09.02.2012
Ausstellung - Eningens Entwicklung vom Weinbaudorf zur bedeutenden Handelsmetropole Württembergs
Pfullingen / Eningen / Lichtenstein
Mit Krummholzstab und Krätze
ENINGEN. Der »Eninger Krämer« steht im Mittelpunkt einer kleinen Ausstellung, die im Rathaus 1 bis Anfang April zu besichtigen ist. Ewald Schlotterbeck vom Heimat- und Geschichtsverein hat zusammen mit Herbert Ehrmann diese Schau aufgebaut. Auf verschiedenen Tafeln werden viele Informationen präsentiert. Ein lebensgroßes Krämermodell kann im ersten Stock des Rathauses besichtigt werden. Auch in eine »Krätze« - wie der Krämerkasten genannt wurde - können Interessierte Einblick nehmen zu den normalen Öffnungszeiten des Rathauses.
Weinbau in Eningen, das war einmal vor langer Zeit. Nur Straßen- und Gewannnamen - und die Figuren der Narrenzunft - erinnern heute an diese einstige Erwerbsquelle der Eninger. »Weinbergstraße«, »An der Bachkelter« oder »Loschenhalde« sind solche alten Überbleibsel.
Waren getauscht
Nachdem Schädlinge und andere Einflüsse dem Weinanbau in wenigen Jahrzehnten den Garaus gemacht hatten, musste sich die Eninger Bevölkerung einen neuen Erwerbszweig suchen. Sie fand diesen im Landhandel, der Ende des 17. Jahrhunderts begann und bis ins 19. Jahrhundert reichte. Anfänglich war es ein Hausiererhandel, Kalenderschriften des laufenden und neuen Jahres sowie christliche Schriften und Psalmen wurden an Haushalte verkauft oder gegen andere Waren getauscht. Dieser Handel florierte schon nach wenigen Jahrzehnten, die Hausierer zogen als Krämer mit ihren Waren in die Fremde.
Robust, allwettertauglich gekleidet, mit gutem Schuhwerk und einem Krummholzstab als Wanderstock und Abwehrwaffe, einen Warenladen in der Holzkiste - der Krätze - auf dem Rücken tragend, schaffte mancher Krämer weite Strecken bis in andere Länder: Nach Holland, Belgien, ins Elsass und nach Lothringen, aber auch in die Schweiz und nach Österreich, sogar bis in die Städte des Zarenreichs, beispielsweise ins heutige Kiew, kamen die Eninger. Auf diesen Wanderschaften tauschten sie ihre Ware gegen dortige und brachten die fremden Güter mit nach Eningen.
Früh im Jahr zogen sie los um an »Jakobi«, dem 29. Juli, und an Weihnachten wieder mit neuer Ware heimzukehren.
In der Blütezeit des Landhandels im 18. Jahrhundert entstand dann an diesen Heimkehr-Terminen der »Eninger Congress«, der immer mehrere Tage dauerte. Viele Kaufleuten aus nah und fern nahmen die Gelegenheit wahr, die mitgebachten Handelswaren aufzukaufen.
In diesen Zeiten war Eningen dann völlig überlaufen: Damals hatte der Flecken normalerweise 3 500 Einwohner, aber an den »Congress«-Tagen wurden drei- bis viermal so viele Leute im Dorf gezählt.
Was dabei damals alles geschah und wie lange dies dauerte, kann im Heimatmuseum nachvollzogen werden, das am 1. April seine Pforten wieder öffnen wird. (GEA)
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