Pfullingen / Eningen / Lichtenstein
LEUTE - Eugen Knebel aus Pfullingen ist mit 89 Jahren der älteste Student an der Universität Tübingen

Den »Bachelor of Arts« im Blick

VON BIRGIT VEY

PFULLINGEN/ TÜBINGEN. Während andere schon längst ihre Rente genießen, macht sich Eugen Knebel auf den Weg zum Hörsaal oder in die Bibliothek. Den »Bachelor of Arts« visiert der Pfullinger an und wählte Philosophie und Slawistik. Mit seinen 89 Jahren ist er der mit Abstand älteste Student an der Universität Tübingen.

Eugen Knebel ist belesen. Allerdings braucht der Pfullinger zum Studieren der Bücher inzwischen ein Vergrößerungsgerät. FOTO: VEY
Eugen Knebel ist belesen. Allerdings braucht der Pfullinger zum Studieren der Bücher inzwischen ein Vergrößerungsgerät. FOTO: VEY
Knebel büffelt wie die jungen Kommilitonen. Gemeinsam sitzt er mit Studenten, die seine Enkelkinder sein könnten, im Seminarraum. Doch anders als der Denker Aristoteles, eines seiner Vorbilder, hat der ältere Herr eine gute Meinung von jungen Leuten: »Da hat mich niemand schief angeschaut. Ich war voll akzeptiert.« Probleme hatte der Senior eher mit anderen toten Denkern: »Die Vorlesungen über Schopenhauer brach ich ab. Dessen Thesen sind mir zu arrogant.«

»Ich muss in der vordersten Reihe sitzen. Dann kann ich von den Lippen ablesen«
 

Knebel sieht nicht mehr so gut. Deswegen hält er sich selten in der Bibliothek auf. »Die Buchstaben sind einfach zu klein. Das kann ich nicht lesen.« Stattdessen landen die Bücher in seinem Arbeitszimmer. Dort steht ein Lesegerät, mit dem er das Geschriebene vergrößern kann. Oder er studiert die Werke an einem Monitor, der die Maße eines Fernsehers hat. Auch seine Ohren wollen nicht mehr so recht. »Im Hörsaal, wenn der Verstärker eingeschaltet war, habe ich fast nichts verstanden. Also muss ich mich in die vorderste Reihe setzen. So kann ich von den Dozentenlippen ablesen«, erzählt der Senioren-Student.

Philosophie interessiert Knebel am meisten: »Dadurch lernt man denken.« Viele Werke dieser geistigen Nahrung stapeln sich in seinem Bücherregal: »Einführung in die Metaphysik«, »Gesamtausgabe Kant« sowie Bücher über Nietzsche, Cicero und Epikur finden sich dort.

Als zweites Fach belegte er Slawistik, weil seine Vorfahren vor 300 Jahren in slawische Gebiete auswanderten. Urgroßvater Frank Knebel ließ sich in Lodz nieder. Und die Eltern eröffneten im nahe gelegenen Pabianice einen Lebensmittelladen. Dort wuchs Knebel auf und besuchte die Volksschule. Deutsch und Polnisch lernte er, ein paar Brocken Russisch schnappte er von den Eltern auf. Serbisch und Tschechisch nahm er sich im Studium vor. Die Uni-Prüfung machte er in Russisch und Polnisch.

»Ich möchte nachholen, was ich in früheren Jahren versäumt habe«, erklärt der Pfullinger, warum er als »fortgeschrittenes Semester« an der Uni eingeschrieben ist. Seinen ersten Versuch in der Nachkriegszeit, als er sich in Hannover für ein Architekturstudium einschrieb, brach er ab. »Verbummelte Zeit«, nennt Knebel diese Jahre und leichte Selbstvorwürfe sind spürbar. Der junge Mann machte stattdessen eine Import-Export-Ausbildung in Hamburg.

Wegen einer neuen Anstellung zog es ihn in den 1960er-Jahren nach Stuttgart und ein Jahrzehnt später nach Pfullingen. Bei einer Baufirma holte er drei Meisterprüfungen nach, wurde Geschäftsführer – und kaufte als 65-Jähriger das Unternehmen. Knebel führte die Geschäfte, bis er 75 Jahre alt war. Dann trennte er sich von der Firma und war sieben Jahre auf Bildungsreisen.

»Andere Ehemänner helfen im Garten. Aber meiner sitzt am Schreibtisch und liest«
 

Mit 81 Jahren schrieb sich Knebel als Student ein. Finanziert hat er den Hochschulbesuch durch den Verkauf der Firma. Jetzt ist er im 13. Semester bei acht Semestern Regelstudienzeit. »Ich kann mir Zeit lassen«, findet er. Vorgenommen hat er sich, im Sommersemester 2015 den »Bachelor of Arts« abzuschließen. Sollten seine philosophischen Studien mit guten Noten bewertet werden, kommt der Griff zum Doktortitel.

Seine Familie, seine Frau und die drei Kinder lächeln etwas über seine akademische Umtriebigkeit. »Andere Ehemänner helfen im Garten mit. Aber meiner sitzt am Schreibtisch und liest«, meint Ehefrau Heide Knebel und schmunzelt.

Doch für ihren Gatten ist es der richtige Weg. Denn lebenslanges Lernen ist für ihn keine hohle Phase, sondern ein Ansporn, der für immer neue Ideen sorgt. Eines seiner Ziele ist es, für ein bis zwei Wochen nach Petersburg zu reisen. »Diese Tour mache ich ganz allein. Ich will meine Russisch-Kenntnisse ausprobieren.« Auch einen Besuch bei Freunden in Tel Aviv visiert er an. Dort spricht man Jiddisch.

Für Eugen Knebel hat die Büffelei weitere Vorteile: »Ich bilde mich. Das tut mir gut. So habe ich keine Zeit für das, was andere Männer in meinem Alter oft beschäftigt, sich Gedanken über Krankheiten zu machen.« Das Hirn fit halten, ist sein Rezept fürs Älterwerden. Dabei hilft, worüber der 89-Jährige gerade forscht: über Epikurs Grundsätze des guten Lebens. (GEA)

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