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Wettbewerb - Franziska Gaibler holt den Landespreis der Körber-Stiftung. Thema: Kirche in Eningen in der Nazizeit

Eningerin gewinnt Landes-Preis der Körber-Stiftung

VON THOMAS BARAL

ENINGEN. Politik und Journalismus studieren will die Eningerin Franziska Gaibler, wenn sie ihr Abitur geschafft hat. Zunächst aber hat die Schülerin des Keplergymnasiums mal Furore gemacht beim Thema Geschichte: Die 17-Jährige hat den Landespreis geholt beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten der Körber-Stiftung mit einer rund 50-seitigen Arbeit über ein Thema zu ihrem Heimatort in der Nazizeit.

Die Andeaskirche war zum Beginn der Nazizeit gerade neu erbaut worden.
Die Andeaskirche war zum Beginn der Nazizeit gerade neu erbaut worden. FOTO: Uwe Sautter
»Sehr geehrter Herr Pfarrer. Die evangelische Kirche im Gewissenskonflikt während der Zeit des Nationalsozialismus an regionalen Beispielen« so der Titel des preisgekrönten Textes. Gaiblers Leitfrage dabei war: »Inwiefern beeinflusste der Glaube der evangelischen Christen in Eningen und der Region ihre Haltung und ihr Handeln im nationalsozialistischen Alltag?« Ein Mitschüler von ihr, Niclas Grießhaber, hat übrigens diesen Landespreis ebenfalls bekommen mit dem Thema: »Wie entwickelte sich das Leben der Muslime in Reutlingen? Gehört der Islam zu Reutlingen?«

Franziska Gaibler wollte die Rolle des Glaubens untersuchen, der Frage nachgehen, ob die Eninger etwas gegen die unmenschlichen und ungerechten Geschehnisse taten oder eher hinter dem damaligen Staat standen. Sie wollte hauptsächlich wissen, »ob es Widerstandskämpfer gab im Ort in dieser Zeit«, erklärt sie. Und offenen Widerstand fand sie nicht. Aber nachweisen könne man, dass der Eninger Pfarrer einfach »nonkonformistisch« blieb im Nazistaat. Es gab den Widerstand also eher auf kleiner Ebene: Als vom Pfarrer Wilhelm Huppenbauer beispielsweise verlangt wurde, er solle als Privatmann in der Zeitung dazu aufrufen, Hitler zu wählen, habe der das einfach nicht gemacht. Das Tagebuch des Pfarrers aus dieser Zeit hat ihr zudem viele Aufschlüsse gegeben.

Zu ihrem Untersuchungsthema angeregt wurde sie beim Besuch des Anne-Frank-Museum in Amsterdam, das habe sie sehr berührt, erzählt die Schülerin. Da war ihr klar geworden, »so etwas wie die Nazizeit darf nie wieder passieren«, dazu wollte sie mit ihrer Arbeit beitragen.

Die Körber-Stiftung kennengelernt hat sie über ihre Lehrerin Almuth Ansorge, die sie darauf aufmerksam machte und seitdem ist sie sehr angetan von dieser Einrichtung. Nicht nur weil sie den Preis gewonnen hat, der mit 250 Euro dotiert ist. Sie habe da auch inzwischen viel gemacht und einige Leute kennengelernt, war auch beispielsweise auf einem »History-Camp«, bei dem es viele interessante Dinge zu erleben gab.

Auf Kleinigkeiten einlassen

Sie ist in ihrer Schule im Geschichts-AK, der habe bisher sechs, inzwischen zehn Mitglieder und der erarbeite auch die »Geschichts-App« für Reutlingen. Das ist ein von Schülern gemeinsam mit dem Stadtarchiv umgesetztes Projekt mit dem Ziel, die Orte der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in der Stadt sichtbar und erfahrbar zu machen.

Gaibler erläutert in ihrer Arbeit zunächst die Entwicklung der evangelischen Kirche im Württembergischen in der Auseinandersetzung mit den Forderungen des Nazistaats und wie sich die Kirchenmitglieder damals insgesamt verhielten. Sie beschreibt die verschiedenen Strömungen - von den »Deutschen Christen« bis zur »Bekennenden Kirche«.

Nicht spektakuläre Widerstandsereignisse konnte sie dabei finden, sie habe sich einlassen müssen auf Kleinigkeiten, um die Auseinandersetzung der Kirchenleute mit dem Staat zu verstehen. Sie sieht, dass die evangelische Kirche dabei »eine sehr wechselhafte, mitunter auch kontroverse Rolle« spielte, »dass es jedoch immer wieder der Glaube und das religiöse Gewissen Einzelner gewesen ist, die ihnen den Mut und die Kraft gaben, sich nicht der nationalsozialistischen Willkür zu beugen«.

»Es gab durchaus Gläubige, die die menschenverachtende nationalsozialistische Ideologie letztlich über ihren Glauben und ihr Gewissen stellten«, aber auch welche, die »gerade durch ihren Glauben den Mut hatten, etwas dagegen zu tun«.

Sie habe sich am Anfang ihrer Forschungen schon gewünscht, »einen bisher unentdeckten Widerstandskämpfer aus Eningen zu finden«. Sie musste aber differenzieren lernen, um die verschiedenen Formen von widerständigem Verhalten während der Nazizeit erkennen zu können: »Es wurde mir klar, dass es damals auch in Eningen viele Facetten der Auflehnung und des individuellen Ungehorsams gab.«

Geschichtswettbewerb der Körber-Stiftung

Die Körber-Stiftung in Hamburg stellt sich mit ihren Projekten, in ihren Netzwerken und mit Kooperationspartnern aktuellen Herausforderungen in den Handlungsfeldern Demografischer Wandel, Innovation und Internationale Verständigung.

1959 vom Unternehmer Kurt A. Körber ins Leben gerufen, ist die Körber-Stiftung heute mit eigenen Projekten, Kooperationen und Veranstaltungen national und international aktiv. Für die gemeinnützige Arbeit der Stiftung stehen rund 18 Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung. Die Körber-Stiftung zählt zu den Unternehmensbeteiligungsstiftungen. Mit dem »Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten« will man bei Schülern das Interesse an der eigenen Geschichte wecken, will Selbstständigkeit fördern und Verantwortungsbewusstsein stärken, wie die Ziele seit der Gründung durch Gustav Heinemann heißen. Rund 140 000 junge Menschen haben an diesem Wettbewerb bisher teilgenommen, an diesem großen Forschungswettbewerb für Schüler im Land. Der wird alle zwei Jahre gestartet und im Jahr 2016 ausgerufenen hieß das Thema »Gott und die Welt. Religion macht Geschichte«. (ara)

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