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Besuch in Lichtenstein - Phuti Sherpa, Projektkoordinatorin von Mountain-Spirit Deutschland in Nepal, ist zu Gast in Lichtenstein

So hilft Mountain-Spirit in Nepal

VON UWE SAUTTER

LICHTENSTEIN. Eins mag sie gar nicht: Mit Brot kann man Phuti Sherpa jagen. Rauchfleisch dagegen liebt sie. Die 26-jährige Nepalesin kommt ansonsten mit der schwäbischen Küche gut zurecht. Maultaschen sind lecker, Kartoffeln und Salat sowieso. Zur Zeit ist sie zu Gast beim Vorsitzenden von Mountain-Spirit Deutschland (MS), bei Wolfgang Henzler in Lichtenstein. Phuti Sherpa koordiniert die Hilfsprojekte des Vereins, der sich für die Menschen in den Bergregionen Nepals engagiert. »Dass in Deutschland die Menschen nicht im Garten sitzen und das Geld vom Himmel regnet, sondern dafür hart gearbeitet werden muss«, um ihr das zu zeigen, hat Henzler sie auch eingeladen.

Wolfgang Henzler und Phuti Sherpa im Garten des Lichtensteiner Mountain-Spirit-Vorsitzenden.
Wolfgang Henzler und Phuti Sherpa im Garten des Lichtensteiner Mountain-Spirit-Vorsitzenden. FOTO: Uwe Sautter
Jetzt sitzen sie im Garten hinter dem Haus von Henzler und genießen die Herbstsonne. »Alles ist hektischer als zu Hause«, das hat Phuti Sherpa schnell erkannt. Die 26-Jährige hat zum ersten Mal ihre Heimat verlassen, bis Ende Oktober ist sie in Deutschland, lernt Land, Leute und die Mitglieder von Mountain-Spirit kennen, von deren Unterstützung auch sie profitiert hat.

Kampf um Bildung

Aufgewachsen ist die zierliche junge Frau in Chyangmityang, einem kleinen Dorf mit rund 200 Einwohnern. Wäre es nach ihren Eltern gegangen, lebte sie noch heute dort und würde die Tiere hüten. Das ist traditionell Aufgabe von Frauen und jungen Mädchen in den Bergdörfern nach Verlassen der Grundschule. Ein Besuch der weiterführenden Schule kommt für sie normalerweise nicht infrage. Aber Phuti Sherpa wollte sich mit diesem Los nicht abfinden und wehrte sich schon früh – letztlich mit Erfolg.

Sie ist das erste Mädchen aus Chyangmityang, das auf die weiterführende Schule gehen durfte. »Ich wollte immer im sozialen Bereich arbeiten, den Menschen helfen«, erklärt sie den hinhaltenden Widerstand gegenüber ihren Eltern, die sich letztlich überzeugen ließen. »Es war eine harte Zeit«, sagt sie heute im Rückblick. Fünf Stunden Fußmarsch war die weiterführende staatliche Schule entfernt – zu weit, um den Weg täglich zweimal zu bewältigen. Mit zwölf Jahren verlässt sie das Elternhaus, kocht selbst und kommt meist nur an den Wochenenden heim.

Nicht viele Mädchen haben diese Chance. Denn Schulbildung ist nicht billig. Die Schulkleidung und die Bücher müssen die Eltern aus der eigenen Tasche bezahlen. Für die Bauern, die in erster Linie Selbstversorger sind, ist der Betrag kaum aufzutreiben.

Auch deshalb finanziert Mountain-Spirit immer wieder Schuluniformen, und weil sie der Verein inzwischen als sehr sinnvoll ansieht. »Der Unterschied zwischen Arm und Reich lässt sich dann nicht gleich an der Kleidung festmachen«, erklärt Henzler den Vorteil. Rund 175 Patenschaften betreut der Verein. Phuti Sherpa kümmert sich darum, dass die Fördergelder, zwischen 20 und 30 Euro pro Monat, dort ankommen, wo sie gebraucht werden. Die Patenschaftsgelder werden nur dann freigegeben, wenn die Schüler oder die Eltern der Schüler entsprechende Schulnachweise und Quittungen bringen. »Ich wollte, dass auch andere die gleichen Möglichkeiten haben, wie ich«, erklärt sie ihr Engagement.

Kleines Büro in Kathmandu

Im Haus ihrer Eltern in Chyangmityang kam es zur ersten Begegnung zwischen Mountain-Spirit und Phuti Sherpa. Sie wollte nach der weiterführenden Schule auf eine private Schule wechseln und hatte sechs Monate Zeit. Die Hilfsorganisation erklärte sich bereit, sie bis zum Studium zu fördern, wenn sie bis dahin als Vermittlerin und Dolmetscherin arbeitet. »Hilfe zur Selbsthilfe geben«, das ist der zentrale Ansatz des 1999 gegründeten Vereins. Henzler freut gerade deshalb die Entwicklung der 26-Jährigen besonders: »Der Samen geht auf«, sagt er zufrieden.

Zufrieden ist Phuti Sherpa erst wieder so richtig, wenn sie in ihrem kleinen Büro in Kathmandu sitzt, die Patenschaften organisiert oder etwa – wie kürzlich – mit einem Projekt des Vereins mehr als tausend Schulkindern die Grundlagen der Hygiene vermittelt. Mit Zahnpasta und Haarshampoo im Gepäck ging es über die Dörfer. Die Arbeit fehlt ihr, sagt sie.

In der nepalesischen Hauptstadt hat sie sich ein nettes kleines Büro eingerichtet, erzählt Henzler, in dem sie sich richtig wohlfühlt. Dabei war die erste Begegnung mit der Stadt gar nicht so erbauend. Als sie mit 16 Jahren an die private Schule in der Hauptstadt wechselte, wohnte sie einen zweistündigen Fußmarsch entfernt bei Verwandten. Der erste Stadtbesuch ist ihr noch in guter Erinnerung. Rot wie Chili sei sie gewesen, nachdem sie an der Hand der Verwandten die Straßenseite gewechselte hatte. Der Verkehr war einfach unbegreiflich für die 16-Jährige.

So ähnlich habe sie sich auch gefühlt, nachdem sie in Deutschland aus dem Flugzeug gestiegen sei, erklärt sie. Anmerken lässt sie sich davon nichts. Aber bald wird sie mit ihrem Moped wieder ganz selbstverständlich im Verkehrsgewühl von Kathmandu mitschwimmen, was wiederum Henzler den Kopf schütteln lässt. Mit im Gepäck bei der Tour zur Verwandtschaft hat Phuti Sherpa dann auf jeden Fall eine ganze Ladung Rauchfleisch. (GEA)

Hilfe für die Bergregionen in Nepal


Mountain-Spirit Deutschland bringt Hilfe dorthin, wo die großen Hilfsorganisationen kaum hingehen, in die ärmsten Bergregionen der Welt.

Der Arbeitsschwerpunkt liegt zurzeit in einem der ärmsten Länder der Erde, in Nepal.Dort leistet der Verein Hilfe zur Selbsthilfe, entwickelt zusammen mit der Bevölkerung Projekte und Vorgehensweisen, um diese dann gemeinsam umzusetzen. So hat der Verein in den vergangenen mehr als 16 Jahren zwei Krankenstationen (Health Centers) errichtet, etliche Schulen aufgebaut oder renoviert, Solarstrom in zwei abgelegene Dörfer gebracht oder dort die nachhaltige Landwirtschaft gefördert.

Ein wichtiges Ziel dabei ist, den Menschen in ihrer Bergheimat eine Zukunftsperspektive zu geben und ihre Abwanderung in die Armutsviertel von Kathmandu zu verhindern.

Daneben vermittelt der Verein Patenschaften für bedürftige Kinder: Sie bekommen auf diese Weise die Möglichkeit, zur Schule zu gehen und sich eine bessere Zukunft aufbauen zu können. (GEA)

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