Mountain Spirit - Der ehemalige Reutlinger Chefarzt Dr. Claußnitzer und seine Frau geben ihr Wissen in Nepal weiter
Medizin für die Ärmsten
Von Uwe Sautter
LICHTENSTEIN/REUTLINGEN. Es wäre schade, wenn so viel Wissen brachläge. Vor allem, wenn man mit dem Gelernten richtig Gutes tun kann. Dr. Rainer Claußnitzer (64) und seine Frau Anne (51) sind da einer Meinung. Im September fährt der ehemalige Chefarzt am Reutlinger Klinikum am Steinenberg nach Nepal. Der begeisterte Bergsteiger ist dann nicht, wie so oft in den vergangenen Jahren, als Expeditionsarzt unterwegs. Wenngleich sein Einsatz auch etwas Abenteuerliches hat. Die Claußnitzers wollen helfen, die medizinische Situation in einer der ärmsten Bergregionen der Welt zu verbessern.
Die Krankenstation im nepalesischen Chyangmityang ist eine Anlaufstelle für Dr. Rainer Claußnitzer und seiner Frau Anne.
Und dafür braucht es eigentlich nicht viel. Geräte und technische Hilfsmittel haben die beiden Mitglieder des in Lichtenstein beheimateten Vereins Mountain Spirit Deutschland nicht im Gepäck. Der anerkannte Gefäßchirurg hat vor allem Bücher eingepackt - grundlegende Bücher. Einfache Wundversorgung zum Beispiel, aber auch »Wie baue ich eine Toilette ohne Wasser«.
Basiswissen vermitteln
Denn viele Erkrankungen der nepalesischen Bevölkerung können seiner Meinung nach schon im Keim erstickt werden, wenn einfache hygienische Regeln beachtet werden. »Wir müssen den Kindern beibringen, die Hände zu waschen«, ist eine davon. Der Bau einfacher sanitärer Einrichtungen eine andere. »Nur zehn Prozent der Menschen haben Zugang zu sauberem Wasser. Da ist es entscheidend, dass es Klos gibt und wo diese stehen.«
Hilfe zur Selbsthilfe
Vor allem in der vom Mountain Spirit gemeinsam mit der örtlichen Bevölkerung aufgebauten Krankenstation Chyangmityang wollen Claußnitzer und seine Frau den Menschen helfen, ihre Probleme selbst zu lösen - Hilfe zur Selbsthilfe geben - ganz im Einklang mit dem Grundgedanken des Vereins Mountain Spirit. Sein stellvertretender Vorsitzender Wolf J. Lehner freut sich denn auch mächtig über das Engagement des im Frühjahr pensionierten Chirurgen.
Vor allem, da das Engagement nicht die Vereinskasse belastet. »Die beiden reisen auf eigene Kosten«, so Lehner. Mit der Reise des Mediziners und der gelernten Krankenschwester bekommt das Engagement des Vereins auch eine neue Dimension. »Damit investieren wir nicht mehr nur in Gebäude und Einrichtungen, sondern auch in das Training und die Ausbildung der Bevölkerung. Und das längerfristig.«
Für das Ehepaar ist der vierwöchige Aufenthalt im Herbst erst der Auftakt. Im Frühjahr soll es wieder nach Nepal gehen. Dann acht Wochen. Rainer Claußnitzer denkt auch darüber nach, einmal einfache Operationstechniken zu vermitteln. Solange es der Gesundheitszustand erlaubt, wollen sie weiter machen. »Ich bin dankbar, hier geboren zu sein«, sagt Claußnitzer, etwas von ihrem Glück wollen die beiden weitergeben. Gleichzeitig ist es aber auch ein Traum des Ehepaars »in so einer großartigen Landschaft mit freundlichen und offenen Menschen zusammenzuarbeiten, sie auszubilden«.
Hoffnung auf ein besseres Leben
Doch auf eines legen die beiden besonderen Wert: »Es geht nicht darum, westliche Medizin überzustülpen.« Wissen und Kultur vor Ort kennenlernen, mit den Schamanen und Mönchen zu sprechen, das wird im September genauso wichtig sein wie die Besuche in Schulen oder den Dorfgemeinschaften. Ein paar Sätze Nepali sprechen die beiden, das reicht, um die Herzen zu öffnen. Denn sie wollen und müssen Vertrauen aufbauen. Besonders Anne Claußnitzer. Ihr Thema wird die Familienplanung sein.
Eines ist ihnen auch bewusst, verbessert sich die medizinische Lage, sinkt die Kindersterblichkeit, muss Geburtenkontrolle ein Thema sein. »Sonst explodiert die Lage«, sagt Wolf Lehner. Steigt die Landbevölkerung noch rasanter an, wachsen die Slums etwa in Kathmandu noch schneller, verarmt die Bevölkerung noch mehr. Und der Verein verpasst sein Ziel. Nämlich - den Menschen vor Ort eine Zukunft, eine Hoffnung auf ein besseres Leben zu geben, sie in den Bergen zu halten und die Landflucht zu verhindern. Und dafür arbeiten die Claußnitzers gerne. (GEA)