Kriminalität - Am dritten Prozesstag zum Tod eines 30-Jährigen in Riederich sagt der Rechtsmediziner aus

Tödlicher Messerangriff: Ein Versehen war's nicht

VON ANDREAS FINK

RIEDERICH/TÜBINGEN. Der Prozess um den Tod eines 30-Jährigen, der bei einer Hochzeitsfeier im Juli 2017 in Riederich erstochen wurde, geht in die Zielgerade. Gestern sagten vor dem Tübinger Landgericht nur zwei Zeugen sowie der Sachverständige aus, sodass man am vierten Prozesstag am Freitag schon mit den Plädoyers rechnen kann.

FOTO: dpa
Die Aussage von Professor Frank Weh-ner, Leiter der Rechtsmedizin an der Universität Tübingen, war kurz und prägnant. Dennoch dürfte sie für den Prozess nicht ganz unbedeutend sein. Legte der Arzt doch klar, dass der junge Mann, der am Rande der Hochzeitsfeier einen Messerstich in die Brust erhalten hatte und gut zwölf Stunden später an einem Blutmangelschock starb, nicht »aus Versehen« zu Tode gekommen ist.

Diese Theorie hatte der Angeklagte durch seine erste Aussage bei der Polizei ins Spiel gebracht - im Prozess im Landgericht Tübingen hat er noch kein Wort gesagt, weder zu seiner Person noch zur Sache. Vor der Kriminalpolizei hatte er nur berichtet, er sei in eine Schlägerei verwickelt gewesen, bei der einer der Angreifer - der Bruder und der Vater des später getöteten Mannes - ein Messer gezogen habe. Der 30-Jährige muss nach dieser Variante also buchstäblich ins Messer (seines Bruders) gelaufen sein.

Mit massiver Wucht

Falsch. Der Stich in die linke Brust des Mannes wurde mit so viel Energie ausgeführt, dass ein unglücklicher Zufall ausgeschlossen scheint, wie Professor Frank Wehner vor Gericht klar machte. Ein ganz gewöhnliches Taschenmesser muss sehr fest gehalten werden, damit es überhaupt tiefer in einen Körper eindringt. Aber selbst, wenn jemand in ein Messer läuft, dringt eine Klinge nicht so tief ein, wie es bei der Tat der Fall war. Zehn Zentimeter nämlich, wie der Rechtsmediziner rekonstruiert hat - bei einer acht Zentimeter langen Klinge. Deshalb spricht Wehner von »massiver Wucht«. Und: Bei einem Versehen, wie es der Angeklagte bei der Polizei dargelegt hatte, wird nicht auch noch eine Rippe verletzt.

Ein weiteres Indiz, das gegen die Theorie des Aus-Versehen-ins-Messer-gelaufen spricht: »Dann wäre der Stichkanal wohl eher horizontal verlaufen«, so der Sachverständige, und nicht von unten nach oben.

Auf seiner Flucht weg von der Riedericher Gutenberghalle hatte sich der Angeklagte an ein Paar aus Metzingen gewandt, das einige hundert Meter weiter vor einem Haus stand. Die Zeugen beschreiben den Mann unabhängig voneinander als nervös, gehetzt, extrem ängstlich, geradezu panisch. Er hatte das Paar immer wieder gedrängt, die Polizei zu rufen, weil er vor der Gutenberghalle von drei Männern angegriffen worden sei - was tatsächlich der Fall war, wie sich an den ersten beiden Verhandlungstagen herausstellte. Unklar war beziehungsweise ist lediglich, ob auch das spätere Opfer zuschlug oder nur vermitteln wollte.

Der Mann sei »sehr aufgeregt hin und her gelaufen«, berichten die Zeugen. Richter Ulrich Polachowski, Staatsanwältin Edith Zug, die Nebenkläger-Vertreter Urs Heck und Felix Osterland, aber auch Pflichtverteidiger Christian Niederhöfer wollten ganz genau wissen, wie weit sich der Angeklagte von dem Paar wegbewegt hat. Der Grund: In nächster Nähe hatte die Metzinger Polizei am nächsten Abend das Tatmesser gefunden. »Hatte er Zeit und Gelegenheit, wegzugehen, um etwas in dieses Gebüsch zu werfen«, wollte der Vorsitzende Richter wissen. »Ich glaube nicht«, sagt der Zeuge, »ich habe nichts gesehen, was er weggeworfen hätte.« Bei der telefonischen Vernehmung der Polizei hatte er gesagt: »Ich habe ihn ständig im Auge gehabt, er hat keine Gelegenheit gehabt, etwas wegzuwerfen.«

Der Angeklagte schweigt weiter

Der Angeklagte hat sein Schweigen immer noch nicht gebrochen. »Am Freitag soll eine Erklärung kommen«, sagt Pflichtverteidiger Christian Niederhöfer. Eine Erklärung, die der Angeklagte wohl mit seinem Wahlverteidiger Uwe Böhm besprochen hat (der gestern nicht teilnehmen konnte). Bis dahin schweigt der Angeklagte, er macht nicht einmal Angaben zu seiner Person. Sehr diplomatisch, aber unüberhörbar die Kritik, die nicht nur der Richter, sondern selbst auch der Pflichtverteidiger an diesem Schweigen üben. Am Freitag um 9 Uhr geht's weiter. Mit einer Erklärung. (GEA)

Das könnte Sie auch interessieren
Regionen

Wählen Sie Ihre Region

Karte mit einzelnen Regionen Tübingen Reutlingen Pfullingen Eningen Lichtenstein Über der Alb Neckar und Erms
Mitarbeiter gesucht!
  • Stellenanzeigen werden geladen...


Russischer Dopingfall: CAS spricht Russen-Curler schuldig

Der Internationale Sportgerichtshof wird den Fall des russischen Curlers Alexander Kruschelnizki verhandeln. Foto: Frank May

Pyeongchang (dpa) - Der Internationale Sportgerich... mehr»

Zinssorgen belasten Dax - Zahlenflut im Fokus

Die Anzeigetafel mit dem Kursverlauf spiegelt sich im Handelssaal der Frankfurter Börse im Schriftzug

Frankfurt/Main (dpa) - Die Sorge der Anleger vor s... mehr»

Russischer Dopingfall: CAS spricht Curler schuldig

Pyeongchang (dpa) - Der Internationale Sportgerich... mehr»

Bundesverwaltungsgericht verhandelt über Diesel-Fahrverbote

Autos stauen sich auf der Straße Cleverscher Ring in Köln. Das Bundesverwaltungsgericht verhandelt, ob Fahrverbote auch ohne eine bundesweit einheitliche Regelung eingeführt werden können. Foto: Federico Gambarini

Leipzig/Berlin (dpa) - Millionen von Dieselfahrern... mehr»

Eishockey-Frauen aus den USA holen Olympia-Gold gegen Kanada

Pyeongchang (dpa) - Die amerikanischen Eishockey-F... mehr»

Aktion

Zeitungspaten gesucht

Zeitung lesen macht schlau! Setzen Sie sich als Zeitungspate dafür ein, dass alle Kinder und Jugendlichen einen kostenlosen Zugang zur Tageszeitung haben.
lesen »
Aktuelle Beilagen