Energie - Ende der 50er-Jahre suchten die Technischen Werke Stuttgart Pumpspeicher-Standorte. Gebaut bei Glems
Für den Strombedarf der Hauptstadt
Von Petra Schöbel
ENINGEN/ METZINGEN/ PFULLINGEN. Auf der Suche nach nutzbaren Quellen erneuerbarer Energie haben die Stadtwerke Stuttgart die Schwäbische Alb entdeckt. Sie wollen sich mit viel Geld an Windparks auf der Schwäbischen Alb beteiligen, verkündete Stuttgarts Finanz- und Wirtschaftsbürgermeister Michael Föll vor Kurzem nach Angaben der »Stuttgarter Zeitung«.
Das Pumpspeicherwerk Glems - vorn das Oberbecken, das auf Eninger Markung liegt - ist seit 1964 in Betrieb.
FOTO: Manfred Grohe
Das Ausschweifen in die ländliche Umgebung, um die Stromversorgung der Landeshauptstadt sicherzustellen, scheint unausweichlich und hat Tradition. Ende der 50er-Jahre gaben die damaligen Technischen Werke Stuttgart (TWS) bei der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft (AEG) in Frankfurt Untersuchungen für den Bau eines Pumpspeicherkraftwerks am Albtrauf in Auftrag. Als Ergebnis der Studie wurde in den Jahren 1962 bis 1964 das Pumpspeicherwerk Glems gebaut.
Räte fühlen sich überrumpelt
Nach dem Wünschen der TWS hätte mit dem Bau der Anlage schon eher begonnen werden sollen. Doch der Eninger Gemeinderat fühlte sich von den Plänen, die das Oberbecken auf Eninger Markung vorsahen und die offenbar in aller Stille vorbereitet worden waren, überrumpelt. Die Technischen Werke hätten versucht, die Sache »ruck-zuck« durchzuziehen und seien »mit verlockenden Versprechungen gar bald bei der Hand gewesen«, wird der damalige Bürgermeister Hans Maier am 17. September 1960 im »Reutlinger General-Anzeiger« zitiert. Das Gremium wollte wenigstens das Gutachten der Wasserwirtschaftsberatung (Wibera) Düsseldorf abwarten, bevor es über »Sein oder Nichtsein des Pumpspeicherwerks« - gegen das es im Prinzip nichts einzuwenden hatte -, entschied.
Die TWS sind 1997 in den Neckarwerken aufgegangen, die wiederum 2003 von der Energieversorgung Baden-Württemberg (EnBW) übernommen worden sind. Die Akten zu den Untersuchungen aus den späten 50er- und frühen 60er-Jahren hat die EnBW derzeit an den Regionalverband Neckar-Alb ausgeliehen, wo Joachim Zacher als Verantwortlicher für die Bereiche Verkehr und Energie sie für den aktuellen »Suchlauf« nach möglichen Standorten für neue Pumpspeicherwerke zurate gezogen hat.
Ende der 50er-Jahre war die Not, den wachsenden Strombedarf Stuttgarts zu decken, offenbar groß. Speicherkapazitäten in Form von Wasserkraft waren vor allem gesucht, um die Leistung des Stuttgarter Kraftwerks Gaisburg rund um die Uhr nutzen zu können. Dabei schauten die Verantwortlichen der TWS nicht nur Richtung Albtrauf, sondern zogen auch den Nordschwarzwald in ihre Überlegungen ein.
Widerstände im Kreis Reutlingen
Das Laufwasserkraftwerk Bettenberg im Nagoldtal zum Pumpspeicherwerk auszubauen war eine von mehreren Optionen, die für die Stuttgarter interessant war. Und das nicht nur »im Vergleich zum Projekt Glems, sondern sie denken schon jetzt an die Planung eines weiteren Pumpspeicherwerks«, heißt es in einer Aktennotiz des zuständigen Ingenieurs der AEG vom 24. August 1960. Allerdings fügt er hinzu: »Eine andere Örtlichkeit als der Raum Glems-Erms würde den TWS angenehm sein, weil sich im Kreis Reutlingen gewisse Widerstände gegen die Pumpspeicherinteressen Stuttgarts gezeigt haben.«
Ob sich dieser Hinweis auf die Hinhaltetaktik des Eninger Bürgermeisters bezieht, ist nicht bekannt. Fakt ist, dass die TWS in den folgenden Monaten weitere Möglichkeiten in Betracht zogen, zum Beispiel das sogenannte Lützelbach-Projekt bei Reichenbach an der Fils. In diesem Zusammenhang war eine »Verbreiterung des Neckars entlang der Gemarkung Wernau« als Unterbecken für den Tagesspeicher angedacht. Weitere Staustufen mit Laufwasserkraftwerken waren bei Wendlingen und Deizisau vorgesehen, wie einem Aktenvermerk vom 20. Oktober 1960 zu entnehmen ist.
Der Albtrauf war - und ist - vor allem wegen der relativ großen Fallhöhen von 300 bis 400 Metern als Standort für Pumpspeicherwerke interessant. Deshalb hat die AEG damals mehrere Lokalitäten geprüft. Neben verschiedenen Optionen für Eningen/Glems wurde auch ein Standort bei Dettingen/Erms untersucht. Das Oberbecken sollte, wie aus den Unterlagen der AEG vom November 1959 hervorgeht, »in einem bewaldeten Sattel des Galgenbergs« liegen, das Unterbecken östlich von Dettingen direkt unterhalb der Papierfabrik »neben dem Bachbett der Erms« im Bereich Bleiche.
Untersucht, aber nicht in die engste Wahl gezogen, waren zu diesem Zeitpunkt bereits weitere Möglichkeiten bei Geislingen (ein Standort bei Kuchen; zwei Optionen bei Eybach). Nach intensiven Kostenberechnungen für unterschiedliche Ausbaustufen fiel die Wahl der TWS schließlich doch auf Glems.
Das Pumpspeicherwerk wurde 1964 fertiggestellt und verfügt über eine Leistung von 90 Megawatt. Etwas mehr als sechs Stunden dauert es, bis das Oberbecken mit einem Fassungsvermögen von 810 000 Kubikmetern geleert ist und dabei in den zwei Turbinen 560 000 Kilowattstunden Strom erzeugt werden, teilt die EnBW dazu auf ihrer Homepage mit. Innerhalb von elf Stunden kann das Wasser vom Unterbecken über die Rohrleitung wieder in das Oberbecken befördert werden. Dazu sind zwei Pumpen mit einer Maximalleistung von je 36 Megawatt installiert.
Wieder Thema im Eninger Rat
Seitdem die Energiewende von der Bundesregierung beschlossen ist und dem Ausbau der erneuerbaren Energiequellen Vorrang eingeräumt wird, ist auch die Diskussion um neue Strom-Speichermöglichkeiten wieder entfacht. Der Regionalverband Neckar-Alb hat jetzt mehrere Standort-Varianten in Betracht gezogen. Bekannt ist bisher das Projekt Gielsberg, mit einem Oberbecken auf Sonnenbühler Markung am Gielsberg bei Genkingen. Der Standort des Unterbeckens liegt auf Pfullinger Markung. Näheres ist dazu noch nicht veröffentlicht worden.
Heute Abend berät übrigens der Eninger Gemeinderat - nach mehr als 50 Jahren - auch wieder über das Thema Pumpspeicherwerk: Es geht um einen möglichen Standort für ein Oberbecken auf dem Gelände des Steinbruchs Renkenberg, der derzeit als Erddeponie genutzt wird. Das zugehörige Unterbecken würde bei Glems entstehen. (GEA)
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