Wirtschaft
Neckar-Alb - Standortagentur präsentierte in Paris Unternehmensvertretern Medizintechnik und technische Textilien

Die besten Stücke im Schaufenster

VON FRANZ PFLUGER

PARIS/REUTLINGEN. »Decouvrez l' Allemagne.« Mit dieser Aufforderung (Entdecken Sie Deutschland) werden in der Deutschen Botschaft in Paris, 13/15 Avenue Franklin D. Roosevelt, die Besucher empfangen. An Donnerstagvormittag präsentierte sich an diesem Ort auf eine nachhaltige Weise ein nicht unwichtiger Teil von Deutschland: die Region Neckar-Alb. Die Standortagentur Reutlingen-Tübingen-Zollernalb, getragen von 31 Kommunen, hatte französische Unternehmer eingeladen, die sich für technische Textilien und Medizintechnik interessieren. Als »Botschafter« der Region, die sich über die drei Landkreise Reutlingen, Tübingen, Zollernalb definiert und für eine Wertschöpfung von 16,3 Milliarden Euro steht, traten Dr. Wolfgang Epp, Geschäftsführer der Standortagentur und IHK-Hauptgeschäftsführer, Dr. Ulrich Fiedler, Metzingens Oberbürgermeister, Prof. Harald Dallmann von der Hochschule Reutlingen und Dr. Paul-Stefan Mauz, Leitender Oberarzt der Hals-Nasen-Ohrenklinik Tübingen, auf.

Gute Verkäufer warten heutzutage nicht, bis die Kunden kommen, sie gehen zu ihnen. Und natürlich gehört es zum Wettbewerb der Standorte, sein Gesicht zu zeigen. Dass die Region Neckar-Alb Profil hat, demonstrierte Ulrich Fiedler mit einer Bild-Präsentation: Maschinenbau, Automotive, Bio- und Medizintechnologie, Bekleidung und technische Textilen sind Felder, auf denen die regionalen Unternehmen wie Bosch, Elring-Klinger AG, Walter AG, Manz AG, Wafios AG, Hugo Boss AG, Datagroup AG, Marc Cain, Mey, Rösch/Rökona, Groz-Beckert, Stoll, Mayer & Cie und viele andere als Global Player nicht nur hervorragende Spitzenplätze herausgespielt haben, sondern mitunter auch Weltmeister sind. Unzählige kleine mittelständische Betriebe sind Pioniere auf ihrem Gebiet. Klar, dass Ulrich Fiedler nicht vergaß, die Factory-Outlet Stadt Metzingen zu erwähnen, die im Jahr über drei Millionen Besucher empfängt und damit bei den verschiedensten Rankings ganz vorne steht.



Rolle der Hochschulen

Ein Pfund, mit dem die »Botschafter« der Region immer wieder wuchern können und das auch bei den 35 professionellen Zuhörern gut ankam, sind die Hochschulen. Mit der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, den Hochschulen in Reutlingen, Rottenburg, Albstadt-Sigmaringen, vier Max-Planck-Instituten, dem Naturwissenschaftlichen Medizinischen Institut in Reutlingen, dem Technologiepark Tübingen-Reutlingen hat die Region Anziehungskraft. Die hiesigen Unternehmer wissen auf jeden Fall, was sie daran haben. In den Zeiten des Fachkräftemangels sticht dieser Trumpf künftig noch öfters als bisher. Prof. Dallmann brachte es auf den Punkt: »Wenn ein Unternehmen vor einem Problem steht und nach einer Lösung sucht: Im 100-Kilometer-Umkreis von Reutlingen bekommen Sie alles, was zur Lösung beiträgt.«

Die Standortagentur und die IHK Reutlingen haben den Netzwerkgedanken stark gepflegt und ihn gefördert. Netzwerke gibt es in den Sektoren Automotiv, Medizintechnik, technische Textilien, Holz- und Energiewirtschaft. Die Wissenschaft hat längst den Nutzen von sogenannten Clustern bewiesen. Die kurzen Wege, Zeitmangel in der Wirtschaft und Kommunikationsbedarf haben schon oft zu Projekten und Aufträgen geführt. Im Clusterwettbewerb des Landes Baden-Württemberg hat die Region mit ihrem Projekt der Einrichtung einer Innovationsagentur sich auf die Siegertreppe gestellt. Und weil es ohne Visionen auch in der Wirtschaft nicht geht, ist ein Anspruch formuliert: Die Region Neckar-Alb wird europäisches Zentrum für technische Textilien.

Medizintechnik ist weitgehend konjunkturresistent und die Wachstumsraten der letzten Jahre können sich sehen lassen. Dr. Paul-Stefan Mauz unterstrich die Bedeutung des Clusters Medizintechnik (Neckar-Alb einschließlich Tuttlingen), in dem mittlerweile 12 500 Personen beschäftigt sind. Der Hechinger Raum hat es sogar geschafft, »Medical Valley« genannt zu werden. Gambro, Erbe Elektromedizin, mehrere Hersteller von Blutdruckmessgeräten im Killertal haben Weltruf. Weltraumfahrer haben Messgeräte von Boso benutzt.

Chirurg Paul-Stefan Mauz sieht bei allem technischen Fortschritt noch viel Innovationspotenzial. Immer noch gebe es Probleme bei der interaktiven Vernetzung von Menschen und Medizintechnik im Operationssaal. Gleichsam der Bedienung eines Handys vermisst der Mediziner die intuitive Beherrschung sämtlicher Produkte und Prozesse im OP. Wie Industrie und Medizin sich gegenseitig befruchten können, erläuterte er am Beispiel des Experimental-Operationssaals in Tübingen. Über 80 Industriepartner, Architekten und Ingenieure waren an dem Vorzeigeprojekt der Universität beteiligt, die damit ein Alleinstellungsmerkmal im internationalen Benchmarking für sich beansprucht. An Preisen und Auszeichnungen fehlt es nicht.

Pionier in der Medizintechnik

Der Dienst am Menschen ist eine komplexe Managementaufgabe. Unter dem Marken und Dienstleistungsverzeichnis »PoinT« steht die Optimierung von Behandlungsprozessen, Behandlungsmaterialien und Vorrichtungen aller Art. Diagnostische Apparate und Instrumente sollen aufeinander abgestimmt sein. Ärztliche und klinische Forschungseinrichtungen werden ebenso beraten wie die Hersteller der Technik. Derzeit entsteht am Klinikum die wissenschaftliche Einrichtung »CUT Chirurgie und Technik.« Hier werden die bisherigen Einrichtungen Experimentelle Medizin und Experimenteller OP zusammengeführt. Das UKT erwartet durch diese Kooperation mit der Industrie weitere Erkenntnisse über die Gestaltung für den OP-Arbeitsplatz der Zukunft.

Das Herz der Textilindustrie schlägt trotz Strukturwandel der vergangenen Jahrzehnte immer noch in der Region Neckar-Alb, vornehmlich im Zollernalbkreis. Prof. Harald Dallmann sprach von 220 Betrieben, die ausschließlich oder nur in Teilen sich mit Textilien befassen. 15 000 Mitarbeiter beschäftigt allein nur dieser Sektor. Es sind die Produkte von Boss, Marc Cain, Mey, Rösch, Trigema, Speidel, Naturana, Esge und vielen anderen, die nahezu überall auf der Welt zu haben sind.

Vision bei technischen Textilien

Handelt es sich hier um klassische Bekleidung, haben die technischen Textilien mächtig aufgeholt. Rökona-Stoffe für Autos, Ammann-Stoffe für Züge, haben längst Karriere gemacht. In Albstadt steht die erste textile Betonbrücke der Welt. Im medizinischen Bereich (künstliche Venen von Jotec) und im Lebensmittelsektor werden sie immer häufiger eingesetzt. Auch die Fechtanzüge von Allstar kennen die Franzosen. Die Hochschule Reutlingen konnte jüngst ein EU-Forschungsprojekt für Schutzanzüge für Waldarbeiter an Land ziehen. Eine textile Schneekette hat den Test längt bestanden. Über eine Masterarbeit hat die Hochschule bereits in 2002 an neuen Landeklappen des Airbus mitgewirkt. Die Metallflügel wurden ersetzt durch Carbon, ein Stoff, der in der Flugzeugindustrie schnell Eingang gefunden hat. Eine große Fluggesellschaft ließ in Reutlingen den Ersatz von Leder durch Textilien prüfen, hatte sich dann aber doch für Leder entschieden.

Die »Botschafter« der Region, mitunter wechselt die Besetzung, für die die Aufgabe Ehrensache ist, sind öfters unterwegs. Im Herbst geht es nach Istanbul. Im Vorjahr war die Standortagentur mit Firmenchefs in Stockholm zusammengetroffen. Wolfgang Epp: Selbstverständlich wird nach den Begegnungen der Kontakt weiter gepflegt: Der Hauptgeschäftsführer der Außenhandelskammer Paris, Jörn Bousselmi: Im Schnitt dauert es drei Jahre, bis die neu aufgenommenen Kontakte gute Früchte tragen. (GEA)



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