Ortshistorie - Albrecht Arnold leitet ehrenamtlich das Dettinger Heimatmuseum und kennt den Ort wie keiner sonst

Unendliche Geschichten

VON MARTIN BERNKLAU

DETTINGEN. Der letzte besondere Tag für Albrecht Arnold liegt gerademal gut zwei Wochen zurück: der »dritte Weihnachtsfeiertag«, Tag der offenen Tür im Dettinger Heimatmuseum. Dann werden im dritten Obergeschoss des Fachwerkhauses die Dampfmaschinen angeheizt und machen nicht nur Männern und Jungs viel Freude.

FOTO: Martin Bernklau
In allen vier Stockwerken des alten Handwerkerhauses mit der originalen Schmiede im Parterre ist von Mittag an Trubel. Denn für viele auswärtige Dettinger, die über die Zeit zwischen den Jahren in die Heimat kommen, ist dort Treffpunkt bei Kaffee und Kuchen.

Die Dampfmaschinen sind nicht das besondere Steckenpferd des Leiters. Er hat sie mit übernommen, als er für den »Arbeitskreis Dettinger Museum und Brauchtum« das Ehrenamt übernahm. Richtig voll eingestiegen ist der gelernte Schriftsetzer erst, als er sein grafisches Atelier dem Sohn übergeben hatte, einem von vier Kindern, die er mit seiner Frau Anneliese hat.

Für die weit über 900-jährige Ortsgeschichte hat Albrecht Arnold sich schon länger interessiert und eingesetzt. Ihm ist es zu verdanken, dass an den bedeutenden und kleineren Sehenswürdigkeiten Dettingens Hinweistafeln angebracht wurden. Natürlich weiß er weit mehr als darauf zu lesen steht über seinen Ort. Wer mit ihm durch die Straßen und Gassen, Plätze und Winkel Dettingens schlendert, wird von ihm wie aus dem Füllhorn mit geschichtlichen Fakten, aber auch mit kleinen Anekdoten und Begebenheiten überhäuft. Unendliche Geschichten hat er auf Lager.

Erzählte Begebenheiten

Albrecht Arnold ist gebürtiger Dettinger des Jahrgangs 1940. Als aber sein Vater, zuvor kaufmännischer Korrespondent für die Reutlinger Maschinenfabrik Ernst Wagner, im Juli 1945 aus dem Krieg heimkehrte, machten ihn die amerikanischen Besatzer als Nazi-Unbelasteten zum Polizisten für ein großes Gebiet jenseits von Kohlberg. Dettingen hingegen wurde französisch. So ging der kleine Albrecht in Neckartenzlingen, Neckartailfingen und Nürtingen zur Schule, schloss mit Mittlerer Reife ab und kehrte erst 1957 wieder in den Heimatort zurück - zur Schriftsetzerlehre. Denn der Vater hatte zwar auch für Geigenunterricht gesorgt, wollte aber einen hand- und krisenfesten Beruf für seinen Sohn.

Im Jahr 1968 heiratete er - eine Dettingerin. Gestalten wollte er immer, und so machte sich der Werbeleiter nach einigen Berufsstationen in der Region zwischen Esslingen und Heidenheim mit seinem Grafischen Atelier selbstständig - in Dettingen. Sein ortsgeschichtlicher Einsatz begann mit der um drei Jahre auf 1992 verschobenen 900-Jahr-Feier über die urkundliche Erwähnung zum »Bempflinger Vertrag«.

Der kürzlich verstorbene langjährige Dettinger Bürgermeister Rudolf Beutler wollte damals die B-28-Umgehung und eine gewisse Umgestaltung der Ortsmitte abwarten, erinnert sich Albrecht Arnold. Er selbst hatte aus diesem Anlass schon das elegante, bis heute verwendete Orts-Logo entwickelt.

Wie der tapfere Pfarrer Rittmann, der auch das jüdische Ehepaar Kracauer versteckt und gerettet hatte, damals den Amerikanern entgegengegangen war, um den Ort zu übergeben, hat Albrecht Arnold als Kind noch erlebt und später genau erzählt bekommen; auch wie die Amis dann im Jeep zum Hörnle hochfuhren, »um die letzten fanatischen Volkssturm-Leute und Hitler-Buben festzunehmen«. Mündliche Geschichte, Oral History heißt das heute.

In zehn Jahren 347 Auswanderer

Auf die Art hat Albrecht Arnold später auch von Geschichten aus dem vorangegangenen Ersten Weltkrieg erfahren. An der Uhlandschule erzählt er das, die kriegshalber erst 1917 fertiggestellt wurde: Die Kinder der italienischen Eisenbahn- und Webereiarbeiter bei Eisenlohr hatten als Feindeskinder eigentlich gar nicht eingeschult werden dürfen. Die pragmatischen Dettinger taten es trotzdem, ohne das zu melden.

Man hat Arnold den Schwank vom Schüler erzählt, den der Lehrer mit 20 Pfennig zum Brezelkaufen schickte, eine als Belohnung für den Buben selber. Als der brezelkauend und mit 10 Pfennig zurückkam, habe er gesagt, es habe beim Bäcker nur noch eine gegeben.

Die Geschichte der drei Dettinger Backhäuser kennt Albrecht Arnold ebenso genau wie die reiche Dettinger Industriegeschichte oder die namhafte Nachkommenschaft des Reformators Johannes Brenz, der auf Hohenwittlingen Zuflucht fand und 1550 in Dettingen seine zweite Ehe geschlossen hatte: Uhland, Hesse, Wildermuth, Bonhoeffer, Weizsäcker.

Den »riesigen Keller« zwischen dem Milchhäusle, Brauerei, dann Wurstküche des »Rößle«, und dem verbliebenen Backstein-Verwaltungsbau von Eisenlohr gegenüber kennt er genau. Dort lagerte man monatelang das Wintereis zur Kühlung von Bier. Dort brannte das erste elektrische Licht von Dettingen. Dort stand ein Gasmotor, den Gottlieb Daimler und sein Konstrukteur Wilhelm Maybach gebaut hatten.

Von den Auswanderungswellen im 19. Jahrhundert weiß er zu berichten, ausgelöst durch die Hungersnöte nach dem Vulkanausbruch 1815 und im Jahr 1847, wo es Krawalle gab und Suppenküchen. Ein wohltätiger »Brot-Hinkel« habe damals mit dem Handwagen von Stuttgart altes Kommiss-Brot erstanden und verteilt, erzählt Albrecht Arnold.

Genau 347 Dettinger wanderten im Verlauf von zehn Jahren aus, »die meisten nach Amerika«, so der Ortshistoriker. Aber viele seien auch mit »Ulmer Schachteln« die Donau hinab bis ins Banat, weiter bis nach Georgien oder gar Persien. Auch unter den Templern in Palästina seien Dettinger gewesen.

Da kommt der Pfarrer Harald Grimm des Wegs. Man begrüßt sich auf einen kurzen Schwatz. Vor dem Marktbrunnen begegnet er Giovanni Sarra, der vor 47 Jahren aus Salerno zu Lechler kam und vor 30 Jahren den florierenden Dettinger Boccia-Verein gründete. In einem von Frieder Scheiffeles Filmen habe er auf die Frage nach seiner nationalen Identität den »legendären Spruch« gesagt: »Ich bin erst Dettinger, dann Europäer!« Man lacht.

Der gestohlene Landsknecht

Über den 1871 »aus dem Katalog« erworbenen gusseisernen Marktbrunnen weiß Albrecht Arnold auch den Diebesschwank, dass die zentrale Landsknechtsfigur - »nach dem Pantel-Hans aus dem Bauernkrieg« - im Jahr 1983 »einfach gestohlen« worden sei. Mit Mühe habe man danach von Vergleichsmodellen einen Kunststoff-Abguss fertigen lassen können. In der Stiftskirche kennt der Stadtführer wortwörtlich jeden Stein, vor allem die vom Baumeister Peter von Koblenz signierten Schlusssteine im 1500 fertiggestellten Chor.

Aber Albrecht Arnold muss dann in sein Heimatmuseum. Nur einmal im Jahr ist »dritter Weihnachtstag« als Tag der offenen Tür. Und schon vor der offiziellen Öffnung strömen die Leute in dieses mehrfach ausgezeichnete Haus mit der originalen Schmiede und den vielen originalgetreu hergerichteten Zimmern aus der Zeit um 1900. (GEA)



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