Geschichte - Am Gedenktag für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erinnert Günter Randecker an die von Theodor Heuss gehaltene Bergen-Belsen-Rede
»Die Scham nimmt uns niemand ab«
VON CHRISTOPH B. STRÖHLE
DETTINGEN. Aus Anlass des diesjährigen Gedenktages für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft hat sich die Sonntagsmatinee in der Wilhelm-Zimmermann-Gedenkstätte im Dettinger Fricker-Haus mit der vor 60 Jahren gehaltenen Bergen-Belsener Mahnmal-Rede des damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss befasst.
Günter Randecker würdigte Theodor Heuss' Mahnmal-Rede. Rechts ein Gemälde der in Reutlingen geborenen jüdischen Künstlerin Alice Haarburger, die im Dezember 1941 von Stuttgart nach Riga deportiert und dort im Frühjahr 1942 von Nazi-Schergen erschossen wurde.
FOTO: Christoph B. Ströhle
Das dort und in anderen Konzentrationslagern begangene Unrecht dürfe weder beschönigt noch bagatellisiert werden, mahnte Heuss damals. »Wer hier als Deutscher spricht, muss sich die innere Freiheit zutrauen, die volle Grausamkeit der Verbrechen, die hier von Deutschen begangen wurden, zu erkennen.« Die Schutzbehauptung, man habe von den Todesfabriken nichts wissen können, wies er zurück: »Wir haben von den Dingen gewusst. Wir wussten auch aus den Schreiben evangelischer und katholischer Bischöfe, die ihren geheimnisreichen Weg zu den Menschen fanden, von der systematischen Ermordung der Insassen deutscher Heilanstalten.« Beschämend sei es, dass sich der Holocaust in einer Kulturnation, im Land von Lessing und Kant, Goethe und Schiller habe zutragen können. »Diese Scham nimmt uns niemand, niemand ab«, so Heuss.
Die Greuel per Film verschleiert
Mit seiner Rede, die seinerzeit im Radio übertragen wurde und viel positive Resonanz, aber auch Widerspruch hervorrief, habe Heuss in der deutschen Nachkriegsgesellschaft einen Nerv getroffen, meinte Günter Randecker, der das historische Tondokument auf Schallplatte zur Matinee mitgebracht hatte. Heuss wehrte sich damals gegen den Vorwurf, er habe das Bild einer Kollektivschuld der Deutschen im Ausland wiederbelebt. Randecker schilderte Heuss als Politiker, der »nicht frei von Widersprüchen war«. 1933 hatte dieser als Reichstagsabgeordneter der Deutschen Staatspartei dem Ermächtigungsgesetz und damit der faktischen Entmachtung des Parlaments zugestimmt, obwohl er sich in der Fraktionssitzung zuvor offenbar für eine Stimmenthaltung stark gemacht hatte. Als Bundespräsident sprach er die Verbrechen der NS-Zeit offen aus, trat andererseits aber für die Begnadigung verurteilter Nazi-Verbrecher wie Martin Sandberger ein. Der Tübinger galt als einer der Protagonisten des Völkermords im Baltikum.
Günter Randecker berichtete über die letzten Monate im Leben der Anne Frank, die mit 15 Jahren in Bergen-Belsen starb, und trug zudem Auszüge aus dem bis heute nicht vollständig veröffentlichten Kriegstagebuch von Anna Haag, geborene Schaich vor, die von 1901 an für einige Jahre im Dettinger Schlössle wohnte. »Man erzählte mir heute«, notierte sie am 3. Dezember 1941, »die Juden seien auf dem Killesberg (Stuttgarter Anhöhe) gesammelt und dann ostwärts abtransportiert worden ... So schwillt das Verbrechen der Nazis an: automatisch. Ich glaube, die Juden schafft man jetzt fort, damit sie nicht da sind, wenn es schief gehen sollte. Damit sie nicht auf den und jenen deuten und ihn anklagen können. Ach, ich fürchte, sie kommen alle um!«
Menschen bei Gartenarbeiten, Arbeiter in verschiedenen Werkstätten und auf dem Weg von der Arbeit, das Brausebad, ein Fußballspiel, Feierabendszenen, die Bücherei, ein Vortrag, ein Konzert - so beschaulich und beschönigend stellte ein 1944 im Stil eines Dokumentarfilms produzierter Nazi-Propagandastreifen die angeblich guten Lebensverhältnisse im Ghetto Theresienstadt dar. Der Film sollte die Vernichtungspolitik des Regimes verschleiern. Die meisten der zwangsverpflichteten Mitwirkenden, auch der jüdische Regisseur Kurt Gerron, wurden nach den Aufnahmen deportiert und ermordet. Bei der Matinee waren erhalten gebliebene Teile des Films in kritischer Kommentierung zu sehen. (GEA)
Zeitung lesen macht schlau! Setzen Sie sich als Zeitungspate dafür ein, dass alle Kinder und Jugendlichen einen kostenlosen Zugang zur Tageszeitung haben.