Strafprozess - Gerichtsverhandlung um Unterschlagungen von Geldern bei der Landesoberkasse Metzingen ging weiter

Unterschlagung von Geldern: Vorgesetzter fassungslos

METZINGEN/TÜBINGEN. »Ich war fassungslos«, sagte der 64 Jahre alte Abteilungsleiter der Metzinger Landesoberkasse (LOK) am Freitag im Zeugenstand und schob nach einer Pause nach: »... und bin es immer noch.«

FOTO: Martin Bernklau
Er war Vorgesetzter der suspendierten 61-jährigen Teamleiterin, die sich mit ihrem 45-jährigen Kollegen vor dem Landgericht Tübingen wegen gemeinschaftlicher Untreue und Urkundenfälschung zu verantworten hat.

Beide haben bereits zu Beginn des Prozesses gestanden, im Verlauf von 13 Jahren Barbeträge mit einer Summe von rund 1, 237 Millionen Euro aus dem Tresor entnommen und mit gefälschten Belegen unterschlagen zu haben. Strafrechtlich relevant ist allerdings nur der Teil der 182 einzelnen Fälle, der noch nicht unter die fünfjährige Verjährungsfrist fällt.

Zunächst kleine Ungereimtheiten

Zunächst hatte der Leiter der Landesoberkasse in Karlsruhe vor der Großen Strafkammer des Tübinger Landgerichts ausgesagt. Bis zu seiner Beförderung vor vier Jahren führte er die Außenstelle in Metzingen. Der 57-Jährige beschrieb aus Sicht der Behörde die späte und eher zufällige Aufdeckung des Falles.

Den Metzinger Kollegen seien im vergangenen März drei Kleinigkeiten aus dem Geschäftsbereich der jetzt angeklagten Kollegin aufgefallen. Zunächst hatte die Krankheitsvertretung eine vermeintlich versehentliche Austragung aus dem Verwahrbuch bemerkt. Bei einer der sporadischen »unvermuteten Kassenprüfungen« durch Beamte der Oberfinanzdirektion waren zwei Beträge aufgefallen, die als Austrag vermerkt waren, aber noch samt ihren Kuverts im Tresor lagen. Schließlich sei ein 10-Euro-Betrag nicht verbucht gewesen.

Mit den Metzinger Kollegen sei der Karlsruher Kassenleiter übereingekommen, der seit Jahresbeginn krankgeschriebenen Teamleiterin telefonisch zum Geburtstag zu gratulieren und sich beiläufig zu den drei kleinen Unregelmäßigkeiten zu erkundigen - ohne Ergebnis. Als man daraufhin eine betreffende Einzahlungs-Quittung der Reutlinger Bundesbank-Filiale vorlegte, sei sofort die Antwort gekommen: »Die ist falsch«. Die Anzeige bei der Kripo und der Staatsanwaltschaft folgte sofort.

Mit dem Wissen um die kleinen Unterschiede zwischen Original und Fälschung waren die 182 Unterschlagungs-Belege in Zusammenarbeit mit der Kripo Reutlingen auch recht schnell ausgemacht. Zudem passten die Transaktionen, die unter »User LM 61« im elektronischen Buchungssystem standen, zu den Fälschungen. Ein möglicher Mittäter der Teamleiterin war noch nicht ausgemacht, nicht einmal in Erwägung gezogen. Den nannte erst die überraschte Frau selbst, als wenig später Ermittler mit einem Durchsuchungsbeschluss vor ihrer Haustür im Kreis Ludwigsburg standen.

Die falschen Belege waren niemandem aufgefallen. Ein Vier-Augen-Prinzip habe bei der Entnahme aus dem Tresor, für das Zählen und anschließende Versenden per Boten aber nicht mehr gegolten. Diese Schwachstelle, so der Karlsruher Landesoberkassenleiter, habe man »inzwischen natürlich beseitigt«.

Der Vorsitzende Richter wollte auch wissen, weshalb niemandem das Fehlen solcher Beträge aufgefallen sei. Ob es denn nirgendwo »wenigstens ein kleines Gefühl des Verlustes« gegeben habe, fragte Richter Polachowski ungläubig. Der Grund lag für den LOK-Leiter darin, dass die Gelder ja nur behördenintern umgewidmet und letztlich dem großen Konto des Landes bei der Deutschen Bundesbank gutgeschrieben worden seien: »Das Geld floss ja eigentlich nicht nach außen ab, das waren im Prinzip hausinterne Umbuchungen.«

In den elektronischen Büchern der großen Staatsanwaltschaft Stuttgart, für die in Metzingen jährlich bis zu 450 Posten - beispielsweise auch beschlagnahmtes Drogengeld - verwahrt oder verwertet werden, habe niemand diesen Fehlbetrag bemerkt.

Bundesbank erkennt Fälschung

Die große Mehrzahl der Fälle und die Masse der umgebuchten Gelder seien ja auch ordnungsgemäß bearbeitet worden, wie der rangnächste Beamte gleichfalls bestätigte. Der 64-jährige Leiter der Metzinger Außenstelle, direkter Vorgesetzter der Angeklagten, beschrieb in seiner Aussage noch einmal Details der kleinen Ungereimtheiten, die den Verdacht gegen die bis dahin als untadelige Beamtin geltende Teamleiterin hätten aufkommen lassen: die Erinnerung der Vertretung an einen »komischen Fall«, der Bleistiftvermerk »Eintrag ungültig«, die Anweisung für die Herausgabe eines Geldumschlags, der sich dann nicht im Tresor fand. »Das kann nicht wahr sein!«, habe er sich gedacht, als die Bundesbank den ersten Beleg als Fälschung erkannt habe.

Fassungslos sei er bis heute, sagte der Beamte. Auch darüber, dass er von der langjährigen Kollegin »jeden Tag angelogen« und sein »Vertrauen derart missbraucht« worden sei. Der Prozess wird am heutigen Dienstag fortgesetzt. (mab)



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