Eine Stadt (er)lebt Musik
Von Uwe Sautter
PFULLINGEN. Hier kräftige Bässe, dort helle Soprane. An einer Ecke klassischer Chorgesang und eine Straße weiter fetzige Schlager und eine Show, die die Bühne zum Wackeln bringt. Pfullingen war am Samstag fest in der Hand Musik treibender Vereine aus ganz Baden-Württemberg. Die Gründung des Akkordeonorchesters des Schwäbischen Albvereins vor sechzig Jahren bewog den Deutschen Harmonikaverband, das Landes-Musik-Festival in der Echazstadt auszurichten. Rund 3 000 Mitwirkende verwandelten Pfullingen in eine singende und klingende Kulisse.
Die Chorwerkstatt aus Neckartenzlingen zeigte mit ihrer schwungvollen Darstellung von Schlagern wohin die Reise beim Chorgesang gehen kann.
FOTO: Gerlinde Trinkhaus
Auftakt. Jede Menge Mandatsträger in den Pfullinger Hallen zum Auftakt des Landes-Musik-Festivals unterstreichen die Bedeutung, die die Politik der Laienmusik zumisst und nicht zuletzt der großen Zahl der Musiktreibenden im Ländle. 1,6 Millionen Baden-Württemberger sind im Musikbereich aktiv oder gehören den Vereinen als fördernde Mitglieder an, sagt Ministerialdirigentin Sabine Frömke. Sie lobt die Vereine, etwa für ihr Engagement im Rahmen der Ganztagesschulen, aber auch ihren Beitrag zur Förderung der Toleranz in der Gesellschaft. Die musisch-kulturelle Bildung sei unverzichtbar und auch in Zukunft ein wichtiges Anliegen des Landes, verspricht sie. Standhaft. »Das können wir alleine.« Pfullingens Bürgermeister Rudolf Heß traut seinen Vereinen einiges zu. Erst recht, dass sie genügend Qualität haben, die Ansprüche des Landes zu erfüllen. Deshalb bleibt er bei den Gesprächen zur Vorbereitung des Festivals standhaft. Die Folge: Das Akkordeonorchester des Schwäbischen Albvereins, der gemeinsame Männerchor von Eintracht und Liederkranz, ffortissiomo und das Bläserensemble der Stadtkapelle gestalten ein überzeugendes musikalisches Rahmenprogramm in den Pfullinger Hallen. Lob. »Pfullingen hat ein ganz besonderes Ambiente.« Kommt die geschäftsführende Vizepräsidentin des Deutschen Harmonikaverbandes, Hedy Stark-Fussnegger, in die Echazstadt, fühlt sie sich gleich daheim. Als Vertreterin des Festival-Ausrichters lobt sie aber auch das Engagement der Pfullinger: Die Stadt war ein engagierter Partner. »Ohne diese Unterstützung hätten wir es nicht geschafft«, sagt sie. Das Lob wiederholt sie auf der vom Nachwuchs begeisternd gestalteten Abschlussveranstaltung auf dem gut besuchten Marktplatz noch einmal. Das Rathausteam hört's gern.
Verpackt. Schön sieht sie aus, ist aber ein bisschen unhandlich. Vor allem, wenn man mit der Conradin-Kreutzer-Tafel im Arm zum Empfang unterwegs ist und sich an den angebotenen Maultaschen, geschmälzt oder in heller Soße, natürlich mit Kartoffelsalat, gütlich tun will. »Machen Sie sich keine Sorgen, wir haben die Originalverpackungen für Sie aufbewahrt«, so Klaus-Dieter Mayer vom Kultusministerium. Damit ist sichergestellt, dass die 43 ausgezeichneten Vereine die Tafel sicher nach Hause bringen.
Organisiert. Das kennt man normalerweise nur vom Fernsehen. Vier Kreuze auf der Bühne in den Pfullinger Hallen machen deutlich, wo Ehrende und Geehrte zu stehen haben. Der Grund: Am anderen Hallenende hat sich ein Fotograf positioniert, der jede Ehrung festhält. Conradin-Kreutzer-Tafel und dieses Bild sind der Dank des Landes für das Engagement der Vereine, die seit 150 und mehr Jahren bestehen. Recht ins Bild gerückt werden dabei auch die Vorsitzende Klara Dittrich-Rommel und ihre Stellvertreterin Maria-Dorothea Funk von der Chorgemeinschaft Mössingen, die seit 175 Jahren singt.
Lauschig. Richtig gut passt das Festival junger Chöre »Open Sound« in den Klostergarten. »Versuch's mal mit Gemütlichkeit« singen dort die »Chorkids maxi« der Singgemeinschaft Sonnenbühl-Undingen. Und die Zuhörer sitzen bequem im Grünen und suchen den Schatten in der Mittagshitze. Gemütlich haben es sich aber die Chorkids im vergangenen Jahr nicht gemacht. Für ihre vorbildliche Nachwuchsarbeit erhalten sie am Nachmittag den goldenen Schlüssel. Christian Heieck, Vorsitzender der Stiftung Jugendarbeit im Schwäbischen Sängerbund, übergibt ihn an Jugendleiterin Manuela Heinz.
Programmheft. Unerlässlich, nicht nur, um zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Auch als Ersatzfächer leistet das Heft gute Dienste, besonders für alle, die um die Mittagszeit kein schattiges Plätzchen ergattern können. Abseits. Die Albbüffelburger, die die Initiative für ein Kulturhaus (i'kuh) serviert, schmecken richtig lecker. Doch kaum einer merkt's. Denn an die Schloss-Schule verirren sich nur wenig Zuschauer. Ähnlich geht's den Schachfreunden an gleicher Stelle. Ihre Bänke bleiben meist leer. Insgesamt kommen am Samstagnachmittag deutlich weniger Zuschauer als erwartet in die Echazstadt. Denn auch im Schlösslespark sind viele Plätze in den Zelten von Liederkranz, Eintracht und Stadtkapelle frei. Auch beim VfL Pfullingen im Schatten der Martinskirche bleibt der große Ansturm aus. Unmöglich. Über fünfzig Auftritte an acht Plätzen. Selbst mit dem perfekten Zeitplan in der Tasche, müssen die Gäste aus ganz Baden-Württemberg zahlreiche Veranstaltungen links liegen lassen. Was bleibt, ist ein unvergesslicher Eindruck von der Bandbreite und Qualität der Laienmusik im Ländle. (GEA)
Party auf dem Marktplatz
FOTO: Gerlinde Trinkhaus
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