Pfullingen / Eningen / Lichtenstein
Leute - Anna Kletetschka vom VfL Pfullingen ist als Kampfrichterin eine feste Größe im Deutschen Turnerbund

Pfullinger Kampfrichterin: »Bei Olympia werten - ein Traum«

VON GABRIELE LEIPPERT

PFULLINGEN. »Was diese Frau so alles treibt« heißt eine Filmkomödie mit Doris Day aus dem Jahr 1963. In der Echazstadt könnte Anna Kletetschka vom VfL Pfullingen die Hauptrolle in einer Neuauflage übernehmen: Die 30-Jährige ist nicht nur ein weiblicher Hans-Dampf in allen Gassen, sondern Turn-Kampfrichterin im Frauenturnen mit Leib und Seele.

Anna Kletetschka (rechts)  mit Kollegen bei der Auswertungsarbeit. FOTO: PRIVAT
Anna Kletetschka (rechts) mit Kollegen bei der Auswertungsarbeit. FOTO: PRIVAT
Vor allem aber geht ihr ehrenamtliches Engagement weit über die Aktivitäten anderer hinaus. Denn während manche Trainer oder Betreuer rund drei bis vier Stunden in der Woche für ihren Verein im Einsatz sind, bringt sie für ihr Ehrenamt ungefähr drei Stunden täglich auf. Und das neben ihrem Vollzeitjob als Verwaltungsfachwirtin im Amt für öffentliche Ordnung der Stadt Stuttgart.

Angefangen hat alles beim Mutter-Kind-Turnen und bereits im Mädchenturnen stieg die Pfullingerin durch ihr sportliches Talent in die Leistungsgruppe auf. Sie war gerade mal 14 Jahre alt, als sie neben ihren eigenen Übungsstunden noch als Helferin der Trainer agierte. Als junge Erwachsene turnte sie immer noch aktiv in Pfullingen mit, absolvierte nebenbei den Lehrgang zur Trainer-C-Lizenz, und fungierte gleichzeitig als Trainerin ihrer eigenen Riege. »Das war aber schon ganz schön schwer«, blickt sie heute zurück.

Mit 21 Jahren wechselte sie mangels gleichaltriger Turnerinnen in Pfullingen zur TuS Metzingen und schaffte mit dieser Mannschaft sogar den Aufstieg in die Oberliga, der höchsten schwäbischen Liga im Turnen. Bis heute leitet sie zweimal pro Woche in Pfullingen eine Mädchengruppe, in Metzingen turnt sie selbst immer noch aktiv mit. Allerdings besucht sie zwischenzeitlich die Trainingsabende nicht mehr dreimal in der Woche, sondern nur noch »wie ich Zeit habe«.

»Habe mich wohl nicht ganz so schlecht angestellt«
 

Weil jeder Verein bei Wettkämpfen eigene Kampfrichter stellen muss, erwarb die rührige Turnerin 2009 die Juroren-D-Lizenz und schloss gleich ein Jahr später die nächsthöhere C-Lizenz an. Um die vom »Deutschen Turnerbund« (DTB) vorgegebene Richtlinie, dass zwischen den einzelnen Scheinen jeweils eine zweijährige Erfahrungszeit liegen muss, zu umgehen, stellte sie den Antrag, auch die B-Lizenz wiederum nur ein Jahr später zu erlangen. »Das ging gleich durch, weil ich die Prüfung zur C-Lizenz wohl mit sehr gutem Erfolg abgelegt hatte«. Sie habe sich dann auch beim Erwerb der B-Lizenz »wohl nicht ganz so schlecht angestellt«, denn zu ihrem Erstaunen wird sie 2012 vom Schwäbischen Turnerbund (STB) gefragt, ob sie nicht die Kampfrichterliga des Landesverbands leiten wolle.

Auf ihren Einwand, sie sei zu jung für so einen Posten, hatten die Verbands-Verantwortlichen geantwortet, sie trauten der Pfullingerin dieses Amt zu. Also übernahm sie 2013 das Ehrenamt als »Kampfrichterbeauftragte der STB-Liga« und wurde kurz darauf zum Erwerb der A-Lizenz des Deutschen Turnerbunds berufen. Sie legte die Prüfung zur A-Lizenz als beste Teilnehmerin ab, wurde in den deutschen Kampfrichter-Pool aufgenommen. Seither bundesweit auf Turnieren eingesetzt, wertet sie bei deutschen Meisterschaften, beim DTB-Pokal oder beim Olympia-Qualifikationswettkampf.

Gleichzeitig ist sie als STB-Beauftragte auch im Kampfrichterausschuss dabei, der etwa die Richtlinien für die Wettkämpfe festlegt. Im vergangenen Jahr hörte die bisherige Landeskampfrichterwartin auf und schlug die Pfullingerin als ihre Nachfolgerin vor. Im neuen Amt als »Schwaben-Chefin«, zu der sie einstimmig gewählt wurde, ist sie seit Januar zuständig für die Aus- und Fortbildung aller Kampfrichter, muss sich in den Wertungsprogrammen mit dem vereinfachten Kürsystem oder den Pflichtteilen bestens auskennen, die notwendige Anzahl an Kampfrichtern zu Wettkämpfen entsenden oder eventuelle Beanstandungen der Teilnehmer in Bezug auf Wertungen überprüfen.

»Ich darf nun die internationale Lizenz in Angriff nehmen«
 

Nebenbei absolvierte sie im Frühjahr auch noch ganz schnell die A-Plus-Lizenz. Zusätzlich sitzt Kletetschka im Fachgebiet Gerätturnen, dem höchsten Gremium in Schwaben, ist Mitglied des Liga-Ausschusses oder im Lenkungsstab der Gerätturnoffensive, der das Turnen in Schulen und in der Öffentlichkeit wieder attraktiver machen soll.

Die nächste Überraschung folgte auf dem Fuß. »Vor wenigen Wochen hat der DTB entschieden, dass ich nun die internationale Lizenz in Angriff nehmen darf«, wobei die Ausbildung hierfür bald beginnt. »Diese Plätze sind sehr begrenzt und der Kampf darum ziemlich groß,« freut sich die Pfullingerin über ihre Nominierung. Allerdings werde die Vorbereitung einschließlich der Prüfung in englischer Sprache abgehalten, die Anforderungen seien extrem schwer, betont sie die besondere Herausforderung. »Aber bei Olympia als Kampfrichterin dabei zu sein, wäre schon das allerhöchste der Gefühle«, sagt Kletetschka.

Ihr ganzes Leben hat Kletetschka um ihr Sportengagement herum organisiert. Wie viele Kilometer sie dabei auf der Straße oder im Flugzeug zurücklegt und wie viele Stunden sie insgesamt unterwegs ist, zählt sie schon gar nicht mehr. »Das läuft alles auf Ehrenamtsbasis«, sagt sie, auch wenn sie Kilometergeld oder die Übernachtungskosten bezahlt bekommt. Immerhin lernte sie durch ihr Amt deutsche Turnprofis wie Fabian Hambüchen und Marcel Nguyen persönlich kennen, telefoniert mal eben mit Kim Bui oder geht mit Elisabeth Seitz Kaffee trinken.

»Durch mein breites Leistungsspektrum weiß ich genau, was kleine Vereine an der Basis brauchen oder im Gegensatz der Spitzensport will«, betont Kletetschka. »Manchmal denke ich, alles ist ein Traum«: Die Sportlerin ist aber auch ein wenig stolz darauf, dass sie als Pfullingerin diese steile Karriere gemacht hat. Ihr Lebensgefährte Joachim Sautter mache alles klaglos mit. »Der kennt meinen Ablauf seit Jahren und gemeinsam haben wir entschieden - wenn nicht jetzt, wann dann«. Schließlich habe ihr Vater immer gesagt: »Normal sein kann jeder«. (GEA)

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