Pfullingen / Eningen / Lichtenstein
Verkehr - Pfullinger Gemeinderat diskutiert über Lärmaktionsplan. Votum für Geschwindigkeitsreduzierung

Geht's nachts bald mit Tempo 30 durch die Stadt?

VON PETRA SCHÖBEL

PFULLINGEN. Wenn es so läuft, wie die Stadtverwaltung es vorsieht, dann könnte auf einigen Pfullinger Durchgangsstraßen vom Spätherbst an nachts Tempo 30 gelten.

Grafik: BS Ingenieure/Stadt Pfullingen
Grafik: BS Ingenieure/Stadt Pfullingen
Den entsprechenden Entwurf des Lärmaktionsplans hat der Gemeinderat am Dienstagabend bei nur einer Gegenstimme mit großer Mehrheit gebilligt. Außerdem könnte von diesem Zeitpunkt an Tempo 30 auch in allen Wohngebieten der Stadt flächendeckend gelten. Diesem Vorschlag verweigerten vier Ratsmitglieder ihre Stimme. Am Mittwoch, 12. Juli, um 19 Uhr wird es in den Pfullinger Hallen eine Informationsveranstaltung zu diesem Thema geben.

Bürgermeister Michael Schrenk betonte, es gehe darum, ein Mobilitätskonzept für die Stadt zu erstellen. Der Lärmaktionsplan und die Einführung von Tempo 30 in einigen Bereichen seien ein Bestandteil davon. »Es gehören zum Beispiel auch die Radwege dazu«, erklärte er. Daran muss allerdings noch gearbeitet werden. Die Ergebnisse des Lärmaktionplans wollte er ausdrücklich als »Diskussionsgrundlage« verstanden wissen. Wichtig sei ihm die Meinung der Bürger, die bei der öffentlichen Veranstaltung am 12. Juli zu Wort kommen könnten.
»Die Gefährdung der Gesundheit ist in diesen Pegelbereichen ein Thema«
 

Wolfgang Schröder vom Büro BS Ingenieure aus Ludwigsburg stellte dem Gremium dann den Lärmaktionsplan und die daraus abgeleiteten Geschwindigkeitsregelungen vor. Die EU habe die Reduzierung des Verkehrslärms zur Pflichtaufgabe für die Kommunen gemacht, erklärte er zu Beginn. Für alle Straßen, die außergewöhnlich hoch belastet seien, müssten Maßnahmen zur Lärmminderung umgesetzt werden.

Viel Verkehr fließt vor allem durch die Durchgangsstraßen. Um konkrete Zahlen zu erhalten, ist dort im März der Verkehr gezählt worden. Verglichen werden konnten die Ergebnisse mit Daten von einer Verkehrszählung im Jahr 2012. Heraus kam dabei, dass zum Beispiel in der Friedrichstraße der Verkehr seither deutlich zugenommen hat: Waren es 2012 noch 5 600 bis 6 100 Fahrzeuge in 24 Stunden so wurden in diesem Jahr 6 400 bis 6 900 gezählt. Ähnliches gilt für die Seitenstraße: Statt 5 500 (2012) Autos, Lkw und Motorrädern rauschen inzwischen bis zu 7 700 Fahrzeuge innerhalb von 24 Stunden durch die Straße.

Aus diesen Zahlen hat das Ingenieurbüro die Lärmbelastung hochgerechnet, wobei auch die Art der Bebauung eine Rolle spielt. Demnach werden in größeren Abschnitten der Durchgangsstraßen nachts Werte von 60 Dezibel oder mehr erreicht, tagsüber werden stellenweise sogar 70 Dezibel überschritten. Maßnahmen zur Lärmminderung werden bereits ab Werten von 65 Dezibel (tagsüber) und 55 Dezibel (nachts) angeraten und ab 60 Dezibel (nachts) sowie 70 Dezibel (tagsüber) vorgeschrieben.

»Die Gefährdung der Gesundheit ist in solchen Pegelbereichen ein Thema«, betonte Schröder. Weshalb er empfiehlt, nachts in der Friedrich- und Seitenstraße, in der Gönninger Straße bis zur Einmündung Rebenweg, in der Sandstraße sowie in der Kloster-, Große Heer- und Marktstraße von der Einmündung Sandstraße bis zur Zeilstraße die Geschwindigkeit auf 30 Stundenkilometer zu reduzieren. Gleichzeitig müssten die Möglichkeiten geschaffen werden, die Einhaltung des Tempolimits verstärkt zu überwachen. Lärmmindernde Straßenbeläge könnten ein weiteres Mittel sein, erklärte Schröder. Überprüft werden sollten auch die Schachtdeckel, die beim Drüberfahren oft besonderen Lärm verursachten.
»Mit Tempo 30 allein ist es auf dem Elisenweg nicht getan«
 

Aus »grundsätzlichen konzeptionellen Gründen« riet Schröder auch, in den Wohngebieten flächendeckend Tempo 30 einzuführen. »Die Spitzenpegel werden dann mit hoher Wahrscheinlichkeit sinken« erklärte er. Das gelte auch für den Elisenweg. Dass auf dieser Verbindungsstraße zu den Pfullinger Naherholungsgebieten am Ursulaberg und zum Waldcafé sich »die Tuning-Szene« tummle und Autos oft mit mehr als 100 Stundenkilometern vorbei preschten, hatte in der Einwohnerfragestunde zu Beginn der Sitzung Dr. Jürgen Strohmaier als Anlieger des Elisenwegs deutlich gemacht. »Mit Tempo 30 allein ist es dort nicht getan«, betonte er, »da ist ein Verkehrskonzept nötig!« Im vergangenen Sommer habe die Stadt innerhalb von zwei Monaten 33 000 Autos auf dieser Straße gezählt. »Welche flankierenden Maßnahmen sind dort angedacht?«, fragte er und mutmaßte, ob es wohl »Agreements« der Stadt mit der Gastronomie gebe, damit das »Capuccino-Publikum« ungehindert fahren könne.

Die Diskussion im Rat eröffnete Gert Klaiber (CDU), der feststellte: »Die Ergebnisse sind deutlich!« und die vorgeschlagene Temporeduzierung begrüßte. Gerd Mollenkopf (CDU) vermisste die Kunstmühle- und die Uhlandstraße im Lärmaktionsplan. Er stellte zudem den Antrag - der später einstimmig angenommen wurden -, dass auf der Stuhlsteige vom Ende des Waldes bis zum Ortsbeginn Pfullingens künftig Tempo 70 gelten solle. Darüber könne die Stadt nicht selbst entscheiden, erwiderte der Bürgermeister, weil sich der Bereich außerhalb des Ortes befinde. »Wir können das gern beantragen«, sagte er, »die Wahrscheinlichkeit, dass es umgesetzt wird, ist allerdings gering.«

Dass auch die Anwohner der Eichendorffstraße unter dem Lärm von der Marktstraße leiden, brachte Sigrid Godbillon (GAL) ein: »Tempo 30 sollte nachts schon ab Arbach ob der Straße gelten!« Und sie unterstützte Mollenkopfs Anliegen. »Zum Leidwesen der Ahlsberg-Bewohner wird die Stuhlsteige oft als Motorradrennstrecke missbraucht«, stellte sie fest.

Martin Fink (UWV) wies darauf hin, dass häufig Gefahrguttransporte durch die Stadt führen, weil der Ursulabergtunnel für sie gesperrt sei. »Da wird insbesondere nachts oft schneller als 50 gefahren.« Er machte auch darauf aufmerksam, dass mit der Öffnung des Scheibengipfeltunnels im Herbst von der Marktstraße eine Linksabbiegerspur in die Römerstraße eingerichtet werde. »Hat man das schon berücksichtigt? Welche Belastung ist für die Römerstraße zu erwarten?«, fragte er. Es gebe dazu Prognosen, antwortete Schröder. Er gehe aber davon aus, dass die Situation »beobachtet und quantifiziert« werde und der Lärmaktionsplan eventuell fortgeschrieben, sprich: angepasst werde. Stadtbaumeister Karl-Jürgen Oehrle erklärte, nach derzeitiger Prognose werde der über diese Linksabbiegerspur in die Stadt rollende Verkehr vorrangig im Gewerbegebiet Steinge bleiben.
»Ich glaube nicht, dass mit Tempo 30 etwas besser wird«
 

»Ich glaube nicht, dass mit Tempo 30 etwas besser wird«, stellte Christine Böhmler (FWV) fest. Die Lastwagen seien nicht wesentlich leiser, stattdessen würden Abgase und Feinstaub zunehmen. Sie befürchtete außerdem, dass mit Tempo 30 in den Wohngebieten »neue Unfallschwerpunkte« produziert würden, weil sich die Autofahrer nur schwer an die dann geltende Rechts-vor-links-Regel würden gewöhnen können.

Thomas Mürdter (SPD) hielt es für angebracht, in den Wohngebieten für Busse die Regel »rechts vor links« aufzuheben und auf den besonders steilen Straßen, wie Ahlbohlweg oder Griesstraße, weiterhin 50 Stundenkilometer zuzulassen, um auch dort den hinauffahrenden Autos weiterhin die Vorfahrt zu lassen. Experte Schröder konnte sich vorstellen, dass die Behörden bezüglich der Straßen mit extremer Steigung »mit sich reden« lassen würden. Uwe Wohlfahrt (FWV) mahnte an, dass alle Autofahrer, die in den Tempo-30-Gebieten zu schnell unterwegs seien und erwischt würden, entsprechend bestraft werden müssten. Er forderte zudem, dass dann die Feinstaub-Entwicklung überwacht werden müsse.

»Optimal ist das Fahren mit geringer Drehzahl in einem hohen Gang«, klärte Ute Jestädt (UWV) auf und betonte, das könne auch bei Tempo 50 sein. Sie verstehe aber, dass sich die Anwohner der Seitenstraße eine Temporeduzierung wünschten: »Die großen S21-Laster fahren da ja nicht langsam durch!« Sie regte an, die Stadt solle sich gemeinsam mit den Nachbarkommunen um ein Verkehrskonzept bemühen. »Viel zu wenig wird noch mit dem Fahrrad erledigt«, stellte sie fest.

Die Lärmaktionsplanungen inklusive der angedachten Tempo-30-Regelung werden jetzt für vier Wochen öffentlich ausgelegt. Für das Aufstellen von Tempo-30-Schildern in der Stadt genehmigte der Gemeinderat bei einer Gegenstimme eine überplanmäßige Ausgabe von 30 000 Euro. (GEA)





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