Medienakademie - Thomas Zecher würdigte Bertolt Brecht und war eigens in dessen Geburtsort Augsburg gefahren

»Beinahe ein Sohn Pfullingens«

VON TILL BÖRNER

METZINGEN. »Was willst Du denn mit dem Kommunisten?«, wurde Thomas Zecher gefragt, als er die Werbetrommel für seine Bertolt-Brecht-Veranstaltung rührte. Am Samstagabend drehte sich in der Metzinger Medienakademie alles um den deutschen Lyriker, der vor 120 Jahren in Augsburg geboren wurde.

»Es ist ein Experiment«, kündigte Zecher an, der die Akademie am Bahnhof zusammen mit seiner Frau Petra betreibt. Denn selbst eine halbe Stunde vor Beginn des Events stand das Programm nur zu Teilen fest. Jeder, der wollte, durfte einen Beitrag leisten: Gedichte, Filme, Lieder - alles war erlaubt und erwünscht. Und obwohl Brecht nicht jedermanns Sache sei, wie Zecher meinte, kamen über vierzig neugierige Gäste ins Café, sodass eilig zusätzliche Stühle aufgestellt wurden.

Brecht-Abend in der Medienakademie:  Der Tübinger Mathematiker und ehemalige Metzinger Gymnasiast Dieter  Schenzle, hier   neben einer Brecht-Lithografie, sprach  über das Leben des Lyrikers, mit dem er sich in seiner Freizeit beschäftigt.
Brecht-Abend in der Medienakademie: Der Tübinger Mathematiker und ehemalige Metzinger Gymnasiast Dieter Schenzle, hier neben einer Brecht-Lithografie, sprach über das Leben des Lyrikers, mit dem er sich in seiner Freizeit beschäftigt. FOTO: Till Börner
Um sich optimal auf den Abend vorzubereiten, war Zecher extra nach Augsburg gefahren und hatte das Geburtshaus des streitbaren Dramatikers besucht. Die gesammelten Infos gab's fürs Publikum in Form eines kurzen Videos, anschließend übernahm Dieter Schenzle das Mikrofon.

»Ich muss immer dichten«

Schenzle ist promovierter Mathematiker und arbeitet an der Universität Tübingen. Seit seiner Schulzeit auf dem Metzinger Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium beschäftigt er sich in seiner Freizeit mit Brecht. Die Anfrage Zechers, ob er einen ausführlichen Vortrag über den Autor der Dreigroschenoper halten könne, sah er als Herausforderung. »Ich war etwas unter Druck und hatte nur 14 Tage für die Vorbereitung«, erklärte er am Samstag lächelnd.

Dass Brecht kein guter Schüler war, ist unumstritten. Mit dem Notabitur in der Tasche verließ er während des Ersten Weltkriegs die Schule. Bereits als 15-Jähriger vertraute er seinem Tagebuch an, dass er »immer dichten muss«. In München schrieb er sich zwar für ein Medizinstudium ein, sein Interesse galt aber der Literatur und dem Theater. Als junger Mann verfasste er erste Werke, die ihm seinen Lebensunterhalt sicherten. Trotz erster größerer Erfolge und zahlreicher Preise, verließ Brecht die bayerische Hauptstadt. »Das politische Klima hat ihm dort zusehends weniger gefallen«, erläuterte Schenzle.

In seiner neuen Heimat Berlin traf er erfolgreiche Komponisten und Autoren. In Zusammenarbeit mit Kurt Weill brachte er Dreigroschenoper auf die Bühne - eines der erfolgreichsten Theaterstücke der Weimarer Republik. Als bekennender Kommunist, der jedoch zeitlebens kein Parteimitglied war, flüchtete er Anfang 1933 vor den Nationalsozialisten. Stationen: Prag, Wien, Zürich, Paris, Dänemark, Schweden. »Während seiner acht Jahre in Nordeuropa hatte Brecht seine kreativste Schaffensperiode«, bemerkte Schenzle. Während des Zweiten Weltkriegs ging er in die USA, wurde vom FBI überwacht und kehrte nach sechs Jahren nach Europa zurück, nahm die österreichische Staatsbürgerschaft an und ließ sich in der DDR nieder. »Nur dort hatte er die Möglichkeit, Theater zu machen«, so Dieter Schenzle.

Dass Brecht »beinahe ein Sohn Pfullingens« geworden wäre, berichtete Helmut Bachschuster. Denn dort gaben sich im Mai 1897 die Eltern Berthold Friedrich Brecht und Wilhelmine Sophie Brezing das Ja-Wort und verbrachten die Hochzeitsnacht im Bahnhofsgebäude, wo der Vater der Braut als Vorsteher tätig war. Neun Monate nach dem rauschenden Fest kam Sohn Eugen Bertolt, also Bert Brecht, auf die Welt.

Horst Groß musste als Schüler das brechtsche Gedicht »Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration« auswendig lernen. Dass ihn das bedeutende Werk der Exilliteratur noch Jahrzehnte später begeistert, ließ er die Besucher am Samstagabend wissen, als er die fünf Verse leidenschaftlich vortrug. Auch ein Lied aus der Dreigroschenoper, gesungen von Hans-Dieter Korn, war im Programm. Am Ende des Abends konnte Veranstalter Zecher mehr als zufrieden sein. Auch in der schwäbischen Provinz ist das Interesse am Kommunisten Bertolt Brecht und seinen Werken groß. (GEA)



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