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Energie - GEA-Umfrage: Was Leser vom Kanzler-Vorschlag halten, Atomkraftwerke später abzuschalten

Für oder gegen längere Laufzeiten?

VON UNSEREN REDAKTIONSMITGLIEDERN

KREIS REUTLINGEN/TÜBINGEN. Bundeskanzlerin Angela Merkel will die Atomlaufzeiten um 10 bis 15 Jahre verlängern. Wie sehen das die Bürger vor Ort? Eine GEA-Umfrage spiegelt gestern das Spektrum der Meinungen, die in der großen Politik herrschen: Viele halten den maßvollen Ausstieg für machbar und richtig, andere sprechen von »krimineller Energie«.

Wie lange noch am Netz? Die Kühltürme eines Atomkraftwerks, fast schon malerisch in der untergehenden Sonne. FOTO: DPA
Wie lange noch am Netz? Die Kühltürme eines Atomkraftwerks, fast schon malerisch in der untergehenden Sonne. FOTO: DPA FOTO: dpa
Wolfgang Epp , Hauptgeschäftsführer der IHK Reutlingen, ist mit der Bundeskanzlerin einig: »Der Vorschlag von Frau Merkel ist ein akzeptabler Kompromiss.« Eine Verlängerung hält Epp ökonomisch wie auch energiepolitisch für sinnvoll. Die Wirtschaft müsse wissen, »ob es in Zukunft genug Energie für wirtschaftliches Handeln geben wird«. Die Spanne von zehn bis 15 Jahren gebe darüber hinaus der Politik die notwendige Zeit, ein nachhaltiges wie langfristig tragfähiges Energiekonzept zu entwickeln.

Theo Brenner von Bürgertreff Pfullingen hält ebenfalls nicht viel von überstürzter Eile. »Der Ausstieg geht nicht von heute auf morgen.« Dass er kommen muss, ist für ihn klar, obwohl in die Entwicklung in den umliegenden Staaten Europas gegenläufig ist. »Die Akzeptanz der Kernkraft ist in Deutschland einfach nicht da. Wir müssen die erneuerbaren Energien fördern.« Die Nutzung von Windkraft und Sonnenenergie sei zwar schon weit gediehen, könne die Atomkraft aber noch nicht vollständig ersetzen. »Wie lange das geht, kann kein Mensch sagen.«

»Wir kriegen das momentan nicht anders auf die Reihe«, glaubt Karl-Martin Dreher . Der Landwirt aus Ofterdingen produziert selbst umweltfreundliche Energie aus Bio-Gas und nutzt dabei Abfälle, hält Atomkraftwerke aber als Brücken-Technologie noch für unverzichtbar. »Bio-Energie ist in gewisser Weise auch begrenzt«, sagt der 47-Jährige. Schließlich könne man nicht einfach x-beliebige Mengen von Nahrungsmitteln zur Energieerzeugung nutzen. Auf lange Sicht führe am Abschalten der Atommeiler kein Weg vorbei, auch weil sie Terroristen als Ziel dienen könnten.

»Abschalten. So schnell wie möglich«, sagt Roselinde Bartel . Sie und ihr Mann Reinhard haben aus der Nähe gesehen, was Strahlung bei einem Störfall anrichten kann. Die beiden Ofterdinger haben Kontakte nach Kiew mitorganisiert, sind mit Gruppen von Kindern und Sängern dagewesen und haben mehrfach Menschen aus Tschernobyl nach Deutschland eingeladen. Bartel rät dringend, alternative Energien zu nutzen. »Wir wissen doch, dass man das kann.« Die gegenwärtige Diskussion um längere Laufzeiten findet sie empörend. »Schade, dass wir so wenig daraus gelernt haben.«

»Atomkraftwerke sind die gefährlichste und teuerste Art der Energieerzeugung.« Diese Überzeugung veranlasst Andreas Jannek (Münsingen-Trailfingen) schon seit Jahren, sich gegen Atomstrom und für umweltfreundliche Energien zu engagieren, aktuell in der neuen kreisweiten Bürgerinitiative Energiewende Reutlingen. Solange die Atommüllfrage ungelöst sei, spricht es für Jannek schon von »krimineller Energie«, wenn »die Atomkonzerne auf Kosten der Allgemeinheit ihre Gewinne halten wollen«. Auch das Störfall-Risiko habe die Gesellschaft zu tragen - und je höher das Alter von Atomkraftwerken, umso größer werde es. Deshalb nennt der Münsinger eine Laufzeitverlängerung »unverantworlich«.

Bedauern bei Till Börner , der in Tübingen Geschichte studiert. »Seit der Bundestagswahl 2009 stand es ja eigentlich fest, dass der unter der rot-grünen Bundesregierung geplante Atomausstieg im Jahr 2022 so nicht stattfinden wird. Dennoch finde ich es jetzt sehr schade, dass Kanzlerin Angela Merkel die Atommeiler noch zehn bis 15 Jahre länger laufen lassen will.« Börner glaubt, dass Merkel »dem Druck der Lobbyisten und der Mehrheit in ihrer Regierungskoalition nachgibt«. Er kritisiert, dass es »auf die Frage nach der Endlagerung des Atommülls allerdings noch keine Antworten gibt«. Um die Kraftwerke gegen terroristische Flugzeugangriffe zu schützen, müssten »viele Milliarden Euro investiert werden. Besonders der Weiterbetrieb der älteren Atomanlagen wird dadurch unrentabel«, glaubt der Student. Sich jetzt über die Aussage der Kanzlerin aufzuregen macht für ihn trotzdem wenig Sinn. »Die Entscheidung, dass der Atomausstieg im Jahr 2022 noch nicht stattfinden wird, hat der Wähler selber getroffen, indem er am 27. September 2009 mit seinen Stimmen den Unionsparteien und der FDP zur Mehrheit im Bundestag verholfen hat. Dies gilt es zu respektieren«.

Gespalten ist Erhard Widmaier in der Frage der Laufzeitverlängerung. Er kritisiert die Vorgehensweise der »Befürworter und Gegner übertreiben mit ihren Argumenten und lassen sich durch externe Gutachter festlegen«, findet der frühere Rektor der Donnstettener Grund- und Hauptschule, der heute im Ruhestand ist. Widmaier verkennt nicht, dass eine schnelle Abschaltung der Kernkraftwerke einerseits Mehrbelastungen für die Umwelt durch Ersatzkraftwerke nach sich ziehen könnte: »Wenn mehr Kohlekraft zum Zuge käme, wäre der Schadstoffausstoß höher.« Andererseits sieht er bei der Kernkraft die ungeklärte Frage der Endlagerung verbrauchter Brennelemente - die ihn letztendlich doch zu den Gegnern der Laufzeitverlängerung tendieren lässt: »Der Atommüll ist ein großes Problem!«

»Es ist wünschenswert und für die Zukunft wichtig, dass die Atomenergie durch alternative Energien ersetzt wird, da es keine sichere Lösung zur Entsorgung von atomaren Rückständen gibt«, sagt Werner Böttler , Unternehmer und FWV-Gemeinderat in Walddorfhäslach. Jedoch könne der Energieanteil, der durch Atomkraftwerke zur Zeit abgedeckt wird, nicht kurzfristig ersetzt werden. »Ich halte nichts davon, die Energielücke von ausländischen Atomstrommeilern füllen zu lassen.« Das heißt für Böttler: Die vorhandenen deutschen Atomkraftwerke sollten solange am Netz bleiben, bis die erneuerbaren Energien nachhaltig die Versorgung sichern. Allerdings lehnt er die Installation von Tausenden von Windkraftwerken an Land und im Meer als Alternative aufs Entschiedenste ab. Die Schädigung der Umwelt sei beträchtlich - ganz abgesehen von der Zerstörung des Landschaftsbildes.

Ganz entschieden bezieht der Dettinger Filmproduzent Frieder Scheiffele (»Laible und Frisch«) Stellung: »Ich bin persönlich strikt gegen eine Verlängerung und finde es erstaunlich, dass in der aktuellen politischen Diskussion die Frage der Endlagerung der Brennstäbe so wenig thematisiert wird.« Er wundert sich darüber, dass sich Kernkraftwerke im Land weigern, ihren Atommüll bei sich zu lagern und stattdessen in andere Bundesländer verschieben. Scheiffele macht sich auch über die Sicherheit der Endlagerstätten und der Kernkraftwerke Gedanken. »Bei der Kraftwerks-Sicherheit ist mir unwohl, wenn ich an mögliche Anschläge denke.« Die derzeitigen Endlagerstätten wie etwa Asse in Deutschland hält er für »nicht wirklich sicher«.

Der Filmproduzent hat die Langzeitfolgen von Tschernobyl vor Augen. »Noch heute leiden Menschen darunter.« Den von der früheren rot-grünen Bundesregierung beschlossenen schrittweisen Atomausstieg sieht Frieder Scheiffele als »Fortschritt, das Thema zu Ende zu bringen«. Dass sich die Kanzlerin für eine Verlängerung ausgesprochen hat, hat ihn »erstaunt«, weil man seit Jahren versäumt habe, sich stärker um regenerative Energien zu kümmern und nun versuche, Zeit zu gewinnen. Was ihn auch stört, ist die Tatsache, dass Atomstrom als günstig verkauft wird. »Es gibt konkrete Beweise, dass wir Steuerzahler über Umwege Milliarden für die Entsorgung von Atommüll bezahlen«. (GEA)


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