Premiere - Zum ersten Mal war Metzingen Schauplatz eines Afrika-Festivals. Publikumszuspruch eher verhalten
Die Nacht gehört den Tanzenden
Von Veit Müller
Von Till Börner
METZINGEN. Sehr überschaubar waren die Besucherzahlen des Afrika-Festivals, das zum ersten Mal auf dem Bongertwasen in Metzingen über die Bühne ging, am Freitag und Samstag. Vor allem nachmittags wirkte das Gelände recht öd und leer. Was allerdings nicht die gute Laune von Veranstalterin Susan Muyang Tatah verderben konnte. Die Kamerunerin ist mit ihrem ganzen afrikanischen Herzblut bei der Sache. Mit ihrer »Cameroon Northwest Developement Association« hat sie 2007 das Festival ins Leben gerufen.
Afrika-Festival auf dem Bongertwasen: Musik des schwarzen Kontinents geht in die Beine und lässt die Hüften kreisen. FOTO: MÜLLER
Veranstaltungsort war zuerst Tübingen, dann Reutlingen, und nachdem das Bruderhaus-Gelände nicht mehr zur Verfügung stand, in diesem Jahr Metzingen. Sie war ganz begeistert von der Lage des Festivalgeländes. Ringsum Obstwiesen und ein freier Blick auf die Metzinger Weinberge im Sonnenlicht, »die Landschaft ist herrlich hier«.
Enttäuschung: Mehr Unterstützung hatte sich Susan Tatah von der Stadt Metzingen erhofft. Tübingen und Reutlingen hatten in den Jahren zuvor Zuschüsse gegeben, Metzingen dagegen verlangte sogar Miete für das Festivalgelände. Die Ausschilderung war schlecht, nirgendwo standen Wegweiser. Deshalb wussten auch die vielen Schnäppchenjäger, die am Samstag mit ihren Karossen die Outlet-Parkplätze vollgestellt hatten, gar nicht, dass ein paar hundert Meter weiter ein qualitativ hochwertiges Musik-Festival über die Bühne ging. Aber Susan Tatah gibt die Hoffnung nicht auf. Wolfsburg habe mit seinem Afrika-Festival bundesweites Ansehen erlangt, »warum sollte das hier nicht auch in Metzingen gelingen«.
Cornrow: Wer schön sein will, muss leiden und Geduld haben. Beim Festival gab es einige Stände, an denen man sich die Haare flechten lassen konnte, auf afrikanische Art. Cornrow heißt diese Frisur. Cornrow deshalb, weil die kleinen »Zöpfchen« an Maisreihen erinnern. In Europa und den USA tragen Rapmusiker und Basketballspieler gern solche Frisuren. In Metzingen wollte es auch Natalie Kern aus Sondelfingen ausprobieren. Eine Stunde musste sie auf ihrem Stuhl ausharren, bis ihr die Haarstylistin aus Kamerun die Cornrows geflochten hatte. »Beim Flechten hat es ein bissle weh getan«, gab Natalie Kern zu, aber mit dem Ergebnis war sie sehr zufrieden, »das sieht wirklich toll aus«.
Essen & Trinken: Wie es sich für ein Afrika-Festival gehört, konnte man sich auch kulinarisch auf den schwarzen Kontinent einlassen. So lockte zum Beispiel »Poff Poff« die Hungrigen an, kleine Bällchen aus Mehl und Hefeteig, die man mit Kidney-Bohnen essen kann. Zu den Bällchen wurden auch noch Reis oder Kartoffeln serviert. »Poff Poff« esse man in Afrika so wie hier Pommes mit Ketch-up, meinte Veranstalterin Tatah. Und das Ganze hinunterspülen konnte man mit Coconut-Bier, das allerdings weniger nach Kokosnuss, sondern eher nach Weizenbier schmeckte. Folklore: Bei der Musik waren viele Länder Afrikas vertreten. Sehr traditionell zeigte sich »Kaira Percu«. Sie spielten Musik aus Gambia und dem Senegal.
Ihr Instrumentarium wirkte für deutsche Augen und Ohren teils recht exotisch, wie bei der Djembe, der afrikanischen Trommel, oder der Kora, einer mit beiden Händen gezupften westafrikanischen Stegharfe. Sehr schön anzusehen waren die beiden farbenfroh gekleideten Tänzerinnen, die im Bühnenvordergrund die afrikanische Musik in mitreißende Bewegungen umsetzten.
Kunst & Kommerz: Das Angebot an den Festivalständen war sehr breit gefächert: Haare flechten, Henna-Tattoo, Wahrsagen, afrikanische Kleider und Kunstgegenstände, Töpfe, Trommeln, es war für jeden etwas dabei. Nur schade, dass so wenig Leute den Weg zum Festival gefunden hatten.
Das enttäuschte auch den Tübinger Joe Küster, der zu den kommerziellen Anbietern zählte. Er organisiert individuelle Afrika-Reisen. »Ich hätte mir wirklich mehr Festival-Besucher gewünscht«, sagte er leicht gefrustet. Die wenigen Leute seien aber recht anspruchsvoll gewesen und hätten sich sehr für Afrika interessiert.
Stimmung: Am besten war die Stimmung immer nachts. Die Aftershowparty mit verschiedenen Discjockeys ging bis zum frühen Morgen. »Da war richtig Party, leider war unser Zelt etwas zu klein«, lachte Susan Tatah. Sobald Musik aus den Lautsprechern ertönte oder live gespielt wurde, stieg der Stimmungspegel noch etwas an. Am Sonntagnachmittag wurden die Besucher zum Mittanzen animiert. Viele Überredungskünste brauchten die Akteure auf der Bühne nicht, bis Tänzerinnen und Publikum gemeinsam feierten. »Eine afrikanische Modenschau ist mehr Tanz und weniger das Laufen auf dem Steg«, erklärte Tatah die ungewöhnliche Präsentation der Kleidungsstücke, die nicht als afrikanische Mode, sondern Kleidung für jedermann verstanden werden sollte. Dem Publikum gefiel's. (GEA)
Farbenprächtiges Spektakel
FOTO: Till Börner