Pfullingen / Eningen / Lichtenstein
Mediation - Der Konflikt zwischen Bürgermeister Michael Schrenk und dem Gemeinderat soll professionell gelöst werden

Mediation soll Bürgermeister-Konflikt in Pfullingen lösen

VON PETRA SCHÖBEL

PFULLINGEN. Der Konflikt zwischen Bürgermeister Michael Schrenk und dem Pfullinger Gemeinderat soll im Zuge einer Mediation beigelegt werden. Das hatte Landrat Thomas Reumann angeregt.

Aufgabe des Mediators ist es, einen Prozess in Gang zu setzen, der ein Ziel hat: eine einvernehmliche Einigung. Symbolbild: Fotolia
Aufgabe des Mediators ist es, einen Prozess in Gang zu setzen, der ein Ziel hat: eine einvernehmliche Einigung. Symbolbild: Fotolia
Mediator soll der ehemalige Tübinger Regierungspräsident Dr. Jörg Schmidt sein. Wie aussichtsreich ist ein solches Verfahren? Wie würde es ablaufen?

Der stellvertretende Bürgermeister Martin Fink, der es in dieser Situation als seine Aufgabe ansieht, sich neutral zu verhalten, stellt sich die Mediation als »22 plus 1«-Gespräche vor: Auf der einen Seite die Mitglieder des Gemeinderats, auf der anderen der Bürgermeister. Das hat er auf Nachfrage erklärt.

Dr. Stefan Kracht, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Mediation, sieht dieses Modell lediglich für den Start als notwendig an. Im Gespräch mit dem GEA erklärt er, was Mediation im Konfliktfall bewirken kann.

»Sicher müssen zu Beginn mal alle an einen Tisch«, bestätigt Kracht. Doch grundsätzlich hielte er eine solche Gesprächssituation auf Dauer für schwierig. »Angesichts von 22 Personen geriete der Bürgermeister schnell in die Defensive«, betont er. Weshalb aus seiner Sicht eine kleine Runde aus Ratsmitgliedern für die Mediation geeigneter wäre. »Die Ergebnisse könnten anschließend ja von allen besprochen werden.«

Das kann sich grundsätzlich auch Martin Fink vorstellen. »Das hängt sicher vom Mediator ab, wie dabei vorgegangen wird«, erklärt er. Auf jeden Fall müsste das Verfahren zu Beginn abgeklärt und von allen Beteiligten bestätigt werden.

Das sieht auch Kracht so: »Es fängt damit an, dass der Mediator von allen akzeptiert wird.« Habe man sich dann auf eine Verfahrensform verständigt und entschieden, wer alles an der Gesprächsrunde teilnehme, könne die Mediation inhaltlich beginnen. »Da erhält dann jede Partei zunächst einmal die Gelegenheit, die Dinge aus ihrer Sicht zu schildern«, betont Kracht, »da geht es erst einmal nur ums Zuhören.«

»Man darf dabei auch verrückte Ideen zulassen«
 

Aufgabe des Mediators sei es dann, die unterschiedlichen Positionen in Themen zu »übersetzen«. Diese würden dann von den Beteiligten bewertet, zum Beispiel anhand eines Punktesystems, und in der Reihenfolge ihrer Bedeutung abgearbeitet, erklärt Kracht, der seit fast zwanzig Jahren Mediationen leitet.

Ganz besonders wichtig ist es aus seiner Sicht, nicht einfach einen Kompromiss zu suchen, sondern »hinter die Positionen« der beteiligten Parteien zu schauen. Er nennt das Beispiel zweier Kinder, die sich um eine Orange streiten. »Naheliegende Lösung für die Mutter, die den Streit schlichten will, ist es, jedem eine halbe Orange zu geben«, sagt er.

Würde sie aber mit den Streithähnen darüber sprechen, was jeder wolle, dann käme dabei vielleicht heraus, dass ein Kind den Saft zum Trinken möchte, das andere aber die Schale braucht, um sie in den Kuchenteig zu reiben. Auf diese Weise könnte es eine für beide Seiten zufriedenstellende Lösung geben.

Kracht räumt ein, dass der vorliegende Fall natürlich viel komplexer sei als das Teilen einer Orange. »Der Mediator muss aber sowohl den Bürgermeister wie auch die Ratsrunde fragen: Warum nehmt ihr diese Position ein?«, erklärt er. Man müsse davon ausgehen, dass beide Seiten aus ihrer Sicht jeweils das Beste erreichen wollten. Aufgabe des Mediators müsse es sein, diese Positionen zu filtern und zu hinterfragen. Und jeweils nachzuhaken, warum die beiden Parteien glauben, dass das Miteinander nicht funktioniert. »Beide Seiten müssen auch erkennen lassen, dass sie nicht ihre Position durchsetzen wollen, sondern an einer einvernehmlichen Lösung interessiert sind«, betont Kracht.

Lösungsvorschläge könnten in einem gemeinsamen Brainstorming erdacht werden. »Dabei darf man auch verrückte Ideen zulassen«, sagt der Experte. Diese setzten bisweilen einen Prozess in Gang, der zu einer realistischen Lösung führen könne. »Wenn das gut gemacht ist, hält das Übereinkommen dann ewig«, ist Krachts Erfahrung. Oft gebe es nach einem halben Jahr eine Nach-Mediation, um den Erfolg zu überprüfen.

Wie lang ein solches Verfahren dauern könne, sei völlig offen. »Das hängt stark von der Komplexität der Themen ab.« Nach seiner Erfahrung könne ein einzelner Mediations-Termin zwei bis drei Stunden dauern, in denen effektiv miteinander gesprochen werde. »Danach rauchen allen die Köpfe«, sagt Kracht.

Er hat allerdings auch schon anderes erlebt: »Manchmal kann es auch acht Stunden lang gut funktionieren.« Nach einer Gesprächsrunde sei es wichtig, das Erlebte erst einmal sacken zu lassen und die nächste Runde erst eine Woche später einzuberufen.

»Alle müssen sich bereit erklären, diesen Weg mitzugehen«
 
Spätestens nach fünf bis sechs Sitzungen sei es dann in der Regel absehbar, ob die Mediation klappen könne oder nicht. »Ich selbst frage die beteiligten Parteien nach dem vierten Mal, ob sie glauben, dass es zu einer einvernehmlichen Lösung führen könnte«, sagt er.

Für Martin Fink ist es klar, dass sowohl der Bürgermeister wie auch der Gemeinderat an einer Lösung, die von allen akzeptiert werden kann, interessiert sind. Wie diese gefunden werden kann, ist auch für ihn noch eine spannende Frage. Allerdings steht für ihn fest: »Alle müssen sich bereit erklären, diesen Weg mitzugehen.« (GEA)

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