Glaubenskrise - Katholiken aus dem Echaztal beteiligen sich am innerkirchlichen Dialog- und Erneuerungsprozess
»Weil Kirche nicht fertig ist«
VON CHRISTOPH B. STRÖHLE
PFULLINGEN. Ausgehend von den Missbrauchs- und Vertuschungsskandalen der vergangenen Jahre hat die katholische Kirche in Deutschland unter dem Titel »Zeit zu hören« einen Dialog- und Erneuerungsprozess in Kirche und Gemeinde angestoßen, um Vertrauen zurückzugewinnen. Für die Diözese Rottenburg-Stuttgart hat Bischof Dr. Gebhard Fürst dazu festgestellt: »Keine Fragen sollen von vornherein ausgeschlossen werden. Wo auf Ebene der Ortskirche Erneuerung stattfinden kann, werde ich diese angehen. Was nicht auf der Ebene der Ortskirche möglich ist, möchte ich zur Besprechung in die Bischofskonferenz mitnehmen.«
Zwei Jahre Zeit will sich der Bischof für den 2011 gestarteten Dialog nehmen und die Anliegen sammeln, die in Kirchengemeinden und Seelsorgeeinheiten, kirchlichen Gruppen und Einrichtungen vorgetragen werden. Im Pfullinger Gemeindehaus St. Wolfgang diskutierten am Donnerstag zwei Dutzend Katholiken aus dem Echaztal darüber, wie sich Glauben in der heutigen Zeit leben lässt und wie sie sich die Strukturen und Aufgaben von Kirche im 21. Jahrhundert vorstellen. Professor Dr. Thomas Fliethmann, Leiter des Instituts für Fort- und Weiterbildung der Diözese Rottenburg-Stuttgart und Leiter der Koordinierungsgruppe für den diözesanen Dialog, hielt einleitend ein Impulsreferat.
Dialog nötig
Es gehe um »mehr als nur ein Wegräumen von Schutt«, sagte er. »Die Kirche als Ganze, zumindest hier in Deutschland, ist in einer Häutung. Anders gesagt: Die Raupe wird zum Schmetterling. Bloß, dass es ein Schmetterling wird, weiß man erst hinterher, wenn es geklappt hat. So als Raupe hat man Angst, weil man nicht weiß, was da kommt.« Kirche brauche den Dialog, »weil sie eben nicht fertig ist«. Der Dialog sei dabei nicht nur als Methode zu verstehen, sondern als Haltung, »als Bereitschaft, sich durch die Begegnung verändern zu lassen«.
Keine Sozialform der Kirche sei »alternativlos«, gab Fliethmann zu bedenken. Antworten müssten für jede Zeit und jede gesellschaftliche Realität neu gefunden werden. »Wenn man heute Kinder erzieht, kann man auch nicht auf Muster von früher zurückgreifen.«
Was die Gläubigen in Pfullingen und Lichtenstein bewegt, ließ sich an den teils schonungslosen, teils zynischen oder zweifelnd-nachdenklichen Kommentaren ablesen, die die Anwesenden in Kleingruppen zu Papier brachten. »Wenn ich den Papst ernst nehmen würde, müsste ich austreten«, war da zu lesen. Oder: »Wie weit müssen wir von Rom abhängig sein?«
Da wurde nach dem Umgang mit »Ersatzreligionen« der jungen Leute, »vor allem Facebook«, gefragt oder nach der Wahrnehmung vieler, »dass es scheinbar auch ohne Kirche geht«. Gefordert wurde eine dezidiert christliche Werteerziehung und gleichzeitig gewarnt vor Überforderung bei der Ausgestaltung ehrenamtlicher Tätigkeit. »Unter der Hand hat sich vieles entwickelt«, meinte einer der Diskutanten. »Wie kriegen wir es hin, da auch die Leitung mit einzubinden?« Gemeint war unter anderem der Umgang mit Geschiedenen/Wiederverheirateten, die, als »Sünder« gebrandmarkt, offiziell von der Kommunion ausgeschlossen sind. In der Praxis wird dies oft weniger strikt gehandhabt.
Sprachlosigkeit überwinden
Ein Gläubiger sagte, er habe niemanden, mit dem er über seinen Glauben reden könne. »Ich komme mir relativ alleingelassen vor.« Am ehesten möglich sei ein solcher Diskurs mit den Zeugen Jehovas, befand ein anderer. Er jedenfalls lasse diese, wenn sie klingeln, immer rein, um sich argumentativ zu schulen und zugleich die eigene Sprachlosigkeit zu überwinden.
Fertige Konzepte hatte an diesem Abend keiner der Anwesenden parat, allenfalls Ansätze wie: »Da müssen Werbestrategen her, die gezielt die Jugend ansprechen.« Einer Frau kamen der von den Kirchenoberen gestartete Dialog und die neue Offenheit »gut, aber irgendwie surreal« vor. »Ich habe jahrelang anderes erlebt, was Kirche ist und Kirche macht«, sagte sie.
Der Abend habe gezeigt, dass eine Unzufriedenheit da ist, meinte am Ende Pastoralreferentin Ines Spitznagel. Die Kirche sei mit dem Dialogprozess auf einem guten Weg und erkenne, wo die Schwierigkeiten sind. »Für mich ist die Frage aber, ob unsere Kirche wirklich den Schritt wagt, neue Wege zu gehen, oder ob sie diese Chance verstreichen lässt.« (GEA)
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