Kriminalität - Am zweiten Verhandlungstag zum Tod eines 30-Jährigen treffen die Aussagen zweier Clans aufeinander

»Ich habe keine Angst, aber ich habe Kinder«

VON ANDREAS FINK

RIEDERICH/TÜBINGEN. Keine grundlegend neuen Erkenntnisse hat der zweite Verhandlungstag im Prozess zum Tod eines 30-Jährigen gebracht, der bei einer Hochzeit im Juli 2017 in Riederich erstochen worden ist. Nur so viel: Der junge Mann ist das Opfer einer alten, mittlerweile blutigen Fehde zwischen zwei mazedonischen Roma-Clans. Dies wurde gestern im Landgericht Tübingen erneut deutlich: Am Vormittag sagten Zeugen aus, die der Opferfamilie nahestehen, teilweise sind sie mit dem Erstochenen direkt verwandt, am Nachmittag Zeugen, die dem 36-Jährigen näherstehen, den die Staatsanwaltschaft wegen Totschlags anklagt. Der schweigt nach wie vor.

Die Hochzeitsgäste, die am nächsten am Messerstich dran waren, haben am wenigstens gesehen. Oder wollen zumindest am wenigsten gesehen haben, wie Staatsanwältin Edith Zug und der Leitende Richter Ulrich Polachowski immer wieder feststellten. Zu unterschiedlich die Aussagen, die die Zeugen direkt nach der Tat bei der Polizei machten und die Erinnerungen, die sie jetzt vor Gericht wiedergeben. Und: Zu unterschiedlich die Versionen, wie die beiden Seiten die »Prügelei« schildern - dass erst mal geschlägert wurde, darin sind sich alle einig -, die mit dem Tod des 30-Jährigen endete.

Wenig Belastungseifer zeigte der 47-jährige Onkel des Opfers. Er habe nur viel Geschrei gehört und ein paar Fäuste fliegen sehen, »ich weiß aber nicht, von wem«. Wie die Keilerei zwischen den vier Männern - der Angeklagte auf der einen Seite, das Opfer mit Bruder und Vater auf der anderen - abgelaufen ist, habe er nicht gesehen. »Weil sie hinter meinem Rücken passiert ist.« Genau erinnern könne er sich aber noch an den Moment, in dem sich sein Neffe »plötzlich zusammenkrümmte, als hätte er einen Schlag in den Bauch bekommen«. Einen Schlag oder gar einen Stich hat er aber nicht gesehen. Die acht Zentimeter lange Klinge eines Taschenmessers wurde dem Opfer elf Zentimeter tief in die Brust bis in die linke Herzkammer gerammt.

Der Angeklagte schweigt weiter

Auch dessen Sohn, der Cousin des Opfers also, hatte bei der Polizei berichtet, die Männer hätten »mit den Händen rumgefuchtelt«. Aber auch er hatte das Messer nicht gesehen, an das sich der Vater und der Bruder des Getöteten am ersten Verhandlungstag so detailliert erinnert haben wollen - im Gegensatz zu ihren ersten Aussagen bei der Polizei wenige Tage nach der Tat. Beide stellten den Getöteten als einen eher ruhigen Charakter dar, der nie geschlägert und im Vorfeld der Bluthochzeit sogar geklärt habe, dass der Angeklagte mit seiner Familie kommen dürfe, ohne dass es Stress gebe.

Ein anderer Verwandter des Opfers berichtete dagegen, der Getötete habe sich sehr wohl in die Keilerei eingemischt und sei dem Angeklagten hinterher gerannt. Der sei nach ein paar Metern stehen geblieben, habe hinter sich gegriffen, einen Gegenstand gezogen und eine schnelle Bewegung zum Oberkörper des 30-Jährigen gemacht. Mit etwas Schwarzem, was geblitzt hat, wie er bei der Polizei gesagt hatte - einem Messer also. »Der S. ist dann noch fünf Meter gelaufen, dann ist er zusammengeklappt.«

Die »Gegenseite«, jene Zeugen also, die dem Angeklagten nahe stehen, berichtet etwas anders von dem Streit. Ein Verwandter sagt, sein Schwager (in den Familien werden fast alle Männer als »Schwager« bezeichnet), der Angeklagte also, habe nie im Leben ein Messer besessen. Er sei von dem Opfer, dessen Bruder und Vater vielmehr angegriffen worden. Und demnach im Handgemenge sozusagen aus Versehen von seinem Bruder erstochen worden sei. Eine Theorie, die der Angeklagte in seiner ersten Vernehmung bei der Polizei ins Spiel gebracht hatte.

»Haben Sie Angst«, fragte Staatsanwältin Edith Zug einen weiteren, dem Angeklagten nahestehenden Zeugen streng, dessen schon bei der Polizei sehr spärliche Aussagen nur wenig mit denen im Gericht zu tun hatten. Die Juristin nimmt dem Mann nicht ab, dass er die Hochzeit wegen einer Schlägerei zwischen vier Männern sofort verlassen habe (»ich bin halt manchmal auch ein bisschen ein Angsthase«), sich aber sehr wohl an den Krankenwagen erinnert, der den Verletzten abgeholt hat. »Wissen Sie's nicht, oder wollen Sie's nicht wissen«, bohrte die Staatsanwältin mehr als ein Mal nach.

Ein Zeuge will nichts sagen

Der (tatsächliche) Schwager des Angeklagten - er erschien wie zwei weitere Zeugen von Zivilpolizisten beschützt im eh schon streng gesicherten Gerichtssaal - machte schließlich von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Sein gutes Recht, für das Gericht aber ein Problem, weil er damit gleichzeitig sämtliche Aussagen des leitenden Kripo-Ermittlers vom ersten Verhandlungstag nichtig machte.

Was hinter dem (Ver-)Schweigen stecken könnte, klärte Staatsanwältin Edith Zug anschließend kurz auf: Der Mann, der jetzt nichts mehr sagen will, hatte sie im Vorfeld mehrfach angerufen, um zu klären, ob, wie und wann er den Angeklagten in der U-Haft besuchen könne. Dabei fiel ein Satz, der vieles erklärt, um was es in diesem Prozess geht: »Ich habe keine Angst, aber ich habe Kinder.« (GEA)

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