Wirtschaft
INTERVIEW - Ist der Kapitalismus ein Flop? Meinhard Miegel über Größenwahn, Überforderung, Expansion und Grenzen

Meinhard Miegel: Wohlstand für alle? Geht nicht!

Von Kaya Egenberger

REUTLINGEN. Mehr Wachstum, mehr Wohlstand. Immer weiter, immer höher, immer schneller. Es sollte der Weg zum Glück sein, doch er hat die Menschheit in eine Sackgasse geführt, sagt Professor Meinhard Miegel. Am Mittwochabend hat er bei Osiander in Reutlingen aus seinem Buch »Hybris – die überforderte Gesellschaft« vorgelesen, sich den Fragen der rund 50 Zuhörer gestellt und den Größenwahn der Gesellschaft kritisiert.

Professor Meinhard Miegel bei seiner Lesung in Reutlingen. FOTO: TRINKHAUS
Professor Meinhard Miegel bei seiner Lesung in Reutlingen. FOTO: Gerlinde Trinkhaus
GEA: Herr Miegel, wer sind in der Gesellschaft die Größenwahnsinnigen?

Meinhard Miegel: Der Größenwahnsinn ist kollektiv. Wir alle glauben, wir könnten durch bestimmte Verhaltensweisen, insbesondere durch die permanente Mehrung materieller Güter, glücklich werden. Dieses Streben nach Glück durch materielle Expansion ist Hybris. Einige kleine Minderheiten entziehen sich diesem Streben. Die große Mehrheit folgt jedoch bereitwillig, wenn es heißt, wir müssten den Konsum ankurbeln.

Im Gegensatz zu Größenwahn ist Überforderung nicht selbst verschuldet – wer über- fordert uns?

Miegel: Die Überforderung kommt nicht unbedingt von Dritten, sondern aus uns selbst. Indem wir uns ständig neue, oft sehr aufwendige Ziele setzen, überfordern wir uns mitunter. Dies gilt vor allem für Menschen, die nicht loslassen und nicht entspannen können. Natürlich gibt es auch Konstellationen, wo Dritte Forderungen an uns stellen. Aber wenn jemand nicht mitspielt, ist es in einer freiheitlichen Gesellschaft schwer, ihn permanent zu überfordern.

Woran sehen Sie, dass un- sere Gesell- schaft grö- ßenwahnsin- nig ist?

Miegel: Wir setzen uns individuell und kollektiv Ziele, die wir vernünftigerweise nicht erreichen können. Wir wollen einen Flughafen bauen und beauftragen damit Menschen, von denen wir im Nachhinein sagen: Die konnten das nicht. Vor wenigen Tagen wurde ein Bericht über den Bau der Hamburger Elbphilharmonie veröffentlicht. Darin steht, dass die mit dem Bau betrauten Personen ganz einfach überfordert waren.

Gibt es solche Beispiele auch in anderen Bereichen?

Miegel: Auch der gesamte Leistungssport ist auf eine systematische Überforderung des Menschen angelegt. Der Mensch ist nicht dafür gemacht, drei Meter hochzuspringen. Ein ganz anderes Beispiel ist der Plan, so etwas wie die Vereinigten Staaten von Europa zu schaffen. Alles soll vereinheitlicht werden, zum Beispiel indem Europa – das aus ganz unterschiedlichen Kulturen besteht – eine gemeinsame Währung übergestülpt wird. Das funktioniert nicht.

»Die Überforderung kommt nicht unbedingt von Dritten, sondern aus uns selbst«
 

Wie stehen Sie zur Globalisierung?

Miegel: Auch damit sind wir überfordert. Wir haben überhaupt nicht das Personal, um den Tanker der Globalisierung zu steuern. Ein besonders eklatantes Beispiel hierfür ist die Organisation unserer globalen Finanzmärkte. Das ist Hybris pur.

Wie wirkt sich diese Hybris auf die Wirtschaft aus?

Miegel: Zum Beispiel dadurch, dass immer größere Bereiche aus dem Ruder laufen. Das zeigt sich unter anderem bei vielen Fusionen großer Unternehmen. Jede zweite Fusion ist ein Flop verbunden mit der Vernichtung von Zehntausenden Arbeitsplätzen und riesigen Kapitalsummen. Trotzdem wird es immer wieder gemacht.

Gilt das auch für unsere Finanzen?

Miegel: Hier wird die Hybris besonders deutlich. Durch die hemmungslose Vermehrung der Geldmenge sollte Wohlstand gesichert und gemehrt werden. Das war und ist naiv. Trotzdem wird es immer noch versucht. Die Folge dessen ist ein geldpolitischer Scherbenhaufen, auch wenn das viele noch nicht wahrhaben wollen.

Wie Sie sagen, steuert die Gesellschaft in eine falsche Richtung. Was muss sich ändern, damit wir wieder auf Kurs kommen?

Miegel: Wir müssen Grenzen akzeptieren, die nicht ohne Schaden für Mensch, Gesellschaft und Umwelt überschritten werden können. Das gilt für alle Lebensbereiche. Auch bei der Selbstausbeutung muss der Mensch erkennen, wann er seine physischen und psychischen Grenzen erreicht hat, ehe er völlig ausgebrannt und ein Fall für den Psychotherapeuten ist.

Aber in der Vergangenheit hat die Nichtanerkennung von Grenzen – beim Fliegen zum Beispiel – der Menschheit auch Fortschritte gebracht ...

Miegel: Das sind andere Grenzen. Auch ein Kolumbus hat Grenzen überwunden. Aber solche Grenzen meine ich nicht. Ein Beispiel: Eine Gesellschaft befindet sich in einer aberwitzigen Situation, wenn sie nur bei fortdauerndem Wirtschaftswachstum ihre öffentlichen Haushalte konsolidieren, Arbeitsplätze schaffen und soziale Sicherheit gewährleisten kann, obwohl sie weiß, dass sie mit eben diesem Wachstum ihre Lebensgrundlagen zerstört. Doch genau das ist in etwa unsere derzeitige Situation.

Als Vorstandsvorsitzender des »Denkwerk Zukunft« setzen Sie sich für Wohlstand ohne Wachstum ein. Geht das denn überhaupt?

Miegel: Wir, die wir in den früh industrialisierten Ländern leben, sind materiell wohlhabend. Es ist doch nicht so, dass wir am Hungertuch nagen und uns nur wohlfühlen, wenn der materielle Wohlstand jedes Jahr steigt.

Das heißt, wir sollten einfach zufrieden sein mit dem, was wir haben?

Miegel: Nicht mit allem, es gibt große Bereiche, in denen sich natürlich etwas verändern muss.

»Jede zweite Fusion ist ein Flop. Trotzdem wird es immer wieder gemacht«
 

Zum Beispiel?

Miegel: Wir wirtschaften nicht intelligent genug. Unsere Wirtschaftsweise schädigt die Umwelt und verbraucht zu viele Ressourcen. Da besteht Handlungsbedarf. Wenn ich sage, dass wir kein Wirtschaftswachstum brauchen, heißt das nicht, dass sich nichts verändern muss. Dazu brauchen wir aber nicht notwendigerweise eine permanente Ausweitung der Güter- und Dienstmenge. Dies ist auch nicht verantwortbar, da wir uns bereits jetzt mit unserer Art zu produzieren und zu konsumieren weit außerhalb der Tragfähigkeitsgrenzen der Erde befinden.

Sie haben gerade von Veränderungen gesprochen. Wer ist in der Pflicht etwas zu verändern?

Miegel: Wir alle. Doch was geschieht wirklich? In der Politik besteht weitgehender Konsens, dass Probleme auch künftig nur durch Expansion, das heißt durch Wachstum zu lösen sind. Das ist ein Irrweg. Deshalb kann ich nicht sagen, welche Partei sich verändern muss.

»Die Maxime lautet: mehr, mehr, mehr. Damit sind wir an Grenzen gestoßen«
 
Gibt es Vorbilder, Staaten, die es richtig machen?

Miegel: Nein. Wir haben vor 300 Jahren den Weg der Expansion eingeschlagen und sind ihn bis heute gegangen. Aufgrund der beispiellosen Mehrung materiellen Wohlstands war dieser Weg so attraktiv, dass mittlerweile die ganze Welt versucht, auf ihn einzuschwenken, obwohl offensichtlich ist, dass er in eine Sackgasse geführt hat. Das ist schon eine dramatische Situation. Heute leben 7,2 Milliarden Menschen auf der Erde, im Jahr 2030 werden es 9 Milliarden sein, die alle danach streben, einen Lebensstandard zu haben wie wir, was objektiv unmöglich ist. Damit stecken wir alle in einem unlösbaren Dilemma.

Ist der Kapitalismus gescheitert?

Miegel: Was heißt denn Kapitalismus? Kapitalismus ist ja nicht irgendeine Sache, sondern eine Lebens- und Wirtschaftsform, die von ungezählten Menschen verinnerlicht worden ist. Das zeigt sich bei jedem Weihnachtsfest aufs Neue. Die Maxime dieser Lebensform lautet: mehr, mehr, mehr. Und damit sind wir an Grenzen gestoßen. Das Paradigma permanenter Expansion hat sich erschöpft. (GEA)

Zur Person


Meinhard Miegel ist am 23. April 1939 in Wien geboren. Nach seiner Flucht nach Deutschland studierte er Soziologie und Philosophie, später Rechtswissenschaften und Volkswirtschaftslehre. Er ist Mitgründer des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft in Bonn, war Leiter der Hauptabteilung Politik, Information und Dokumentation der Bundesgeschäftsstelle der CDU und ist seit 2007 Vorstandsvorsitzender des Denkwerks Zukunft – einer Stiftung für kulturelle Erneuerung. (GEA)

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