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Pfullingerin ist von Beruf Eisenbahnromantikerin

VON JOACHIM BAIER

PFULLINGEN. Die Eisenbahn ist seit vielen Jahren der rote Faden im Berufsleben von Susanne Mayer-Hagmann. Für den SWR, für Arte und andere Sender hat sie die Welt kreuz und quer auf Schienen bereist, sei es Argentinien, Indien, Marokko, Madagaskar, die Schweiz oder Spanien. Mit über 100 Beiträgen hat die Filmemacherin mit dafür gesorgt, die gepflegte Eisenbahnromantik hierzulande medial zu kultivieren.

Susanne Mayer-Hagmann  im Straßenbahnmuseum von Thuin in  Belgien.
Susanne Mayer-Hagmann im Straßenbahnmuseum von Thuin in Belgien. FOTO: PRIVAT
»Ich bin eigentlich kein richtiger Eisenbahnfan«, gibt sich Susanne Mayer-Hagmann zur Begrüßung betont sachlich. Mit Zug-Devotionalien oder gar einer Spielzeugeisenbahn kann sie in ihrer Wohnung in Pfullingen nicht dienen. An den Wänden in der Küche hängen Familien- und Katzenfotos. Sie kocht Kaffee und tischt selbst gebackene Weihnachtsplätzchen auf. »Allerdings«, sagt sie dann, »wenn die großen Dampfloks vorbeidonnern, ist das sehr beeindruckend - ich hab deswegen schon Männer weinen sehen, die Kraft und die Schönheit dieser Maschinen überwältigt einen einfach.«

Als Quereinsteigerin zum SDR

Vor über 30 Jahren hat die Pfullingerin beim damaligen SDR in der Abteilung Kultur und Gesellschaft »als Hiwi«, wie sie sagt, angefangen. Es sei zu dieser Zeit beim SDR möglich gewesen, als Quereinsteigerin zu arbeiten. Ursprünglich hatte sie in Tübingen Germanistik, Musikwissenschaften und Geschichte studiert und anschließend für Verlage als Lektorin gearbeitet. Bis eines Tages der befreundete Fernsehjournalist Willy Reschl anrief und fragte, ob sie Lust hätte, bei einem SDR-Themenabend als Assistentin mitzumachen. Klar, hatte sie und so startete 1985 die Medienkarriere.

Aus der Assistentin wurde bald eine Regisseurin mit eigenen Filmen, 15-Minuten-Beiträge für die »Museumstipps« oder historische Themen. In den 1990er-Jahren drehte sie zudem Porträts über Jazzlegenden wie Steve Lacy oder Klaus Doldinger und über Designergrößen wie Dieter Rams, Ingo Maurer oder Konstantin Grcic. Für die Deutsche Welle produzierte sie einige Folgen der zwölfteiligen Reihe »Volksmusik in Deutschland« und ein Jahr später den Sechsteiler »Weltmusik in Deutschland«. Über ihre Heimatstadt Pfullingen berichtete sie 1999 im Rahmen der Dokuserie »Fahr mal hin«.

Gutes Betriebsklima

Im gleichen Jahr begann Susanne Mayer-Hagmann als Drehbuchautorin und Regisseurin bei der beliebten SWR-Sendereihe »Eisenbahn-Romantik« zu arbeiten. Der Moderator Hagen von Ortloff hatte sie gebeten, für einen Film ein Eisenbahnergedicht aus dem Englischen zu übersetzen. »Danach hat er mich gefragt, ob ich mit Eisenbahnen generell was am Hut hätte«, erinnert sie sich.

»Es war eine Möglichkeit, eigene Geschichten zu machen. Außerdem galt die Eisenbahn-Romantik als Kultsendung und es herrschte innerhalb der Redaktion ein gutes Betriebsklima, ich habe das immer so wie auf einer schönen Insel empfunden«, schildert sie ihre Beweggründe. Die Sendereihe war im April 1991 vom SDR als Pausenfüller im dritten Fernsehprogramm Südwest 3 gestartet worden und wurde schnell vom Publikum begeistert angenommen. Hagen von Ortloff, das Aushängeschild der Reihe, moderierte von Beginn an bis zu seinem Ruhestand Ende 2015, seit 2016 wird ohne Moderator produziert.

Zu Bestzeiten hat die Pfullingerin fünf bis sechs Filme pro Jahr gedreht. »Pro Film war ich mit meinem Team bis zu drei Wochen unterwegs«, sagt sie. Dabei hat sie eindrückliche Erinnerungen an Menschen, Landschaften und natürlich an legendäre Züge gesammelt - nicht immer rollten die nach Fahrplan.

In Argentinien sollte sie über die Fahrt im »Trén a las nubes« (Zug in die Wolken) berichten. Das Highlight, eine spektakuläre Überfahrt über das Polvorilla-Viadukt in 4 200 Metern Höhe. Für den Dreh musste das Team die Strecke wie immer zweimal zurücklegen: Einmal mit dem Auto, um den vorbeifahrenden Zug an den schönen Stellen abzupassen und zu filmen. Und dann natürlich auch im Zug. Der fuhr damals einmal pro Woche. Laut Fahrplan um vier Uhr morgens.

Um drei Uhr klingelte das Telefon in Susanne Hagmanns Hotelzimmer. Der Zug fahre heute nicht, hieß es. »So ein Drehplan ist immer sehr eng gestrickt, verlängern geht fast nie, da braucht es manchmal schon Nerven wie breite Nudeln«, erinnert sie sich auch an die Härten des Berufsalltages.

Das argentinische Hochland hat sie dann doch noch bezaubert. »Großartig waren auch Mexiko oder die unglaubliche Landschaft in Madagaskar«, gerät die Pfullingerin ins Schwärmen. Viele Tausend Schienenkilometer im In- und Ausland sind mittlerweile zusammengekommen. Aus dem Ländle hat sie ebenfalls berichtet, sei es über die Schwäbische Albbahn, über das »Öchsle« oder über die Freunde der Zahnradbahn Honau-Lichtenstein. Seit 2007 arbeitet sie zudem regelmäßig für Arte an der Sendereihe »Mit dem Zug durch -«. Sie sagt, »ich bin total dankbar, dass ich die Möglichkeit hatte, die ganze Welt kennenzulernen«.

Reisen mit Muße

Im kommenden Jahr geht Susanne Mayer-Hagmann mit 65 Jahren in den Ruhestand. »Ich hab locker 100 Filme gemacht«, blickt sie zurück, »davon mindestens 95 Prozent Eisenbahn-Themen«. Jetzt freut sie sich darauf, »mal längere Zeit am Stück zu Hause in Pfullingen zu sein«. Reisen möchte sie in Zukunft natürlich weiterhin, diesmal allerdings mit mehr Muße und ohne Kreativ-Druck. Vor der Rente gibt es vielleicht noch eine große Portion Eisenbahnromantik: Wenn Arte zusagt, will sie für drei Wochen mit einer alten Diesellok durch Borneos Dschungel dampfen. (GEA)



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