Pfullingen / Eningen / Lichtenstein
Stadtbild - Theodor Fischer hat das Stadtbild mit geprägt, an seine Arbeiter-Musterhäuser erinnert sich kaum jemand

Pfullingens vergessene architektonische Perlen

VON JOACHIM BAIER

PFULLINGEN. Der Architekt Theodor Fischer hat im vergangenen Jahrhundert Pfullingens Stadtbild wesentlich mit geprägt. Der Professor an der Technischen Hochschule in Stuttgart baute im Auftrag des Pfullinger Mäzens Louis Laiblin. Sei es der Schönbergturm, die Pfullinger Hallen oder der Erlenhof, viele seiner damals innovativen Bauten sind auch heute noch über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Weniger bekannt dagegen sind seine Arbeiter-Musterhäuser, für die er vermutlich 1905 die Baupläne zeichnete.

Planentwurf eines Arbeiter-Musterhauses aus der Feder von Theodor Fischer. Heutzutage erinnert allerdings nur noch wenig an die Handschrift des einstigen Stararchitekten. FOTO: STADTARCHIV PFULLINGEN
Planentwurf eines Arbeiter-Musterhauses aus der Feder von Theodor Fischer. Heutzutage erinnert allerdings nur noch wenig an die Handschrift des einstigen Stararchitekten. FOTO: STADTARCHIV PFULLINGEN
Drei dieser Musterhäuser stehen noch in der Hohmorgenstraße, allerdings erinnert rein äußerlich heutzutage nur noch wenig an den berühmten Architekten. Die Entwürfe sind in Fischers digitalem Nachlass in der Sammlung des Architekturmuseums der TU München zu finden. Ein weiterer Verweis auf Fischers Urheberschaft der Entwürfe, geht aus einem Schreiben von Laiblins Büroleiter Oskar Pixis an den Architekturprofessor hervor.

»Er wollte der Ausbreitung von Ziegelrohbauten Einhalt gebieten«
 

»Die Arbeiter-Musterhäuser beinhalten von ihrer Grundstruktur her auch bäuerliche Elemente«, erläutert der Pfullinger Stadtarchivar Stefan Spiller. »Die Häuser«, so schreibt Winfried Nerdinger in seiner Biografie über Fischer, »mussten dem doppelten Arbeitsfeld der Bevölkerung Rechnung tragen, so erhielten sie neben den üblichen Räumen auch Ställe, Tennen und Speicher«. Dunglegen außerhalb der Häuser waren ebenfalls vorhanden. Zudem habe die Raumkonzeption die Möglichkeit geboten, das obere Stockwerk separat zu vermieten.

Über die Motive Laiblins, die Pläne für die Musterhäuser in der Hohmorgenstraße, die ja nur einen Steinwurf von seiner Villa entfernt lagen, in Auftrag zu geben, schreibt der Fischer-Biograf: »Bei diesem Vorhaben ging Louis Laiblin nicht nur von rein praktischen Überlegungen aus; er wollte auch der Ausbreitung von Ziegelrohbauten - eine gewisse Bauart, deren Mangel an Nettigkeit die schöne Gegend zu verunzieren drohte - Einhalt gebieten und eine volkstümlichere Bauweise fördern.« Dementsprechend plante Fischer die Musterhäuser in der regionaltypischen Fachwerkbauweise. Die Dächer sollten mit Biberschwanz-Ziegeln gedeckt werden.

Vielleicht habe Laiblin mit dem Auftrag an Fischer einen Impuls für ähnlich gelagerte Bauprojekte im Echaztal geben wollen, vermutet Stadtarchivar Spiller. Allerdings sind von dem Pfullinger Mäzen keine direkten Aussagen zu den Arbeiter-Musterhäusern bekannt.

Finanziert und eigenverantwortlich gebaut hat die vier Häuser in der Hohmorgenstraße der Pfullinger Dietrich Senner. Dieser, 1863 als Sohn eines Maurermeisters geboren, hatte sich bereits beim Umbau der Martinskirche als zuverlässiger Handwerker hervorgetan. Beim Bau der Pfullinger Hallen wirkte Senner als Bauleiter mit. Auch als Immobilienunternehmer trat der Pfullinger in Erscheinung.

»Viele von Senners Bauten mit ihren aufwendigen Fassaden, unterschiedlichen Giebelgestaltungen, Dachlandschaften und Turmbauten prägen Pfullingens Stadtbild bis heute«, heißt es in einem Ausstellungstext des Geschichtsvereins. Dietrich Senner ist weiterhin als Grundstückseigentümer der Hausnummern 5/7 sowie 9/11 in der Hohmorgenstraße eingetragen. Der Pfullinger verstarb 1941 hoch geachtet und erhielt sogar einen Nachruf in der Reutlinger Zeitung.

»Es ist schön, hier zu wohnen, und wir haben viel Platz im Haus«
 

Dass in den Musterhäusern tatsächlich auch Arbeiter lebten, geht aus Einträgen des Pfullinger Adressbuchs aus den 1950er-Jahren hervor. Das Haus Hohmorgenstraße 11 musste in den 1990er-Jahren dem Bau des Seniorenheims weichen. Am aktuellen Bauzustand der verbliebenen drei Häuser erinnert nichts mehr an den berühmten Planer. Auch unter Denkmalschutz stehen die Gebäude nicht.

Nicht einmal die Bewohner wissen um die ungewöhnliche Entstehungsgeschichte ihrer Häuser. »Das war mir bislang nicht bekannt«, ist Barbara Keppler, die im Haus Nummer 7 wohnt, freudig überrascht von der Tatsache. Sie hätten das Gebäude vor etwa 20 Jahren in einem denkbar schlechten Zustand erworben und komplett umgebaut, berichtet die Pfullingerin. Man habe damals schon gesehen, dass im Erdgeschoss früher einmal Vieh gehalten worden sei. Barbara Keppler fühlt sich wohl in ihrem einstigen Arbeiter-Musterhaus: »Es ist schön, hier zu wohnen und wir haben viel Platz im Haus.« (GEA)

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