Bilanz - Heute vor vier Jahren wurde Bürgermeisterin Annette Bauer ins Amt eingeführt. Neue Ortsmitte im Fokus

Halbzeit für Annette Bauer in Grafenberg

VON THOMAS FÜSSEL UND MARKUS PFISTERER

GRAFENBERG. Sie ist angekommen. »Mein Platz ist in Grafenberg«, sagt Annette Bauer, die heute vor vier Jahren ins Amt als Bürgermeisterin der rund 2 600 Einwohner zählenden Gemeinde eingesetzt wurde. Sie sagt es trotz aller Irritationen, die es nach nicht mal zwei Jahren ihrer Amtszeit gab, als sie damit an die Öffentlichkeit ging, dass es Grafenberg finanziell deutlich schlechter gehe, als sie es angenommen hatte, und dies von der Gemeindeprüfungsanstalt aufarbeiten ließ.

Grafenbergs Bürgermeisterin Annette Bauer vor dem Rathaus. Trotz  ihrer zwischenzeitlichen Weg-Bewerbung nach Rastatt hat sie in der Gemeinde zunehmend Fuß gefasst.
Grafenbergs Bürgermeisterin Annette Bauer vor dem Rathaus. Trotz ihrer zwischenzeitlichen Weg-Bewerbung nach Rastatt hat sie in der Gemeinde zunehmend Fuß gefasst. FOTO: Markus Pfisterer
Ergebnis: geschönte Zahlen, die allerdings nicht Annette Bauer zu verantworten hatte, gleichwohl aber zunächst für ein Stimmungstief im Ort sorgten. Das scheint überwunden. Ein Gespräch zur Halbzeit.

Wie geht es ihr heute als Bürgermeisterin in Grafenberg? »Durchweg positiv«, sagt die 36-Jährige, die in Glems aufgewachsen ist. »Ich bin froh und dankbar, wie es derzeit läuft.« Froh, dass Ruhe eingekehrt ist nach einer komplexen Ausnahmelage, in der sie für Transparenz sorgen wollte. Heute spürt sie Rückhalt aus der Bevölkerung. Die Gemeinde habe zwar immer noch mit den Finanzen zu kämpfen, die Konsolidierung des Etats sei lange noch nicht abgeschlossen, »doch wir haben inzwischen eine Basis, auf der wir aufbauen können«. Und nach wie vor stehe für sie im Vordergrund, als Bürgermeisterin etwas bewegen zu wollen.

»Ich bin froh und dankbar, wie es derzeit läuft und dass Ruhe eingekehrt ist«
 

Zum Wohle des kleinen, immer noch selbstständigen Grafenbergs, das quasi in Blickweite zu Metzingen liegt. Kann diese Selbstständigkeit auf Dauer überhaupt erhalten werden? »Klar!«, sagt die Verwaltungschefin ohne zu zögern. »Wir müssen Synergien mit anderen Kommunen suchen und uns deutlich machen, wo wir hin wollen.« Dann sieht sie auch für Gemeinden wie Grafenberg keine Probleme, auch in finanziell schwierigen Zeiten zu bestehen, erklärt Annette Bauer, die vor einem halben Jahr Mutter wurde.

Eine Auszeit hat sie sich nicht genommen. Gleich nach der Geburt war sie wieder im Büro. Täglich, trotz schlafloser Nächte, wie sie auch andere Eltern kennen. »Ich habe ein super Team und bin ihm schuldig, Ansprechpartner zu sein.« Im Rathaus liegengeblieben ist nichts. Auch dank ihres Mannes Steffen. Der Sozialpädagoge ist für zwei Jahre in Elternzeit gegangen und kümmert sich um den kleinen Jonah.

»Ich glaube, dass unser Sohn davon profitieren wird, dass wir ein anderes Rollenbild leben«
 

Übrigens: Auch Grafenbergs Kämmerin Susanne Girod hat wenige Tage vor Bauers Entbindung ein Kind bekommen. Ein Kinderzimmer im Rathaus gibt es aber nicht. »Dazu haben wir einfach zu wenig Platz«, lacht Annette Bauer, die versucht, ihre Zeit flexibel einzuteilen, um ihren Verpflichtungen als Mutter auf der einen und als Bürgermeisterin auf der anderen Seite gerecht zu werden. Ein Spagat, den sie gut zu meistern scheint.

Große Aufgaben stehen vor ihr. Dank der Ortsumfahrung, die derzeit gebaut wird, ist es endlich möglich, Grafenberg einen Mittelpunkt zu geben, den der Ort nie hatte. Bauers Amtsvorgänger Holger Dembek hatte mit dem Gemeinderat jahrzehntelang für die Umfahrung gekämpft. In seiner Amtszeit sind auch Pläne für die Umgestaltung der Ortsmitte entstanden, auf denen Verwaltung und Rat jetzt aufbauen können. Der Mittelpunkt soll dort entstehen, wo demnächst die Diakonie-Sozialstation ihre neuen Räume bezieht, ein Projekt, das unter dem Titel »Gesundheitsdorf« vorangetrieben worden war. »Das war die Initialzündung über ein neues Zentrum nachzudenken, schon zu einer Zeit, als längst noch nicht feststand, ob und wann die Umgehungsstraße gebaut wird.« Wie die neue Mitte genau aussehen wird, ist allerdings noch offen. Zwar gibt es einen Plan aus dem Jahr 2008, »der aber überarbeitet wird«. Die Zeit ist schließlich nicht stehen geblieben. E-Mobilität zum Beispiel sei damals noch kein Thema gewesen. Den groben Rahmen für die neue Ortsmitte gibt die bestehende Bebauung vor, die entlang der Straße immer noch Entwicklungsmöglichkeiten aufweist.

»Die Basis ist da, wir brauchen nur weitere Impulse.« Das Ziel steht fest: Ein lebendiges Zentrum zu schaffen, wie es Grafenberg bislang nicht gekannt hat. Und dies im Zusammenwirken zwischen Verwaltung, Gemeinderat und engagierten Bürgern, wie es sie beispielsweise im »Netzwerk der Generationen« gibt, das zum Auftakt 30 Beteiligte gefunden hat. Dankbar ist Bauer, dass Grafenberg Geld aus dem Landessanierungsprogramm für die neue Ortsmitte bekommt, das es ermöglicht, trotz Streichungen und Ausgabenkürzungen in den Haushaltsplänen daran weiter zu arbeiten.

Im Gespräch mit Annette Bauer entsteht ein äußerst lebendiges Bild von Grafenberg, ein Ort, der durch viele Ehrenamtliche geprägt ist, ein Ort mit vielfältigem Vereinsleben, mit einem Rathaus, das offensichtlich die Nähe zu den Bürgern sucht: So wurde unter anderem mit Unterstützung der Erzieherinnen in den Kindergärten danach gefragt, was sich denn die jüngsten Grafenberger in Zukunft wünschen. »Sehr häufig wurde eine Eisdiele genannt.« Von Erwachsenen übrigens auch. Bauer macht sich Gedanken darüber, wie sie Jugendliche besser einbinden und informieren kann, sei es mit einem speziell auf diese Zielgruppe ausgerichteten Newsletter oder über die heute üblichen sozialen Medien. Engagierte aus dem Netzwerk der Generationen möchten gerne einen Stammtisch etablieren, wo jeder zu aktuellen Themen mitdiskutieren darf; zeitweise sollen Referenten einen Input geben. An einem Tisch aus einem Baumstamm, den Revierförster und Gemeinderat Thomas Vorwerk aus dem Wald geholt hat. Das Männervesper-Team hat den Stamm-Tisch gebaut. Zuerst in der Kelter, später in der neuen Ortsmitte soll er stehen.

Am Ortsrand will Grafenberg weiter wachsen und könnte dies nach dem Flächennutzungsplan auch, doch »ein sorgsamer Umgang mit den Flächen ist geboten«, sagt die junge Bürgermeisterin, denn die Gemeinde hat die kleinste Gemarkung im Kreis Reutlingen. Gleichzeitig weiß Bauer: »Die Nachfrage ist absolut da.« Nach Raum für Wohnbau genauso wie nach Gewerbeflächen, dort bereits eingefordert von der Unternehmerschaft. Gewerbeflächen haben bei der Erschließung für die Verwaltung den zeitlichen Vorrang. »Wenn alles gut geht, können die Gewerbegebiete Hochsträß II und Trieb 2019 erschlossen sein.« Und den nach heutigem Stand erforderlichen Bedarf decken. Um sinnvoll erschließen zu können, muss unter anderem noch Grunderwerb getätigt werden. Da ist der Gemeindehaushalt gefragt, der in Grafenberg seit vielen Jahren in einem engen Korsett steckt.

»Geht alles gut, können die Gewerbegebiete Hochsträß II und Trieb 2019 erschlossen sein«
 

Beim Wohnraum bevorzugt die Bürgermeisterin dagegen Quartierskonzepte für bereits besiedelte Gebiete. Die Wohnungen, die derzeit in der Ortsmitte gebaut werden, sind erfreulicherweise schon alle verkauft. Ein Erfolg für den Bauträger genauso wie für die Gemeinde. Was ist noch auf den Weg gebracht worden in Bauers ersten vier Amtsjahren? Sie nennt die in Eigenregie arbeitende Ganztagsbetreuung an der Grundschule, die kostendeckend arbeitende Ferienbetreuung, den Ausbau der Sprachförderung und der Inklusion in den Kindergärten; den erneuerten Hof der Grundschule, Spielenachmittage für Senioren, die Action Days für Jugendliche und natürlich den endlich begonnenen Bau der Ortsumfahrung, die der Bund bezahlt. Die Einwohnerzahl hat »sich nach einem kleinen Einschnitt nach dem Hagel konstant weiterentwickelt«. Stand 30. Juni 2017 leben 2 642 Menschen in Grafenberg, 24 mehr als Mitte 2016.

Und was macht die Bürgermeisterin, wenn sie mal den Kopf freibekommen muss: »Dann sind wir in der Natur unterwegs. Die ganze Familie mit den zwei Hunden.«

Zur Person

Annette Bauer stammt aus Glems und hat am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium in Metzingen ihr Abitur gemacht. Sie ist Diplom-Verwaltungswirtin und hat dann im Jobcenter des Landkreises Reutlingen und im Landratsamt Tübingen gearbeitet. Drei Jahre lang war sie Geschäftsführerin des Gemeindeverwaltungsverbands Steinlach-Wiesaz, zu dem Dußlingen, Gomaringen und Nehren gehören. Dann bewarb sie sich aufs Grafenberger Bürgermeisteramt. Mit 83,3 Prozent im ersten Wahlgang wurde sie am 8. Juli 2013 zur Nachfolgerin von Holger Dembek gewählt, der in den Ruhestand ging. Dembek war exakt so lange im Amt, wie Bauer zur Zeit ihrer Wahl alt war: 32 Jahre. Annette Bauer ist verheiratet und hat ein Kind. (pfi)

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