Rathausgespräch - Professor Dennis A. De, Karl Schmauder und Helmut Haussmann berichten über Indien
Leben zwischen Extremen
Von Norbert Leister
BAD URACH. Indien ist ein riesiges Land, 30-mal so groß wie Deutschland mit 1,2 Milliarden Menschen. Die Armut ist groß, aber der Staat am Ganges ist gleichzeitig die aufstrebende Wirtschaftsmacht unserer Zeit. Auch wenn die größte Demokratie der Erde in Bezug auf die neuen gigantischen Märkte nach China »nur« den zweiten Platz belegt, so sei Indien doch »das Labor der Welt«. Im Gegensatz zum »Reich der Mitte«, das Ex-Wirtschaftsminister Helmut Haussmann am Montagabend bei einem weiteren Bad Uracher Rathausgespräch als »die Werkstatt der Welt« bezeichnete. Warum? Weil den Chinesen die Kreativität und die Gabe der Improvisation fehle.
Im Gespräch (von rechts): Professor Dennis A. De, Elmar Rebmann, Helmut Haussmann und Karl Schmauder.
FOTO: Norbert Leister
»Normale« statt »absolute Armut«
Das riesige Land am Ganges war das Thema am Montag im Bad Uracher Rathaus. Drei verschiedene Blickwinkel präsentierten Haussmann, Karl Schmauder aus dem Vorstand der Elring-Klinger AG sowie Prof. Dennis A. De von der Reutlinger European School of Business vor rund 60 Interessierten. Organisiert wurde das Gespräch erneut von Bad Urach Aktiv, der Stadt sowie Sabine Hunzinger. Zunächst hatte jedoch Bürgermeister Elmar Rebmann in das Thema eingeführt: Indien sei das Land der Gegensätze, betonte er. Einerseits sei es das Mutterland des gewaltfreien Widerstands, gleichzeitig aber auch Atommacht und in ständigem Konflikt mit dem Nachbarland Pakistan.
Hightech-orientiert und Armenhaus gleichzeitig zu sein erfordere gewaltige Anstrengungen, sagte Dennis De. Die Frage, warum es zu keinen sozialen Unruhen in Indien komme, könne nur mit der dortigen Denkweise erklärt werden: »Die Menschen in Indien versuchen, sich zu verbessern«, so De. Auch wenn das durch Kastenwesen, die Stellung der Frau, Religion und durch Studiengebühren von bis zu 20 000 US-Dollar pro Jahr erschwert werde. Die Reutlinger Hochschule hat unter der Führung von Prof. De in der Nähe vom Mumbai ein Studienzentrum installiert - das erste und bislang einzige einer deutschen Hochschule.
Trotz der großen Armut in Indien hat der Staat es laut Haussmann in kurzer Zeit geschafft, 300 Millionen Menschen aus der bittersten und absoluten Armut in »die normale Armut zu befördern«. Was bedeute, dass sich diese Menschen nun selbst ernähren könnten. Allerdings seien immer noch 40 Prozent aller Inder arm. Die Gegensätze könnten also krasser nicht sein, eine kleine Oberschicht verfügt nämlich über gewaltige Mengen an Geld. Aber: »Die Mittelschicht wird rasend schnell breiter«, betonte Karl Schmauder.
Andere Arbeitsbedingungen
Was auch genau der Grund für den Automobilzulieferer Elring-Klinger war, um nach einer Zeit des Zögerns 2008 schließlich in den boomenden Markt einzusteigen: In der Nähe vom Mumbai (das einst Bombay hieß) baute das Dettinger Unternehmen ein Werk, um den indischen Markt zu beliefern.
An die dort herrschenden Arbeitsbedingungen hätte man sich aber erst gewöhnen müssen - kommen an einem Tag die Bauarbeiter nicht, müsse der Leiter halt zu einer anderen Baustelle fahren und die Arbeiter dort mit ein paar Cent mehr abwerben. Alles kein Problem, versicherte Schmauder.
Die Fabrik hat die Produktion schon seit einigen Tagen aufgenommen und mittlerweile finden sich in dem Gewerbegebiet 300 weitere deutsche Firmen. Darunter VW und Daimler. Bislang ist der indische Automarkt allerdings noch kein wirklich großer: »Die billigen Pkw, die bislang dort gebaut werden, enthalten nicht viel Technologie«, so Schmauder.
Das werde sich aber mit den neuen Umweltbestimmungen, die ab 2011 eingeführt würden, ändern. (GEA)
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