Wirtschaft
Sicherheit - In Wirtschaftsunternehmen spielt die Sicherung des Know-hows oft noch eine untergeordnete Rolle

Spionage, Korruption, Anschläge

STUTTGART/REUTLINGEN. Der internationale Wettbewerb um Marktanteile verstärkt sich, vor allem auch in Zeiten der Wirtschaftskrise. Der Druck ist gewaltig, und ausländische Unternehmen und Staaten versuchen sich insbesondere auch durch Wirtschaftsspionage und Konkurrenzausspähung Vorteile zu verschaffen, indem sie an wirtschaftlich wertvolle Informationen und Know-how deutscher Unternehmen gelangen.

Mobile Abhöranlagen sind nur eine Möglichkeit zur Wirtschaftsspionage.
Mobile Abhöranlagen sind nur eine Möglichkeit zur Wirtschaftsspionage. FOTO: dpa
Der dadurch entstehende jährliche Schaden für die deutsche Volkswirtschaft beläuft sich schon heute auf mindestens 20 Milliarden Euro. Leider gehört Sicherheit nicht zu jenen Bereichen, in die Unternehmen gerne investieren, »obwohl Prävention immer billiger ist als die Aufarbeitung eines Ernstfalls«, meint Rudolf Grassel, Infraserv Höchst, Director, Head of Hazard Management Prevention Industriepark Höchst.

»Der Erfolg eines Unternehmens hängt stark von der Verfügbarkeit und der Sicherheit seiner Geschäftsprozesse ab«, sagt Bernd Oliver Bühler, Geschäftsführer der Janus Consulting (Dietzenbach). Janus ist eine jener Firmen, die anderen Unternehmen zeigt, wie sie sich wirksam schützen können. »Das größte operative Kapital eines jeden Unternehmens ist der Besitz von Informationen«, sagt Bühler, der zusammen mit der Stuttgarter IHK und anderen Organisationen kürzlich einen Sicherheitskongress in Stuttgart organisierte. »Informationen als strategisches Instrument dienen der Wahrung und Verfolgung eigener Interessen. Sie sind Handlungsgrundlage zur Sicherung des unternehmerischen Erfolgs, im besonderen Fall auch zum Schutz vor Krisen.«

»Schauen Sie doch einfach mal in die Papierkörbe« §§ Sicherheit beginnt schon bei ganz Banalem. Beispielsweise bei Internet-Plattformen wie Xing, wo massenhaft Informationen kursieren. Die Sicherheitsverantwortlichen in Firmen sehen Internet-Plattformen wie Xing kritisch, in denen Mitarbeiter ziemlich freimütig Informationen über sich, die Firma und ihre Tätigkeiten preisgeben. Sie können Personen, die an Interna von Firmen, an Zusammenhängen interessiert sind, wertvolle Hinweise geben.

Wie unglaublich unbedarft Mitarbeiter bis hinauf zur Spitze mit vertraulichen oder geheimen Daten umgehen, veranschaulicht Johannes Strümpfel, Leiter Informationsschutz der Siemens AG. »Schaun Sie doch einfach mal in die Papierkörbe!« Vergessene Ablichtungen vertraulicher Unterlagen in Kopierräumen, offen zugängliche Strategiepapiere in Besprechungszimmern, Datenträger und sensible Unterlagen im Hausmüll und Abfallkörben, unverschlossene Büros bei Abwesenheit, die Weitergabe von Know-how auf Messen, bei Schulungen, Vorträgen oder Angebotsabgaben, Vertragsverhandlungen und Joint Venture-Geschäften. Wie kann solcher Schludrigkeit begegnet werden? Strümpfel schlägt das Schaffen eines Sicherheitsbewusstseins auf allen Ebenen einer Firma vor. »Sicherheit ist auch eine Managementaufgabe«, sagt er in Stuttgart. Es müssen je nach Firma entsprechende Sicherheitskonzepte entworfen werden, die je nach Bedarf Verschlüsselungstechnologien, aber auch operative Maßnahmen, beispielsweise der Lauschabwehr, beinhalten müssen. Und dazugehören organisatorische Maßnahmen wie ein schlüssiges Zutrittberechtigungskonzept.

Ein anderes Thema, das mit der Beeinflussung von Unternehmen und Konkurrenz durchaus in Zusammenhang steht, ist die Korruption. In den vergangenen Monaten gab es eine ganze Reihe spektakulärer Fälle auch in Deutschland. Doch was bewegt Entscheider in Firmen dazu, sich korrumpieren zu lassen? Konkrete berufliche oder gar private Ziele spielen für korruptes Handeln nur eine untergeordnete Rolle. Stattdessen gilt: Eine Gelegenheit dazu kann zur Bestechlichkeit führen. Und die Ertappten streiten es nicht einmal ab, sondern beschönigen und rechtfertigen dies mit Sätzen wie »Das macht doch jeder so!«, »Das schadet doch niemandem«, fühlen sich sogar dazu berechtigt oder begründen dies mit einer positiven Absicht.

Produktpiraterie ist ein weiterer heikler Bereich, der Imageschäden und konkrete materielle Schäden mit sich bringt. Microsoft kann davon ein Lied singen. »Softwarepiraterie ist eine ernst zu nehmende Straftat«, sagt Joachim Rosenögger, Spezialist für Pirateriebebekämpfung bei Microsoft Deutschland. Bei Microsoft konzentriert man sich auf illegalen Handel mit gefälschten Microsoft-Produkten. Ein konkretes Beispiel war die Festnahme zweier Personen in Thüringen. Sie sollen seit Jahren gefälschte Computerprogramme an arglose Kunden verkauft haben, darunter Software von Microsoft. Der Marktwert der gefälschten Software belief sich allein bei Microsoft auf rund 400 000 Euro. Auf die Fälscher aufmerksam geworden war Microsoft durch eine Einsendung beim Produktidentifikationsservice. »Der Erfolg ist auch auf die gute Zusammenarbeit zwischen den Ermittlungsbehörden und den Geschädigten zurückzuführen. Wir sind erleichtert, dass die beiden Tatverdächtigen jetzt zur Verantwortung gezogen werden. Mit dem Verkauf gefälschter Computerprogramme haben sie nicht nur die Hersteller geschädigt, sondern auch Hunderte unschuldige Kunden betrogen«, sagt Rosenögger.

§§ »Das macht doch jeder so. Das schadet doch niemandem«
 
Harald Zielinski, Sicherheitschef bei Lufthansa Cargo, unterstehen circa 150 Sicherheitsexperten rund um den Globus. Sie scannen unter anderem mithilfe von übergroßen, 1,80 Meter mal 1,80 Meter Durchleuchtungsgeräten und mit Sprengstoffsensoren die Frachtsendungen bis zur Größe der LD3-Luftfracht-Container. Sie müssen dazu nicht mehr geöffnet und die Pakete einzeln geröntgt werden. Außerdem speichern Hunderte von Kameras, was in den Frachthallen und auf den Rollfeldern geschieht. Zielinski hat ein Frachtsicherheitskonzept für Lufthansa Cargo erarbeitet, das vieles vereinfacht und gleichzeitig sicherer macht. Musste die Fracht bislang als »Bekannter Versender« und »Reglementierter Beauftragter« vom Absender zertifiziert werden, kann dies künftig entfallen, wenn der Kunde Lufthansa Cargo mit der Durchführung der Maßnahmen beauftragt.

Lufthansa Cargo bietet ihren Kunden seit Kurzem auch an kleineren Stationen höchste Sicherheitsstandards wie an den Großflughäfen in Frankfurt, Schanghai oder New York an. Künftig sollen solche Premium-Stationen die Masse der Umschlagplätze bilden. Höherer Sicherheitsstandard soll nicht nur das Risiko von Anschlägen mindern, sondern auch die Schadens- und Diebstahlsquote. »Im Vergleich zu 2002, als wir die Security Hubs einführten, haben wir dort jetzt im Schnitt 98 Prozent weniger Diebstähle«, berichtet Zielinski stolz. Die Kunden vertrauen dem Frachtflug-Dienstleister, was eine deutliche Zunahme von Wertfrachtsendungen beweist. Lufthansa Cargo lässt sich Sicherheit etwas kosten. Allein im Geschäftsjahr 2009 sei das eine hohe zweistellige Millionen-Summe gewesen, sagt Zielinski. (GEA)



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