Sommertour - Cem Özdemir, Vorsitzender der Bundesgrünen, besuchte nach seiner Geburtsstadt Bad Urach und Tübingen nun Metzingen und trug sich ins Goldene Buch ein
Ein Ohr für die Kommunen
VON RUTH WALTER
METZINGEN. Für seine druckreifen, freien Vorträge ist Cem Özdemir längst bekannt. Sein einstündiger Parforceritt durch bundespolitische Themen lockte denn auch trotz Ferien rund 120 Zuhörer ins Foyer der Metzinger Stadthalle. Zuvor hatte Oberbürgermeister Dr. Ulrich Fiedler den Bundesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen im Rathaus empfangen, wo sich der erste Bundestagsabgeordnete mit türkischer Herkunft ins Goldene Buch der Stadt eintrug.
Den familiären Aufenthalt mit Frau und zwei Kindern bei den Eltern in Bad Urach nutzte Özdemir für Stippvisiten in der Region. Am Donnerstag war nach Bad Urach und Tübingen die Reihe an Metzingen. Fiedler hob neben dem Aushängeschild Outlet-City die »hohe Kultur« der Großen Kreisstadt hervor, von der die Stadt genauso geprägt sei: 150 Vereine, die vitalen Ortsteile Neuhausen und Glems, Weinbau, Streuobst. Cem Özdemir gegenüber besonders erwähnenswert fand er jedoch das fünfgruppige Kinderhaus, für das die Stadt ein CO2-neutrales Gebäude baut.
Irmgard Zecher mit dabei
Wie sein Bad Uracher Amtskollege Elmar Rebmann machte sich Fiedler Sorgen um die finanzielle Situation der Kommunen, um vom Grünen-Chef postwendend zu erfahren, dass sich der nächste Bundesparteitag seiner Partei mit der »Zukunft der Kommunen samt Schwerpunkt Finanzierung beschäftigt. Wir Grüne sehen uns als kommunale Partei.« Bei der Bildung plädiert der Grüne für mehr Einfluss des Bundes. »Das sieht Frau Schavan wohl inzwischen auch so«, und auch bei der SPD tue sich in dieser Richtung etwas. »Ein gutes Bildungssystem spart nämlich letztlich Kosten ein«, sagte er. Schulsozialarbeit müsse verstärkt werden, damit Hartz IV sich nicht »vererbt«.
»Berliner Stunde« hieß es dann im Foyer der Stadthalle, wo Friedemann Salzer daran erinnerte, »wie wir beide als Jungspunde bei den Grünen angefangen haben«. Ganz vorn als Besucherin auch die neunzigjährige Irmgard Zecher, Ende der Achtzigerjahre mit Özdemir ein auffallendes Gespann im Grünen-Landesvorstand: Sie die Älteste, er der Jüngste, fuhren sie manchen Weg gemeinsam im Zug von Metzingen nach Stuttgart.
Cem Özdemir erwähnte den »fulminanten Siegeszug der erneuerbaren Energien« und erinnerte daran, wie sich die Grünen auslachen lassen mussten, als sie 3 bis 5 Prozent für die endlosen Energieformen prognostiziert hatten. »Heute sind wir bei 13 Prozent.«
Kaum ein Thema, das der 45-Jährige an diesem Abend nicht ansprach. Bis auf die Gesundheitspolitik, wie eine Zuhörerin bemängelte. Da vermisse sie eine klare Position der Grünen.
Andere Meldungen aus dem Publikum bezogen sich auf das Miteinander von Deutschen und Bürgern mit ausländischen Wurzeln. Beim umstrittenen Beitritt der Türkei zur europäischen Gemeinschaft sprach sich Cem Özdemir für die Einhaltung der Kriterien aus, wie Menschenrechte und Gleichberechtigung. Diese seien allerdings bei der Aufnahme von Rumänien und Bulgarien zum Teil außer Acht gelassen worden. Solche Ungleichbehandlung spiele den Fundamentalisten in die Hände. (GEA)