Pfullingen / Eningen / Lichtenstein
Geistesleben - Einmal im Monat trifft sich in der Neske-Bibliothek in Pfullingen eine »Philosophische Runde«

Geistesleben: Philosophische Runde in Pfullingen

Von Petra Schöbel

PFULLINGEN. Auf dem alten Cordsofa haben schon Martin Heidegger, Ernst Bloch, Ernst Jünger, Walter Jens, Hans Mayer, Kurt Georg Kiesinger, Elisabeth Flickenschild und Marcia Haydee gesessen. Ganz oben, unterm Dach des ehemaligen Neske-Hauses im Klostergarten, liegt die Bibliothek des Verleger-Ehepaares. Dort haben Günther und Brigitte Neske bis in die 90er-Jahre hinein Dichter und Denker empfangen. Heute ist der heimelige Raum Bestandteil der Pfullinger Museen und gewährt einen Einblick in die geistigen Auseinandersetzungen, die dort unterm Dach stattgefunden haben. An diese Tradition anknüpfen möchte die »Philosophische Runde«, die sich einmal monatlich in der ehemaligen Neske-Bibliothek trifft.

Die Pfullinger Neske-Bibliothek atmet noch den Geist intellektueller Diskurse vergangener Zeiten: Jürgen Strohmaier (von links), Felicitas Vogel und Dr. Hermann Fischer haben die »Philosophische Runde« mitgegründet. GEA-FOTO: SCHÖBEL
Die Pfullinger Neske-Bibliothek atmet noch den Geist intellektueller Diskurse vergangener Zeiten: Jürgen Strohmaier (von links), Felicitas Vogel und Dr. Hermann Fischer haben die »Philosophische Runde« mitgegründet. FOTO: Petra Schöbel
»Verstehen, was die Welt ausmacht« - die Geisteswissenschaftler und philosophisch Interessierten stellen sich den Grundfragen des menschlichen Daseins, mit denen sich seit Jahrtausenden kluge Köpfe befassen. Entstanden ist die Runde, die sich bei zehn Leuten eingependelt hat, auf Initiative von vier Pfullingern: Felicitas Vogel, Dr. Hermann Fischer, Jürgen Strohmaier und Ulrich Koch.

Das Lesen lernen

Der gemütliche Raum im Obergeschoss der ehemaligen Hofmeisterei des Pfullinger Klosters atmet noch den Geist der Neskeschen Diskussionsforen. Von Bildern im Regal schauen Walter Jens, Hans Mayer, Paul Celan und andere Geistesgrößen auf die Runde, der Künstler, Ärzte, Lehrer und Sozialwissenschaftler angehören. Sie »arbeiten« sich durch Texte von Peter Sloterdijk oder Martin Heidegger, echauffieren sich über manche Gedanken und nähern sich ihnen nach eingehender Debatte wieder an. »Vor der Kritik steht die Textanalyse«, sagt Strohmaier. »Das Lesen solcher Texte muss man erst lernen«, ergänzt der Germanist Fischer.

In diesem Jahr wollen sie sich mit Ernst Bloch auseinandersetzen, dessen »Prinzip Hoffnung« nicht im kleinen Pfullinger Verlag erscheinen konnte, weil Neske dem DDR-Regime als »existenzialistischer Verleger« nicht genehm war. Doch der scherte sich wenig um solche Kategorisierungen, weiß Felicitas Vogel. »Es war ihm egal, welche Denkrichtung gerade 'in' war. Die Ideen an sich waren ihm wichtig.« Weshalb er zum Beispiel die Schriften japanischer Zen-Meister herausgab, lange bevor es Mode wurde, sich mit dem Buddhismus zu beschäftigen.

Über ideologische Verfestigungen der Nachkriegszeit setzte sich das Verleger-Ehepaar hinweg: »Zu Neske konnten alle kommen«, fügt Strohmaier hinzu, »Heidegger, Bloch, Jünger, Jens, Mayer - das passte ideologisch nicht zusammen.«

Unvereinbar blieben, trotz Neskes Bemühen, die Anschauungen des jüdischen Schriftstellers Paul Celan und des einstigen Nazi-Befürworters Martin Heidegger. »Es war Neske wichtig, diese beiden Menschen zusammenzubringen«, sagt Fischer.

Philosophie und Industrie

Beide waren immer wieder zu Gast hinter den Klostermauern, die das Neske-Haus umgaben. Doch gekreuzt haben sich ihre Wege in Pfullingen nie. »Sie sind sich hier nur mental begegnet, nicht physisch«, umschreibt Felicitas Vogel diese Auseinandersetzung. Für Celan lieferte der Aufenthalt in Pfullingen immerhin die Inspiration zu einem der bedeutendsten Gedichtzyklen der Nachkriegszeit: »Sprachgitter« kam 1959 heraus, allerdings nicht im Neske-Verlag.

Was den Sozialwissenschaftler Strohmaier an der Bibliothek unterm Dach fasziniert, ist die Verbindung des philosophischen Diskurses mit der Industriegeschichte. Brigitte Neske war die Tochter des Pfullinger Fabrikanten Albert Gayler, dessen Knappsche Fadenfabrik nur ein paar Schritte entfernt lag.

Für die »Philosophen-Runde« und den Literaturkreis, der sich ebenfalls einmal pro Monat trifft, gibt es in der Neske-Bibliothek vieles zu entdecken und zu diskutieren. Die Beschäftigung mit dem Werk großer Denker soll kein Selbstzweck sein. Auch die Öffentlichkeit kann daran teilhaben. Einmal im Jahr gibt es unter dem Motto »Philosophie im Kloster« einen Vortrag, der in einen Dialog zwischen Publikum und Referent mündet. Im Herbst dieses Jahres, in dem die Runde ganz in die Gedankenwelt Blochs eintauchen will, wird Michael Eldred, in Köln lebender Philosoph mit australischen Wurzeln, seine »Phänomenologie der Männlichkeit« erläutern und zur Diskussion stellen. (GEA)



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