Soziales - Im Graf-Eberhardt-Gymnasium üben Schüler und Lehrer eine neue Form der Demokratie- und Schulkultur

Neue Form der Schulkultur: Von Handys und Demokratie

VON ANDREAS FINK

BAD URACH. Das Graf-Eberhard-Gymnasium (GEG) übt in einem Projekt eine ganz besondere Form der Demokratie- und Schulkultur. Keine Stilübung auf der Spielwiese von traumtanzenden Pädagogen, sondern ein Projekt mit einem konkreten Ziel: Die Uracher brüten im »Haus auf der Alb« über der »Ausarbeitung einer Empfehlung zum sinnvollen Umgang mit privaten digitalen Endgeräten am GEG«.

Und welche Rolle spielt das Smartphone außerhalb der Schule? Felix Kübler (Mitte) macht sich zusammen mit Moderator Axel Eberhardt im Haus auf der Alb Gedanken über  zentrale soziale  Fragen, die nicht nur das Uracher Graf-Eberhardt-Gymnasium bewegen.
Und welche Rolle spielt das Smartphone außerhalb der Schule? Felix Kübler (Mitte) macht sich zusammen mit Moderator Axel Eberhardt im Haus auf der Alb Gedanken über zentrale soziale Fragen, die nicht nur das Uracher Graf-Eberhardt-Gymnasium bewegen. FOTO: Andreas Fink
Eine komplizierte Beschreibung einer einfachen Frage: Dürfen Handys in die Schule und wenn ja: wann und was?

Die Schulversammlung, die jetzt zum zweiten Mal im Haus auf der Alb getagt hat, besteht aus 30 Schülern und vier Lehrern. In die illustre Runde, die sich Gedanken über eine zentrale Frage macht, sind die Abgeordneten per Los gekommen. Die Uracher orientieren sich an der Ur-Demokratie in Athen, die vor zweieinhalbtausend Jahren genau so an den Start ging. Im Oktober 2016 entschied auch die Republik Irland nach diesem Modell in der hundertköpfigen gelosten »Citizens's Assembly« über die Homo-Ehe.

Per Los in die Schulversammlung

Schulleiter Friedemann Schlumberger hatte Mitte November in einem Brief an die Eltern der 823 Schülerinnen und Schüler leidenschaftlich für das Projekt »Gemeinsam Demokratie gestalten« geworben, das die »Schulklimagruppe« - eine Schüler-Lehrer-Arbeitsgruppe, die nach dem Amoklauf von Winnenden gegründet wurde - vorgeschlagen hatte. Anfang Dezember war die Schulversammlung zum ersten Mal zusammengekommen. Schüler und Lehrer lernten sich kennen und steckten Ziele ab.

In vier Themenfelder hat die Schulversammlung jetzt die Fragen zur Nutzung von mobilen Endgeräten eingeteilt. Erstens: Klassenarbeiten und Leistungsmessungen, zweitens: Unterricht, drittens: Pausen, viertens: Freizeit. Das Smartphone ist immer dabei. Nicht nur bei den Schülern, sondern auch bei den Lehrern.

Bei Leistungsmessungen sollen, nein: müssen Smartphones draußen bleiben. In diesem Punkt sind sich Lehrer und Schüler einig. Wohin aber mit den reizvollen Spielzeugen? In eine Kiste auf dem Lehrerpult? Hier melden die ersten schon Bedenken an - wer mag sein Eigentum schon gern aus der Hand geben? Hier feilen die GEGler noch im Detail.

Und im normalen Unterricht? »Wann beziehungsweise für wen soll das Smartphone in dieser Zeit erlaubt sein«, fragt Moderator Axel Eberhardt, den die Landeszentrale für politische Bildung dem GEG kostenlos zur Verfügung gestellt hat, weil sie von dem Projekt so begeistert war. »Nur, wenn die Lehrer eine Sondererlaubnis geben«, meinen viele. Zumal manche Pädagogen ihre Schüler hin und wieder sogar auffordern, schnell etwas zu googeln. Und Schüler im Jahr 2018 die Schule nicht verlassen sollten, ohne die kreativen, durchaus sinnvollen Möglichkeiten von Smartphones nutzen zu können.

Was aber, wenn Schüler die Tafelaufschriebe ihrer Lehrer abfotografieren wollen? Weil sie mit Abschreiben nicht nachgekommen sind. Oder das Tafelbild erkrankten Mitschüler schicken wollen. Oder einfach keinen Bock hatten, aufzupassen und den Stoff dann eben erst daheim anschauen wollen, wie ein Lehrer kritisch zu bedenken gibt. »Irgendwann kommt dann die Anfrage, ob man's auch aufnehmen darf«, sagt der Pädagoge, »dann passt gar niemand mehr auf.« Eine Kollegin mag sich nicht vorstellen, wenn Pennäler ihr »geistiges Eigentum« einfach abfotografieren und somit irgendwie klauen. Auch hier arbeitet die Schulversammlung noch am Detail. Aktueller Stand: prinzipiell verbieten, aber in Sonderfällen erlauben. Je nach Lehrer.

Die Pausen: eine schwierige Frage. Mit einer Stufenregelung - je älter, desto mehr Rechte, das Handy einzuschalten - mögen sich die jungen Schüler nicht anfreunden, auch wenn sie selber alle mal in die Oberstufe kommen. Also vielleicht eine räumliche Lösung in Form von Handy-Zonen? »Ein bisschen wie die Raucherecken am Bahnhof«, flachst der Moderator. Eine Lösung, die aber ihren Reize hätte: Wer dringend muss, vielleicht auch, um den Eltern etwas Wichtiges mitzuteilen, verschwindet schnell in der Ecke, wischt auf dem Smartphone rum, und kommt dann wieder raus und beteiligt sich wieder an der Unterhaltung, statt stumm aufs Handy zu starren. Eine Lösung könnten auch WLAN-Zonen in der Oberstufen-Bibliothek sein, schlagen die Großen vor. Geschwätzt wird in dem Stillarbeitsraum deshalb noch lange nicht, und Hohlstunden gibt's in der Oberstufe auch genügend.

Freizeit spielt in die Schule rein

Bleibt die Frage, was die Schüler mit ihren Smartphones in der Freizeit machen. Die spielt nämlich teilweise ganz gewaltig in die Schule rein, mehr als sich viele denken können. »Wir haben in jedem Schuljahr mehrfach Probleme mit Mobbing-Geschichten, die übers Smartphone ausgetragen werden«, sagt Schulsozialarbeiterin Inge Beck. Die elektronischen Spielzeuge eröffnen ganz neue und grausame Möglichkeiten, Mitschüler übel zu diffamieren. Klar ist deshalb, dass die GEGler in ihre Empfehlung zur Smartphone-Nutzung einen Werte-Kanon mit aufnehmen wollen.

Wenn am Ende des Projekts im März eine Smartphone- und Tablet-Richtlinie feststeht, geht das Papier in die Gesamtlehrerkonferenz. Die darf, kann und muss die Vorschläge letztlich absegnen. Oder weiterdiskutieren und modifizieren und neu zur Abstimmung bringen - wie in einer richtigen Demokratie eben. Das Smartphoneprojekt ist erst der Anfang: Die Schulkonferenz wird sich in Zukunft weiter Gedanken über weitere brennende soziale Fragen machen. (GEA)

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