Ehrenamt - Margit und Ruben Walter aus Gomaringen arbeiten immer mal wieder bei der Obdachlosenhilfe in Berlin
Ferien in der Stadtmission
Von Philipp Förder
GOMARINGEN. Vom Hauptbahnhof aus ist es nicht weit, 500 Meter vielleicht bis zur Adresse in der Lehrter Straße. Ein Katzensprung für Margit Walter und ihren Sohn Ruben. »Berlin bei Nacht« heißt das Programm, das sie gebucht haben. Nachtleben, das sich aber nicht am Prenzlauer Berg oder am Potsdamer Platz oder auf dem Kudamm abspielt. Über dem Eingang ihres »Nachtklubs« steht »Herzlich willkommen«, darunter dasselbe noch einmal in polnischer und russischer Sprache.
Vor dem Einsatz: Ruben Walter wartet auf das Berliner Nachtleben. FOTO: WALTER
Das Schild an der knallblauen Tür erklärt die Kategorie der Unterkunft, die der Gast gewählt hat: »Stadtmission Berlin. Notübernachtung«. Hier haben Mutter und Sohn schon dreimal einen Teil ihrer Ferien verbracht, nicht als Abenteuerurlaub, sondern um Menschen zu helfen, die ganz unten sind: Obdachlosen, Pennern, Junkies.
In den Weihnachtsferien 2008 haben sie sich zum ersten Mal der blauen Tür genähert. »Als wir abends da hin sind, war ich sehr gespannt und aufgeregt«, erinnert sich Ruben. »Man hat ja sonst nicht viel mit solchen Leuten zu tun.« Mit Menschen, für die Alkohol, Drogen und Gewalt zum Alltag gehören.
»Heute verstehe ich diese Menschen viel besser« §§ Der damals 16-Jährige hat nicht lange überlegt, als seine Mutter mit dem Vorschlag kam, Weihnachten einmal ganz anders zu verbringen. »Ich war immer etwas frustriert mit Weihnachten«, erzählt die Gomaringerin. Bis sie in einer Predigt die Geschichte von konkreter Nächstenliebe gehört hat: von einer 75-jährigen Frau, die vier Wochen in der Notaufnahme der Stadtmission gearbeitet hat. Da war für sie klar: »Das will ich auch.«
Die Idee fasziniert Margit Walter. »Wenn die Leute nicht zur Kirche kommen, muss die Kirche zu den Leuten kommen«, sagte sich Johann Hinrich Wichern und gründete 1848 die erste Stadtmission in Hamburg, um »der geistigen und sittlichen Verwahrlosung« der Arbeiter etwas entgegenzusetzen. »Suchet der Stadt Bestes und betet für sie« - das Wort des Jeremia gilt heute noch.
Obstsalat haben sie geschnippelt am ersten Abend. Sonst gibt es nur Suppe. »Als Besteck gibt es Löffel. Keine Messer und keine Gabeln, weil das zu gefährlich ist«, haben sie gelernt. Küche und Essensausgabe sind die Bereiche, in denen die Distanz am größten ist.
Später steht Margit Walter an der Tür, wo die Gäste für die Nacht in Empfang genommen und abgetastet werden. Als Krankenschwester hat sie weniger Berührungsängste als andere Helfer. Keine Flaschen, keine Spritzen, keine Taschenmesser, nicht einmal Nagelscheren sind erlaubt. »Natürlich versuchen viele, Alkohol oder Drogen reinzuschmuggeln, aber wer erwischt wird, erhält Hausverbot.« Was die Nachtgäste abgeben oder abgeben müssen, landet bei Ruben in der Gepäckaufbewahrung. »Die einen kommen mit gar nichts, andere mit fünf Taschen oder einem vollen Einkaufswagen.« Auch das ist kein Job für empfindliche Nasen.
Wenn es richtig kalt ist, nimmt die Notunterkunft der Stadtmission in ihren mittlerweile drei Quartieren, die von November bis März jeden Abend um 21 Uhr öffnen, schon mal 180 Übernachtungsgäste auf. Viele stammen aus Osteuropa, vor allem aus Polen und Russland. Manche sprechen kein Wort Deutsch, andere tauen mit der Zeit auf und erzählen ihre Geschichte, wenn man sie danach fragt. Ein Mosaik menschlicher Schicksale: der Unternehmer, dem zuerst der Betrieb kaputtgeht und dann die Ehe, bevor er auf der Straße landet; der Intellektuelle, der in Tübingen Germanistik und Soziologie studiert hat, ein bisschen aussteigen wollte und den Weg nicht mehr zurückgefunden hat; der 13-Jährige, der von zu Hause abhaut, Heroin angeboten bekommt und an der Nadel hängen bleibt.
§§ »Der Glaube kommt mehr aus dem Herz heraus als aus dem Kopf«
Geschichten, die zeigen, wie leicht es ist, vom schmalen Grat der bürgerlichen Existenz abzustürzen. »Bei Obdachlosen hatte ich früher oft ein negatives Gefühl«, gesteht Ruben, »aber heute verstehe ich diese Menschen viel besser.« Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass das Leben auf der Straße geprägt ist von Beziehungslosigkeit. »Früher«, sagt Margit Walter, »habe ich gedacht, dass es ein Gefühl gibt, dass alle in einem Boot sitzen. Aber es gibt kein Miteinander.«
Dafür Aggressivität. Der kleinste Anlass reicht für einen Ausbruch von Gewalt. »Was mir am meisten Angst gemacht hat, waren die Schlägereien, wenn die Leute zugedröhnt waren mit Alkohol und Drogen.« Allerdings: Die Helfer werden nur ganz selten attackiert.
Trotzdem denkt Margit Walter immer wieder an die Obdachlosen, wenn es auf die kalte Jahreszeit zugeht. Erst jetzt sind sie und ihr Sohn Ruben wieder aus Berlin zurückgekommen. »Was mir an der Stadtmission gefällt, ist, dass dort nur der Mensch zählt und nicht die Form. Hier werden die Menschen so angenommen, wie sie sind. Und ich habe für mich gelernt, dass nicht immer alles durchorganisiert sein muss.«
Und die christlichen Wurzeln der Stadtmission, die heute Teil der Diakonie ist? Es gibt am Abend vor Arbeitsbeginn eine Andacht für die Mitarbeiter und morgens vor dem Frühstück für die Übernachtungsgäste. Ein Kreuz hängt in den Räumen und ein Bibelspruch. »Der gelebte christliche Glaube«, betont Margit Walter, »kommt aber mehr aus dem Herzen heraus als aus dem Kopf.« (GEA)
Wir denken schon heute an unsere Leser von morgen. Deshalb bringen wir Lokal-Nachrichten mit Deutschlands größter WG-Börse www.wg-gesucht.de zu jungen Leuten und Studenten.