Kunstwerk - Der spätgotische Flügelaltar in der Rübgartener Kirche ist jetzt fünfhundert Jahre alt

Muttergottes auf der Mondsichel in Rübgarten

VON OTTO BAUER

PLIEZHAUSEN-RÜBGARTEN. Die äußerlich unscheinbare Rübgartener Pfarrkirche beherbergt mit ihrem Flügelaltar ein kunsthistorisches Kleinod. Weil Rübgarten »Rittergut« war, in dem nach der Reformation keine »Bilderstürme« wüteten, ist es ein Glücksfall, dass der jetzt fünfhundert Jahre alte Altar nicht nur diese Zeit unverändert überstanden hat, sondern unbeschädigt auch viele kriegerische Zeiten, insbesondere den Dreißigjährigen Krieg 1618 bis 1648. Einzig die oben im Schrein zu lesende Inschrift »Gott allein die Ehr« dürfte nachträglich in protestantischer Zeit als Ergänzung dazugekommen sein.

Der Flügelaltar Rübgarten. FOTO: BAUER
Der Flügelaltar Rübgarten. FOTO: BAUER
Bis 1993 sprachen alle gängigen Quellen die Entstehung des Kunstwerks dem durch die Ausmalung der Reutlinger Marienkirche um 1513 bekannt gewordenen Reutlinger Maler Hans Syrer zu (auch Syrner, Sürer oder Syrlin genannt). Vor allem deswegen, weil der Altar auf der Rückseite mit seinem Namen und der Jahreszahl 1505 signiert ist.

Die Jahreszahl war schon davor angezweifelt worden, weil es die »Verkündigungs-Maria« nach bekannten Quellen erstmals 1509/11 gibt. Auch ließen die Renaissancemotive in den dekorativen Partien eine geringfügig spätere Entstehung vermuten.

Weckmanns Werkstatt

Erst 1993 sind Restauratoren am Stuttgarter Landesmuseum zu zweifelsfreien Ergebnissen gekommen: Danach ist das Entstehungsjahr auf 1512 zu datieren und Hans Syrer hat nur die Bemalungen ausgeführt, die Figuren dagegen stammen aus der Ulmer Werkstatt von Niklaus Weckmann (Bildhauer in der Zeit von 1481 bis 1526 in Ulm).

Die sichere Datierung des Kunstwerks stützt sich auf eine zuvor übersehen gewesene und mitten im Goldgrund eingravierte Jahreszahl 1512. Diese Zahl macht auch deswegen Sinn, weil sich die Gemeinde ein Jahr später an den Bischof von Konstanz wandte mit der Bitte, in ihrer Kapelle die wichtigsten Sakramente empfangen zu dürfen. Die wichtigste Entdeckung der Stuttgarter Experten aber betrifft den Holzschnitzer, der als Niklaus Weckmann identifiziert ist - fast so etwas wie eine kunstgeschichtliche Sensation. Bisher wurden nämlich viele Altäre der sogenannten Ulmer Schule zugeschrieben, wozu Jörg Syrlin der Ältere und der Jüngere zählen.

Nach neueren Forschungen arbeiteten beide, Weckmann und Syrlin, sehr wahrscheinlich nur als Architekten und Schreiner. Die Bildhauerarbeiten in Rübgarten stammen von Niklaus Weckmann, der bisher eher als Kleinmeister galt. Er hatte sich in Ulm mit seinem Stil durchgesetzt, obwohl es dort viel berühmtere Leute gab.

Goldbrokatgrund

Vor dem gepressten Goldbrokatgrund steht in der Mitte des Schreins etwas erhöht auf der Mondsichel die Muttergottes Maria mit dem Jesuskind. Zur Rechten Marias steht der heilige Wendelin, dargestellt als Hirte (Schutzheiliger des Viehs) mit Schäferhund und Hirtenstab. Einer Legende nach soll er Abt des Klosters Tholey (Saargebiet) gewesen sein, in Wirklichkeit aber wohl ein fränkischer Einsiedler im 6. Jahrhundert. Er wurde zum beliebten Schutzheiligen für Feld und Vieh. Sein Grab in St. Wendel (Saargebiet) ist seit dem Jahr 1000 bezeugt.

Zur Linken Marias steht der Heilige Jakobus der Ältere in Pilgertracht, also mit Pilgerhut, Pilgermuschel und Pilgerstab. Jakobus war galiläischer Fischer, Bruder des Johannes und des Zebedäus. Mit seinem Bruder sowie Petrus gehörte er zum engsten Apostelkreis. Nach der Apostelgeschichte (12.2) ließ ihn Herodes Agrippina im Jahr 44 enthaupten.

Eine Legende aus dem siebten Jahrhundert erzählt, er habe auch in Spanien gewirkt. Auf wundervolle Weise wurde dort sein angebliches Grab entdeckt, über dem König Alfons II. um 829 eine Kirche und ein Kloster erbauen ließ, um die herum dann die Stadt Santiago de Compostela entstand. Das war vom 10. bis zum 15. Jahrhundert neben Jerusalem der berühmteste Wallfahrtsort der Christenheit. Jakobus ist der Schutzheilige der Pilger.

Einer der Jakobswege aus dem weit verzweigten Netz führt von Schlaitdorf über Altenriet nach Rübgarten und weiter über den Einsiedel nach Bebenhausen. Wegen des Schutzpatrons besuchen vorbeiziehende Pilger auf dem Jakobusweg häufig die Rübgartener Kirche und beten am Altar - heute noch und wieder seit der Renaissance des Jakobswegs.

Zwei Augen auf dem Buch

Auf den aufgeschlagenen Seitenflügeln des Rübgartener Altars stehen die heilige Barbara und die heilige Ottilie. Die heilige Barbara ist mit Märtyrerkrone und goldenem Kelch dargestellt. Sie gehört zu den 14 Nothelfern und gilt als Schutzheilige bei Gewittern. Ebenso ist sie Schutzheilige der Bergleute und der Artilleristen.

Der Legende nach sollen von ihrem Gebet Mauern und Türme eingestürzt sein, um ihr den Weg zum Gottesdienst, den ihr der Vater verboten hatte, zu öffnen. Sie starb den Märtyrertod. Wohl deshalb war sie auch Patronin der Sterbenden, die man anrief, um durch ihre Fürbitte vor dem Tod zum Empfang der heiligen Sakramente zu kommen.

Die heilige Ottilie trägt ein schwarzes Tuch um den Kopf, und wer genau hinsieht, bemerkt in ihrer Hand ein Buch, auf dem zwei Augen zu sehen sind. Diese Augen weisen sie als Schutzheilige bei Augenkrankheiten und Blindheit aus. Sie soll von Geburt an blind gewesen sein und erst bei der Taufe das Augenlicht erhalten haben.

Stark retuschiert

Auf den Außenseiten der Flügel wird als Anfang der Heilsgeschichte die Verkündigung der Maria dargestellt. Der Maler hat am Mantel Marias vor allem bei den Faltenwürfen und Haaren auf Feinheiten geachtet. Die Stickereien im Tuch über dem Lesepult Marias sind so genau gemalt, dass eine lateinische Inschrift zutage kommt. Auf der rechten Tafel steht: »Gott allein die Ehr«. Dazu wird vermutet, dass es sich um eine »stark retuschierte spätere Eintragung« nach der Reformation handelt.

Die Rückseite des Schreins zeigt im linken Bild die heilige Katharina. Sie hält in der linken Hand ein Schwert und trägt eine Märtyrerkrone, da sie anfangs des vierten Jahrhunderts als Märtyrerin gerädert und enthauptet wurde. Der Legende nach soll ihr Leichnam von Engeln zum Berg Sinai, dem heutigen Katharinenkloster, gebracht worden sein. Auch sie zählt zu den 14 Nothelfern.

Im rechten Bild steht der Heilige Christopherus als Christusträger mit dem Jesuskind auf dem Rücken. Als einer der 14 Nothelfer schützt er vor Pest, plötzlichem Tod und bei gefährlichen Unternehmungen. Heute ist er auch Patron der Schiffer, Fuhrleute, Piloten, Kanoniere und Kraftfahrer. Nach einer Legende aus dem 12. Jahrhundert wird der gewaltige, aber gutmütige Riese als Träger des Christuskindes dargestellt, wie er unter der Last des Weltherrschers fast zusammenbricht. Auf dieser Tafel steht die Jahreszahl 1519.

Wenig später: Ohmenhausen

Bei den rückseitigen Tafelmalereien hat man den Eindruck, als wären sie nicht von derselben Hand wie auf den Flügeln. So sind Christopherus und Katharina in klarer, schlichter Zeichnung, das Verkündigungsbild dagegen mit feinen Details und prächtiger Farbgebung.

Im Unterschied zu einem wenige Jahre später geschaffenen recht ähnlichen Altar aus dem heutigen Reutlinger Stadtteil Ohmenhausen ist der Rübgartener Schrein nicht in drei getrennte Apsiden aufgelöst: Alle drei Hauptfiguren, also Maria, Wendelin und Jakob, befinden sich in dem einen, mit Goldgrund unterlegten spätgotischen Raum.

Die Köpfe der Figuren haben sich noch nicht aus der Körpersilhouette befreit; die Gesichter sind weniger bäuerlich-derb, aber auch glatter und typisierter als im Ohmenhäuser Vergleichsbeispiel.

Insgesamt gesehen ist der Altar (Fachausdruck: das Retabel) vorzüglich erhalten. Er wurde zuletzt 1939 konserviert. Auch mag von Interesse sein, dass die Altarflügel in der Fastenzeit und in der Adventszeit geschlossen wurden. (GEA)

Der Autor


Anlässlich des fünfhundertjährigen Bestehens des Rübgartener Altars in der evangelischen Dorfkirche (Details auf dieser Seite) veröffentlicht der GEA Beiträge zur ungewöhnlichen Geschichte aus Rübgartens ritterschaftlicher Zeit. Verfasser ist Otto Bauer, von 1965 bis 1975 letzter Bürgermeister der selbstständigen Gemeinde Rübgarten und von 1972 an auch Bürgermeister von Walddorfhäslach.

Auch für seine Amtszeit gilt Ungewöhnliches: Im benachbarten Häslach erst kurz zuvor gewählt, sah er sich zu einer Bürgermeister-Kandidatur in Rübgarten Ende 1964 außerstande. Trotzdem gaben ihm 76 Prozent der Wähler den Vorzug vor einem auf dem Stimmzettel stehenden Bewerber. »Von Hand« schrieben sie seinen Namen hinzu und erkoren ihn »mit ihrem Stimmkreuz« zum Bürgermeister.

In der Gemeindereform klagte Rübgarten als eine von zwölf Gemeinden beim Staatsgerichtshof auf den Erhalt der Selbstständigkeit. Mit nur rund 1 000 Einwohnern verfehlte man die gesetzliche Vorgabe, die bei 2 000 lag. Alles Argumentieren vor Gericht half nicht, letztlich orientierte sich der Staatsgerichtshof nur an formalen Vorgaben. Sinnigerweise wurde das ablehnende Gerichtsurteil an Himmelfahrt, es war der 12. Mai 1975, rechtskräftig. Auch für Otto Bauer »das Aus« als Bürgermeister in Rübgarten. (GEA)

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