Geschichte - Der Pfullinger Erlenhof hat inspiriert, war aber als Standort einer Künstlerkolonie ungeeignet
Alles da, nur keine Betten für Gäste
PFULLINGEN. Er ist ein Kleinod, für Pfullingen, aber auch für die Kunst- und Architekturgeschichte: der Erlenhof, erbaut von 1904 bis 1906 von dem renommierten süddeutschen Architekten und Städteplaner Theodor Fischer im Auftrag von Louis Laiblin. Ein Gebäudeensemble, das die Handschrift Fischers trägt, obwohl es das 1894 gebaute Laiblinsche Sommerhaus »Helenenschlösschen«, auch »Helenenburg« genannt, integriert.
Der Erlenhof mit seinen Walmdächern, Türmchen und Gauben passt sich hervorragend der hügeligen Landschaft an. Saalbau - das erweiterte frühere Helenenschlösschen - Gutshaus und Wirtschaftsgebäude sind miteinander verbunden und doch als einzelne Gebäudeteile zu erkennen. Die verbindenden Teilstücke gewähren Durchblicke auf die reizvolle Umgebung. Zudem liegt das Ensemble in einem Park mit einer Vielzahl von Koniferen und grenzt an die Obstanlage, in der Pfullingens Mäzen Louis Laiblin Obstbäume von allen alten Sorten in Baden-Württemberg pflanzen ließ.
Ein inspirierender Ort also für Maler. Ob es allerdings hier eine »Künstlerkolonie« gegeben hat, ob hier Künstler nicht nur gearbeitet, sondern auch gelebt haben, das bezweifelt Verena Förster, die seit Ende der Sechzigerjahre den Erlenhof bewohnt und die damals völlig heruntergekommenen und zweckentfremdeten Gebäude zusammen mit ihrem Mann Martin mit großem Einsatz und viel Einfühlungsvermögen renoviert und geschmackvoll neu eingerichtet hat.
Hier habe es keine Übernachtungsmöglichkeit gegeben, so die ehemalige Lehrerin, Tochter des Reutlinger Schriftstellers und Professors für Kunsterziehung Gerd Gaiser. Im Gutshaus habe »der Geheime Rat« Louis Laiblin mit seinem Personal gewohnt und im Saalbau gebe es keine Schlafzimmer. Hier liegt der beeindruckende Musiksaal, im Untergeschoss gibt es eine Küche.
Der große Saal wird dem Stuttgarter Maler und Kunst-Professor Adolf Hölzel als Vortragssaal gedient haben. Die großen Fenster ermöglichten einen herrlichen, damals noch freien Blick in das Tal, auf die Obstanlage und die Steilwände der Schwäbischen Alb. Die Künstler, die anlässlich der Einweihung des Gutes im Sommer 1906 hier weilten, sich zum Ferienseminar von Hölzel nach dem Sommersemester 1906 im Erlenhof trafen und im Frühjahr des folgenden Jahres noch einmal, wurden von Laiblin vermutlich in den Pfullinger Gasthäusern und in Privatquartieren untergebracht.
Doch getroffen haben sie sich immer wieder im Erlenhof, gearbeitet, gefeiert und ihre Ausflüge hier geplant. Der Saal zeugt heute noch von ihrem Wirken: Drei Deckenfresken, ein Kinderreigen und zwei allegorische Darstellungen, stammen von einem der Gast-Künstler, höchstwahrscheinlich von Melchior von Hugo, wie Ulrich Mohl in seinem Büchlein »Die Geschichte vom Erlenhof« schreibt. (kab)