Pfullingen / Eningen / Lichtenstein
Essstörung - Mit 13 Jahren wurde Lena magersüchtig. Sie brauchte zwei Therapien, um das Essen wieder zu lernen

Magersucht besiegt: Keine Angst mehr vor Schokolade

Von Petra Schöbel

LICHTENSTEIN-UNTERHAUSEN. Lena* hat den Gipfel fast erreicht. Es ist noch nicht so lange her, da stand sie mutterseelenallein am Fuß des Berges, unüberwindlich schien er ihr. Doch sie wollte hinauf. Sie scheute keine Anstrengung, selbst wenn sie mit Leid verbunden war. Und sie fand Menschen, die ihr halfen, sie für den steilen Anstieg rüsteten. Jetzt ist sie ganz kurz vor dem Ziel!

Der Blick auf die Waage war für Lena* eine Qual. Als sie mit 13 Jahren magersüchtig wurde, hörte sie auf, sich zu wiegen.  ARCHIVFOTO: MEV
Der Blick auf die Waage war für Lena* eine Qual. Als sie mit 13 Jahren magersüchtig wurde, hörte sie auf, sich zu wiegen. ARCHIVFOTO: MEV
Der Aufstieg auf den Berg versinnbildlicht für Lena den Weg zurück in die Normalität. Denn fast drei Jahre lang war für das jetzt 16-jährige Mädchen aus Unterhausen gar nichts »normal«: Lena war magersüchtig. Auf dem Tiefpunkt ihrer Krankheit wog sie nur noch 37 Kilogramm. Es konnte für sie nur noch bergauf gehen, als sie sich zur Therapie entschloss.

Angefangen hat alles mit Problemen in der Schule, als sie 13 Jahre war. Sie besuchte ein Reutlinger Gymnasium, war - und ist bis heute - eine gute Schülerin. »Ich hatte mich mit meiner allerbesten Freundin zerstritten«, erinnert sie sich. Sie fühlte sich nicht mehr akzeptiert in ihrer Klasse. Automatisch suchte sie die Ursache bei sich selbst: »Ich war sehr unzufrieden mit meinem Aussehen damals.« Wenn sich daran schon nichts ändern ließ, dann wollte sie eben auf andere Weise auf sich aufmerksam machen, das waren ihre Gedanken.

»Es ging mir nie darum, einfach nur dünner zu werden«
 

Sie fing an, sich selbst zu verletzen, aber das war ihr nicht genug. Dann aß sie weniger, bald fast gar nichts mehr. In kurzer Zeit nahm sie rapide ab, stritt deswegen unentwegt mit den Eltern, die das Fasten ihrer Tochter nicht hinnehmen wollten. »Es war die Hölle auf Erden«, beschreibt sie aus heutiger Sicht ihre verzweifelte Lage damals.

»Es ging mir nie darum, einfach nur dünner zu werden«, sagt Lena. Eigentlich habe sie Halt und Aufmerksamkeit gebraucht. Doch weil sie sich nur noch auf sich selbst konzentrieren konnte, die Krankheit sie »voll im Griff« hatte, nahm sie die Hilfen und Handreichungen anderer nicht mehr wahr. »Ich habe meine Eltern angelogen«, erzählt sie, »habe Essen einfach weggeschmissen.« Innerhalb von nur drei Monaten verlor die 13-Jährige acht Kilogramm, wog schließlich nur noch 40 Kilogramm. Da willigte sie ein, sich behandeln zu lassen.

In der psychosomatischen Abteilung des Kreisklinikums Reutlingen, in die Lena im September 2009 eingewiesen wurde, war Gehorsam gefordert. Sie musste mehrmals täglich essen, viel liegen. Sie fühlte sich »eingeschlossen wie im Gefängnis«, flehte ihre Eltern an, sie rauszuholen - und blieb doch ein halbes Jahr. Solange dauerte es, bis sie ihr Zielgewicht fast erreicht hatte: Mit 49,8 Kilogramm wurde sie entlassen. Heute, mit Abstand zu dieser Erfahrung, sagt sie: »Ich habe viel gelernt in dieser Zeit.«

Lena hätte schon damals gern »ganz neu« angefangen, hatte sich schon eine andere Schule ausgesucht. »Aber die Ärzte bestanden darauf, dass ich wieder an das Gymnasium zurückging«, erzählt sie. Sie fügte sich, kam mit den Mitschülern ganz gut zurecht, hatte neue Freunde. Und dennoch, auf psychischer Ebene, jede Menge Stress. Einmal pro Woche musste sie sich beim Arzt wiegen lassen: Bei einem Gewicht unter 47 Kilogramm hätte er sie sofort wieder in die Klinik eingewiesen. »Ich habe immer an diesem Limit gelebt«, blickt sie zurück. Sie gewöhnte sich an, vor den Wiegeterminen viel zu trinken.

Über die Frage, ob Sport treiben in ihrer Situation sinnvoll sei, überwarfen sich Lenas Eltern mit dem Mediziner. Der neue Arzt bestellte sie zwar einmal wöchentlich ein, hielt aber das Wiegen für entbehrlich. »Er wollte mehr mit mir reden«, sagt Lena. Das führte dazu, dass sie prompt wieder abnahm. Und schnell von Neuem in alte Gewohnheiten verfiel.

»Wenn ich zunehme, dann denken die, es geht mir gut«
 

Den Blick vor allem auf sich selbst und ihre eigenen Ansprüche gerichtet, wurden soziale Kontakte wieder problematisch. Sie aß nichts, weil sie von ihrem Mitschülern Mitleid erzwingen wollte. »Wenn ich zunehme, dann denken die, es geht mir gut« - so gibt sie ihre Gedanken von damals wieder. Dass sie sich ausgeschlossen fühlte, hatte sie sich selbst zuzuschreiben. Das hat sie inzwischen erkannt: »Ich habe gelebt wie in einer Seifenblase.«

Vor etwa einem Jahr war sie wieder ganz unten. »Ich habe dann selbst beschlossen, wieder eine Therapie zu beginnen.« Doch die Filderkilinik, in die sie eigentlich wollte, konnte sie nicht aufnehmen, auch in Tübingen gab es keinen Platz. Sie landete wieder in der Psychosomatik in Reutlingen, dem letzten Ort, an den sie je wieder zurückwollte. Sie wog 39 Kilogramm.

Dass es für ihre Tochter unmöglich war, dort zu bleiben, sahen Lenas Eltern ein und holten sie wieder nach Hause. Das Mädchen selbst suchte nach Alternativen und fand schließlich die psychosomatische Klinik in Prien am Chiemsee, die auf Essstörungen spezialisiert ist. »Zwei Wochen dauerte es, bis ich dort aufgenommen werden konnte«, erzählt sie. Das kostete sie zwei weitere Kilo.

Im Februar begann sie dort die Therapie, die ganz auf die Mitarbeit der Patienten setzt. »Ich konnte dort selbst entscheiden, wann und wieviel ich essen wollte oder wann ich rausgehen wollte«, berichtet Lena. Mit dieser Freiheit umzugehen, hat sie gefordert. Es dauerte ein paar Wochen, bis sie zum Kern ihres Problems vorgedrungen war. Dann aber überfiel sie die Erkenntnis wie ein Blitz: »Ich will leben! Ich will hier raus!«

Von diesem Moment an begann sie, den Berg zu erklimmen. Sie lebte dort unter »Gleichgesinnten«, das erleichterte den Umgang miteinander, der »sehr liebevoll« war. Und sie hatte dort vor Augen, wohin die Magersucht auch führen konnte: »Da waren Leute, denen ging es noch viel schlechter als mir.«

Lena entdeckte das Essen für sich neu. Hatte sie bisher Nahrungsmittel in Kategorien wie »gefährlich« und »nicht gefährlich« eingeteilt, lernte sie dort wieder, ohne Vorbehalte zu genießen, und zu essen, was ihr schmeckt. »Ich habe jetzt keine Angst mehr vor Schokolade«, sagt sie und lacht, »im Gegenteil!«

Sie hätte es in Prien länger ausgehalten und gern abgewartet, bis sie die anvisierte 50-Kilo-Grenze erreichte. Doch im Mai bekam sie einen Platz in ihrer Wunschschule. Diese Chance wollte sie nicht rauslassen. Und es hat sich gelohnt: »Dort ist die Atmosphäre viel wärmer«, beschreibt sie den Unterschied zu früher. Sie fand schnell Anschluss, ist in den Klassenverband gut integriert: »Jetzt habe ich Freunde, treffe mich spontan mit ihnen, das macht total Spaß.«

»Das Wichtigste ist, sich die Krankheit einzugestehen«
 

Früher, so sagt sie, habe sie etwas Besonderes sein und sich von anderen Jugendlichen abheben wollen. Jetzt ist sie glücklich, eine unter Gleichen zu sein. Die wenigsten ihrer neuen Freunde wissen von der Krankheit, die sie überwunden hat. Und das findet sie gut so. Wenn sie mit ihren Mitschülern gemeinsam in der Schulmensa isst, bleibt selten etwas auf ihrem Teller übrig.

Lena hat jetzt Spaß am Leben und wieder Lust am Essen. Doch sie müht sich, zuzunehmen. 45 Kilogramm, mehr bringt sie nicht auf die Waage. Das andauernde Fasten hat ihren Magen so sehr schrumpfen lassen, dass sie jetzt nicht wirklich »reinhauen« kann. Aber sie ist guten Mutes, dass sich das allmählich ändern wird. 52 Kilo ist ihr »Traumgewicht«. Immerhin ist sie 1,70 Meter groß.

»Ich habe mehr als zwei Jahre meines Lebens verschenkt«, sagt sie im Rückblick. Diese Zeit und vor allem die Therapie in Prien haben sie geprägt. »Ich habe mich geistig weiterentwickelt«, betont sie. In psychologischer Behandlung ist sie noch heute.

»Das Wichtigste ist, sich die Krankheit einzugestehen«, rät sie allen Mädchen, denen es jetzt vielleicht ähnlich geht, wie ihr vor drei Jahren. »Und jemanden zu finden, der für einen da ist.« Denn ganz allein könne es niemand schaffen, aus dem verhängnisvollen Kreislauf von Selbstzweifeln und Hungern herauszukommen.

Lena hat es fast geschafft. Nur manchmal überfallen sie noch die »alten Gedanken«. Aber jetzt kann sie ihnen ihre positiven Lebenserfahrungen entgegensetzen und wieder zum normalen Alltag übergehen. Sie hat die Angst davor verloren. Deshalb ist sie sich sicher: »Den Gipfel des Berges, den habe ich bald erreicht!« (GEA)

(*Name von der Redaktion geändert)

Ursachen für Essstörungen


Dass sich Mädchen im Teenie-Alter zu dick finden, ist weit verbreitet. 15 Prozent von ihnen haben ein Problem mit ihrem Essverhalten. Das haben Studien belegt. Dr. Gottfried Maria Barth, Kinder- und Jugendpsychiater an der Universität Tübingen, behandelt täglich Patienten mit Essstörungen, in der Sprechstunde und auf der Station. »Zwei bis sieben unserer 25 Betten sind stets mit Magersucht-Patienten belegt«, berichtet er. Im Durchschnitt bleiben sie ein halbes Jahr in der Klinik. In der Regel wirken mehrere Faktoren zusammen als Auslöser der Krankheit. Großen Anteil daran haben die Rollenbilder, die in der Gesellschaft fest verankert sind: Frauen sollen schön und schlank sein, beruflich erfolgreich, dazu noch gute Ehefrauen und Mütter.

Dieses Ideal setze schon junge Mädchen derart unter Druck, dass sie eben manchmal lieber »gar nicht Frau werden wollen« und in die Essstörung flüchteten. Auch ein verunsicherndes, enges Verhältnis zum Vater spiele oft eine Rolle. »Früher sprach man von der dominanten Mutter als Problem«, betont Barth und weist darauf hin, dass diese beiden Faktoren in der Regel miteinander verbunden seien.

Insbesondere Mädchen entwickelten gern sehr starre Selbstideale. »Es sind oft überaus leistungsorientierte Mädchen mit sehr hohen Ansprüchen an sich selbst, die erkranken«, weiß er. Wären sie labiler, hätten sie gar nicht die Disziplin, das Fasten durchzuhalten. »Sie bilden sich ein, perfekt sein zu wollen, und scheitern an den eigenen Erwartungen«, betont der Psychiater. Die Kontrolle über das Körpergewicht gibt ihnen scheinbar Sicherheit. Bleiben sie dabei konsequent, werde es gefährlich: »Bei manchen führt die Magersucht zum Tod.«

Um junge Menschen vor den Folgen des Dauerfastens zu warnen, greift Barth auch zu krassen Worten: »Magersucht ist ein Suizidversuch.« (ps)

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