grohe (67): Sie beschloss sich einzubringen, »weil wir an den Fluchtursachen unmittelbar nichts ändern können«, wie sie betont. Die geflüchteten Menschen hier zu unterstützen, bedeutet für sie, etwas gegen diese Ohnmacht zu tun. Beide Frauen sind für ihr langjähriges Engagement vor Kurzem mit der Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet worden (der GEA berichtete).

Beide sind selbst nach Pfullingen »neig'schmeckt«: Ursula Grohe kam 1973 aus der Pfalz in die Echazstadt und war als Lehrerin an der Wilhelm-Hauff-Realschule tätig; Waltraud von Ruepprecht-Bulling hat zwar ihre familiären Wurzeln hier in der Gegend, lebte und arbeitete aber viele Jahre im Sauerland, bevor sie 1989 nach Pfullingen zog.
»Anfangs trafen wir uns mit 40 Leuten in Wohnzimmern«
 

Etwa Ende 1987 muss es gewesen sein, als Thomas Schwamberger und Herbert Heidl von der damaligen Friedensgruppe einen Asylkreis ins Leben gerufen haben. Sie fanden etliche Unterstützer, vor allem aus den Reihen der GAL, der Kirchengemeinden und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), die bereit waren, sich um die Neuankömmlinge zu kümmern. Auch Ursula Grohe und Waltraud von Ruepprecht-Bulling wurden aktiv. Was alle einte, war die Erkenntnis, dass die Geflüchteten menschenwürdig behandelt werden müssen und einen Rechtsanspruch darauf haben, einen Asylantrag zu stellen: »Alle wollen in Frieden und Sicherheit leben, arbeiten und eine Perspektive für ihre Kinder haben«, sagt Ursula Grohe, »das war damals so und das gilt auch heute noch.«

»Anfangs trafen wir uns mit 40 Leuten oder mehr in Wohnzimmern«, blickt sie zurück. Auch die Jusos stellten ihr Lokal in der Klosterstraße als Treffpunkt zur Verfügung. Etwa 1989 entstand dann das Asylcafé in der Friedenskirche: »Das war und ist als Begegnungsort unheimlich wichtig«, sagt Ursula Grohe. Dort können die Flüchtlinge miteinander in Kontakt kommen, ihre Betreuer treffen, sich über alles Anstehende austauschen.

Zum Asylkreis gehörten damals außer Schwamberger und Heidl unter anderem Ruth Kraeße, Ingrid Rumpf, Sigrid Godbillon, Karl Ziefle, Michael Halter, Eva Tuttaß, Klaus Rogge, Elfriede Rogge, Mechthild und Georg Rogge, Renate Ludwig, Ursel Leopold und natürlich Waltraud von Ruepprecht-Bulling und Ursula Grohe. Weshalb es den beiden wichtig ist, hervorzuheben, dass sie die Auszeichnung »stellvertretend als Teil der großen Gruppe von engagierten Pfullingern« entgegengenommen haben.

Damals habe jeder eine besondere Aufgabe übernommen: Manche betreuten persönlich ganze Familien, andere boten Einzelberatung an, waren bei Arztbesuchen oder Behördengängen dabei, halfen bei der Wohnungssuche oder vermittelten alltagstaugliche Deutschkenntnisse. Spiel-, Bastel- und Lernangebote für die Kinder waren der Bereich, der Waltraud von Ruepprecht-Bulling am Herzen lag und den sie zusammen mit Waltraut Wisniewski von der Schloss-Schule und Ruth Kraeße organisierte.

Neben der Alltagsunterstützung für die Zugewanderten war es dem »Freundeskreis Asyl« auch wichtig, auf politischer Ebene etwas zu erreichen. »Wir haben zum Beispiel gegen die damals üblichen Essenspakete gekämpft«, berichtet Ursula Grohe. »Wir kauften sie ihnen ab, einerseits, um zu sehen, wie weit man mit dieser Ration überhaupt kommt, andererseits, um es ihnen zu ermöglichen, sich nach ihren eigenen Bedürfnissen zu versorgen«, schildert sie. Schließlich sei auch das Einkaufen, bei dem die Asylbewerber anfangs begleitet werden, ein Mittel zur Integration.

Schnelles Handeln war gefragt, wenn Asylbewerber mit Kindern von Abschiebung bedroht waren. »Dann haben wir Eingaben gemacht, manchmal direkt beim Ministerium«, berichtet Ursula Grohe. Wichtig war es ihnen immer, in der Bevölkerung um Verständnis für die Situation der zugewanderten Menschen zu werben. Deshalb organisierten sie Informationsveranstaltungen zur Lage in den Ländern, aus denen die Menschen gekommen waren. Oder sie luden zu Begegnungsfesten ein, beispielsweise auf dem Passy-Platz, mit Musik, Tanz und Essen aus verschiedenen Nationen.

Es waren Iraner, Libanesen, Pakistaner, Algerier, Tamilen und Eritreer, die vom Freundeskreis Asyl unterstützt wurden. Anfang der 90er-Jahre kamen dann vor allem Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien. In dieser Zeit wurden in Reutlingen Sammelunterkünfte eingerichtet, nach Pfullingen kamen keine neuen Flüchtlinge mehr. Der Freundeskreis löste sich daher Mitte der 90er-Jahre auf.

Viele der Aktiven setzten ihre Arbeit danach in Reutlingen fort. Die beiden Frauen brachten sich ein in neue Asylcafés in der Metzgerstraße und der Mauritiusgemeinde in Betzingen. Gemeinsam mit ihrem Mann Hans eröffnete Waltraud von Ruepprecht-Bulling eine mobile Fahrradwerkstatt in der Carl-Zeiss-Straße, um es den Asylbewerbern zu ermöglichen, selbstständig Deutschkurse zu besuchen, die damals nur in Tübingen angeboten wurden. »Fahrgeld gab es für sie nur in den Wintermonaten«, erinnert sie sich. Vor etwa drei Jahren erhielt die Werkstatt in der Ypern-Kaserne endlich eine feste Unterkunft und floriert seither: »Sie wird sehr gut angenommen.«
»Die Menschen sind sehr, sehr dankbar für die Unterstützung«
 

Ursula Grohe gab vertretungsweise Sprachkurse für Flüchtlinge in der Betzinger Unterkunft in der Carl-Zeiss-Straße. Als im Herbst 2014 der Bürgertreff mit der Flüchtlingsarbeit begann, wechselte sie wieder nach Pfullingen, wo sie das Asylcafé in der Friedenskirche mit aufbaute, Familienausflüge und Sportangebote für die Kinder mit organisierte. »Derartige Unternehmungen gibt es weiterhin, um den Menschen das Einleben zu erleichtern«, sagt sie. Die Pfullinger möchte sie ermuntern, einfach mal in einem der drei Asylcafés oder in der Fahrrad- und Projektwerkstatt vorbeizuschauen.

Beide sehen ihr Engagement nicht als Last, sondern als große Bereicherung an. Mehr als 100 Menschen unterschiedlicher Nationalitäten haben sie in den vergangenen 30 Jahren betreut, so schätzen sie. »Da sind auch viele persönliche Beziehungen entstanden«, erklärt Waltraud von Ruepprecht-Bulling, manche haben sich erhalten. »Vor einiger Zeit hat mich ein Iraner angerufen, der mit seiner Familie eine Weile in der Staufenburg in Unterhausen gelebt hat«, berichtet sie. Inzwischen sei er in Essen zuhause, habe einen Elektronikladen und sei dort gut integriert. »Aber ich werde Pfullingen nicht vergessen«, habe er ihr mehrfach gesagt.

»Die Menschen sind sehr, sehr dankbar für die Unterstützung«, hat auch Ursula Grohe erfahren. Und sie hat viel Neues von ihnen gelernt. Dank ihrer persönlichen Kontakte hat sie zum Beispiel einen Einblick in die tamilische Kultur gewinnen können: »Ich war zu einer Totenfeier und einer Hochzeit eingeladen.« (GEA)

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