Forschung - Wenn der Hund bellt oder ein Kind weint, reagieren wir intensiver. Tübinger und Mannheimer Forscher sind den Gründen dafür auf der Spur

Das Gehirn beim Hören beobachtet

TÜBINGEN. Ein Team um den Tübinger Psychiater Professor Andreas Fallgatter und den Mannheimer Psychologen Professor Georg W. Alpers nutzt eine neue Methode, mit der es ohne störenden Untersuchungslärm die Verarbeitung von Geräuschen im Gehirn untersucht. Dabei fanden die Forscher heraus, dass das Gehirn schon auf sehr frühen Verarbeitungsstufen wichtige Geräusche erkennt und verstärkt verarbeitet.

Eine vorbeifahrende Straßenbahn in der Ferne, das Rauschen des Windes, Gesprächsfetzen am Tisch nebenan, Vogelgezwitscher: Dauernd strömen unzählige Geräusche und Bilder aus der Umgebung über die Sinnesorgane in das menschliche Gehirn. Dabei nehmen wir viele Reize nur unbewusst auf.

Plötzlich ertönt jedoch irgendwoher das tiefe, wütende Bellen eines großen Hundes und sofort sind wir bereit zur Flucht. Das Gehirn verarbeitet das bedrohliche Bellen verstärkt, konzentriert sich auf die Signale aus der Umgebung, die besonders bedeutsam für das Überleben und Funktionieren sind, und bearbeitet diese Eindrücke bevorzugt. Sonst wäre der Mensch aufgrund der Vielzahl der einströmenden Reize hoffnungslos überfordert.

Diese emotional bedeutsamen Reize, beispielsweise ein Kinderlachen oder ein bedrohlich knurrender Hund, führen dazu, dass sich der Mensch entweder annähern oder distanzieren möchte. Messen lässt sich die bevorzugte Verarbeitung der Reize an der Gehirnaktivität. Im Bereich des Sehens wurde dazu schon viel geforscht. Die aktuelle Studie zeigt erstmals, dass das Gehirn auch bei der Wahrnehmung von emotional bedeutsamen Geräuschen verstärkt aktiv ist.

Mit Infrarot in den Schädel

»Schon das Hörzentrum spricht besonders auf emotional bedeutsame Geräusche an«, so Dr. Antje Gerdes, eine der Autorinnen der Studie. Bisher ging man davon aus, dass im Hörzentrum zunächst nur analysiert wird, ob das Geräusch laut oder leise, eine hohe oder niedrige Frequenz hat und das Gehirn erst auf höheren Verarbeitungsstufen dem Reiz positive oder negative Eigenschaften zuordnet.

Eine besondere Technik machte die Untersuchung der Gehirnprozesse möglich. Die Nah-Infrarot Spektroskopie erlaubt es, in das Hörzentrum vorzudringen, indem die Forscher mit einer Lichtquelle durch die Schädeldecke »leuchten«. Die Konzentrationsveränderungen von sauerstoffreichem und -armen Blut messen die Forscher anhand des reflektierten Nah-Infrarotlichts.

Die neue Methode der Nah-Infrarot- Spektroskopie hat einige Vorteile gegenüber der herkömmlichen Magnetresonanztomographie, die Lärm verursacht und bei der man in einer engen Röhre liegen muss. Bei der neuen Technik kann sich der Proband ganz auf die in der Studie präsentierten Geräusche konzentrieren.

Mit dieser Studie ist das Thema noch lange nicht erschöpft: »Uns interessiert natürlich, woher schon die Areale, in denen die frühen Verarbeitungsprozesse stattfinden, wissen, dass das Geräusch wichtig ist«, so Professor Alpers. Das Forscherteam möchte auch der Frage auf den Grund gehen, ob die Verarbeitung emotional bedeutsamer Geräusche bei Menschen mit psychischen Erkrankungen verändert ist. (u)



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