Pfullingen / Eningen / Lichtenstein
Gesprächsabend - Eninger reden über Eninger: »Die anderen mitten unter uns - miteinander in kultureller Vielfalt«

Nachdenken übers Heimatgefühl

Von Thomas Baral

ENINGEN. Das Problem »Bolzplätze«, Erlebnisse mit dem Rathaus, über Vorurteile, Sorge über zunehmende Spannungen unter Jugendlichen unterschiedlicher nationaler Herkunft im Ort bis hin zur Ermunterung, sich doch »gegenseitig als Bereicherung zu verstehen«: Eine ganze Reihe von Themen wurden angeschnitten am Dienstagabend im Johanneshaus. Teilweise war es sehr betroffen machend, was gesagt wurde. Es gab aber auch viel zu lachen über die Erfahrungen der Podiumsteilnehmer.

Klaus Barwig (Dritter von links) moderierte im Johanneshaus. Links neben ihm Birgül Cakmakci, rechts Lale Yildiz, Ziad Ali Hasan und Ivica Komadinada.  FOTO: BARAL
Klaus Barwig (Dritter von links) moderierte im Johanneshaus. Links neben ihm Birgül Cakmakci, rechts Lale Yildiz, Ziad Ali Hasan und Ivica Komadinada. FOTO: Thomas Baral


»Die anderen mitten unter uns - wie leben die verschiedenen kulturellen Gruppen in Eningen zusammen«, das war eigentlich das Thema des Abends. Es sei aber »Wie leben wir miteinander in kultureller Vielfalt« daraus geworden, meinte Pfarrer Günther Kempka für die Veranstalter des ökumenischen Gesprächsabends an dessen Ende. Diesen Weg hatte auch schon Pfarrer Robert Widmann in seiner Einleitung nahegelegt, der hoffte, es werde gelingen, herauszuarbeiten, wie man »auf eine gute Weise miteinander umgehen kann«.

Eingeladen hatten die evangelische, die katholische und evangelisch-methodistische Kirchengemeinden ins Johanneshaus. Und der Moderator Klaus Barwig, Studienleiter an der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, und seine Podiumsmannschaft mit Lale Yildiz, Ziad Ali Hasan, Nikolaus Beros und weiteren Eningern, saßen vor einem großen Publikum.

Brüchiges Selbstverständnis

Darunter waren Bürgermeister Alexander Schweizer, sein Hauptamtsleiter Albrecht Fausel und die beiden Gemeinderäte Annegret Romer und Günter Fischer. Zunächst war auch ein Trupp junger Leute mit dabei. Der zog aber nach einer halben Stunde - zum Bedauern aller - wieder ab. Junge deutsche Jugendliche hatten sich dagegen wohl gleich gar nicht eingeladen gefühlt.

In einer ersten Runde auf dem Podium wurde klar, welch brüchiges Selbstverständnis die Nachfahren von Einwanderer-Familien entwickeln: In Eningen geboren und aufgewachsen, inzwischen ins Berufsleben integriert, fragen die sich immer wieder, wohin sie eigentlich gehören. Meist haben sie sich das so zurechtgelegt, dass sie sich »als Eninger mit ausländischen Wurzeln fühlen« und beides für sie wichtig ist.

Heimat sei für ihn »da, wo meine Familie ist«. Das beispielsweise meint der kroatisch-stämmige Ivica Komadinada, der sich darüber im Zusammenhang mit den Heimattagen in Reutlingen viele Gedanken gemacht hatte. Andere aber gaben zu, »eigentlich heimatlos«, gleichwohl »in Eningen zu Hause« zu sein.

Die Situation des Irakers Ziad Ali Hasan machte viele im Saal betroffen: Er ist einst hierher geflüchtet und bekam Asyl: Inzwischen aber hat die Politik ihre Richtlinien geändert und er muss - obwohl beruflich voll integriert - fürchten, Deutschland verlassen zu müssen: »Zurück aber kann ich auch nicht«, sagt er.

In der zweiten Podiumsrunde äußerte Gisela Astfalk, es gebe momentan Grund zur Sorge. Sie sehe »zunehmende Spannungen« unter den Jugendlichen im Ort. Offensichtlich, das bestätigten auch andere auf dem Podium, hat sich einiges geändert in den letzten Jahren. Astfalk sieht jedenfalls »eine neue Distanz«. Jugendliche Eninger hätten zwar noch teilweise »ausländische« Freunde - es würden aber »immer weniger«.

Vergiftetes Verhältnis

Ursel Wünsche - selbst »eine Reigschmeckte in Eningen«, wie sie sagte - erzählte von ihren Erfahrungen als Erzieherin vieler türkischen Kindergartenkinder. Sie betonte die Wichtigkeit des Sprachenlernens, wies darauf hin, dass auch diese Kinder die Regeln hierzulande unbedingt lernen müssten, um bestehen zu können. Sie erzählte, auch schon mal türkischen Vätern klargemacht zu haben: »Hier gibt es keine Paschas«.

Bürgermeister Alexander Schweizer erzählte, in seinem Heimatort ganz selbstverständlich mit ausländischen Freunden aufgewachsen zu sein. Er erfuhr schließlich von Birgül Cakmakci, wie es zum schwierigen Verhältnis türkischer Jugendlicher mit dem Rathaus, das er bei seinem Amtsantritt so »vergiftet« vorgefunden hat, gekommen ist: Unversehens waren den jungen Fußballern unter Margarete Krug die Möglichkeiten genommen worden, auf dem Platz bei der Günther-Zeller-Halle zu kicken. Obgleich dies schriftlich von Bürgermeister Jürgen Steinhilber eingeräumt worden war. Und als er Krug gegenüber sagte, er gehe damit »zur Presse«, habe die ihm die Polizei nach Hause geschickt, um ihm klarzumachen, dass er das nicht dürfe.

Neben dem ewigen Streitthema Bolzplätze - die Eninger Einrichtungen wurden da verglichen mit denen in anderen Orten und sehr kritisiert, vor allem der Platz »beim Norma« - stand auch das Thema Schule im Mittelpunkt: Lale Yildiz, heute Justizreferendarin, berichtete aus eigenem Erleben, wie ihren Eltern trotz ihrer guten Noten vom Gymnasiumsbesuch abgeraten worden war. Sie musste den Weg zur Uni über Realschule und Abendgymnasium machen, weil ihre Eltern auf die Lehrer hörten. Erst bei ihrem dritten Geschwister hätten ihre Eltern sich nicht mehr irritieren lassen.

Birgül Cakmakci regte schließlich an, das Rathaus solle sich dem Thema öffnen und beispielsweise mal eine Kulturveranstaltung initiieren; etwas tun dafür, dass sich die ausländischen Eninger heimischer fühlen könnten. (GEA)


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