Pfullingen / Eningen / Lichtenstein
LEUTE - Die Engländerin Barbara Frost radelt gerne in ihrem »Paradies«. Beeindruckt vom Pfullinger Gemeinschaftssinn

Liebesaffäre mit der Alb

VON MONIKA TOMAN-BANKE

PFULLINGEN. An ihren ersten Besuch in Reutlingen im Herbst 1985 kann sich Barbara Frost noch sehr gut erinnern, »weil ich so beeindruckt war.

 Barbara Frost, in Pfullingen wohnende Gastprofessorin an der ESB Reutlingen, erkundet auf dem Fahrrad gerne die Schwäbische Alb. Dort schaut sie sich besonders die Blumenwiesen an, fotografiert die Pflanzen. Mit ihren Bildern gewann sie 2008 einen Preis im Fotowettbewerb des Vereins Blumen wiesen-Alb.
Barbara Frost, in Pfullingen wohnende Gastprofessorin an der ESB Reutlingen, erkundet auf dem Fahrrad gerne die Schwäbische Alb. Dort schaut sie sich besonders die Blumenwiesen an, fotografiert die Pflanzen. Mit ihren Bildern gewann sie 2008 einen Preis im Fotowettbewerb des Vereins Blumen wiesen-Alb. FOTO: Erwin Scheib
Es war Altweibersommer, die Blumenbeete standen in voller Blüte, alles war blitzsauber.« Von der Achalm aus sieht sie zum ersten Mal die Schwäbische Alb. »Es war Liebe auf den ersten Blick«, schwärmt sie noch immer.

Berufsbedingt war sie mit Reutlingen in Kontakt gekommen. Die heutige Middlesex University in London, wo Barbara Frost Statistik lehrte und dieses Fachgebiet verantwortlich leitete, war lange Zeit die Partnerhochschule der ESB Business School in Reutlingen. Von 1987 übernahm sie zusätzlich die stellvertretende Leitung dieses Partnerprogramms und kam von da an »so oft wie möglich« nach Reutlingen.



Gastprofessur in Reutlingen


Es blieb nicht bei den sporadischen Besuchen. Als ihr im Herbst 1993 eine Gastprofessur angeboten wurde, wagte sie einen Neuanfang. Ihre Töchter waren damals 17 und 19 Jahre alt, sie selbst 52. Sie ging in London in den Frühruhestand und lehrte fortan in Reutlingen an der ESB und in Stuttgart an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie.

Die Ferien verbrachte sie zu Hause bei ihrer Familie in England. Während ihrer Aufenthalte in Deutschland erkundete sie mit dem Fahrrad und auf Wanderungen die Schwäbische Alb, ihr »Paradies«. Einige Wanderungen hat sie mittlerweile ein Dutzend Mal gemacht, am liebsten allein, »weil ich dann besser die Natur beobachten kann«. Und sie kennt Wege, Strecken und alte Ruinen, die wohl manche Einheimischen nicht kennen.

Doch nicht nur die Liebe zur Schwäbischen Alb hatte die Professorin dazu veranlasst, in Reutlingen zu bleiben und zu arbeiten. »Als ich hierherkam, war ich sehr unzufrieden mit der Richtung der Hochschulpolitik in England«, erzählt sie. »Wir kamen uns vor wie Fließbandarbeiter mit studentischen Bohnendosen auf dem Fließband.« In Reutlingen genoss sie das Vertrauen ihrer Kollegen, dass sie ihre Arbeit richtig machte, ihre Meinung zählte etwas und niemand mischte sich in ihre Arbeit ein. »Außerdem arbeiteten wir mit erstklassigen Studenten«.

Eine neue Dimension bekommt ihr deutsches Leben, als sie 2001 zum Jahrgangsfest der 60-Jährigen in Pfullingen eingeladen wird, wo sie seit 1993 wohnt. »Ich war sehr nervös, dorthin zu gehen. Ich kannte niemanden und konnte kein Schwäbisch«, gesteht sie. Sorgen, die sich im Nachhinein als unbegründet erweisen: »Alle waren furchtbar nett«. Sie ist »beeindruckt, wie die Pfullinger ihre Gemeinschaft pflegen«.

Barbara Frost besucht weiterhin die Stammtische und das Stiftungsfest des Liederkranzes. Begeistert singt sie die Gospelsongs des »ffortissimo«-Chors mit. Die Begeisterung war ihr anzusehen, kurze Zeit später ist sie selbst Mitglied. Seither versucht sie, kein Konzert »ihres Chores« auszulassen und übt zu Hause in England für die Auftritte.

Denn nach wie vor pendelt sie mehrmals im Jahr zwischen ihrem englischen Leben mit Mann, Töchtern, den Enkelsöhnen und ihrem Garten in Potters Bar, einem Vorort von London, und ihrer schwäbischen Wahlheimat. Auch für dieses Jahr hat sie die Pfullinger Termine fest in ihrem Kalender vermerkt. Besonderes Highlight: Das Jahrgangsfest zum 70. Geburtstag steht an.

Leidenschaft: Wildblumen


2006 entdeckt Barbara Frost eine weitere Leidenschaft: die Wildblumen der Region. 500 Arten hat sie mittlerweile fotografiert, in einem Glossar mit englischen, deutschen und lateinischen Namen kategorisiert und ihre Fundorte auf der Alb vermerkt.

Als der Verein Blumenwiese-Alb 2008 einen Fotowettbewerb ausschreibt, nimmt sie spontan daran teil und gehört zu den Preisträgern. Der Fieberklee, das Sumpf-Blutauge und die Purpur-Fetthenne fehlen ihr noch in ihrer Sammlung, die sie in einem Sumpfgebiet im Tal der Ur-Donau und im Naturschutzgebiet Hungerberg vermutet und die sie in diesem Sommer finden möchte. Die Liebesaffäre mit der Schwäbischen Alb hält auch weiterhin an. (GEA)



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