Weltspiegel
Bildungsprojekt

Teenager und Pornos - Kampf gegen fatale Klischees

Von Wenke Böhm, dpa

LEINGARTEN. Links Ja, rechts Nein. Zielstrebig gehen alle zwölf Schülerinnen in die Mitte. Jein lautet ihre einstimmige Antwort auf die Frage, ob Pornos schon für Teenager freigegeben werden sollen. »Ich stehe in der Mitte, weil es egal ist. Jeder kann die Pornos gucken«, sagt die 14-jährige Shannon. »Wir kommen immer dran, egal, wie alt wir sind.« Damit trifft sie den Nagel auf den Kopf - und nennt gleich einen der Gründe für den zweistündigen Aufklärungskurs »Let's talk about Porno« in der Leingartener Eichbottschule.

In der Leingartener Eichbottschule wird über Pornos geredet. Im Bild ein Fragebogen für die Schüler: Was ist erlaubt, was verboten.
In der Leingartener Eichbottschule wird über Pornos geredet. Im Bild ein Fragebogen für die Schüler: Was ist erlaubt, was verboten. FOTO: dpa
Dass Pornos sich an der Grenze des geltenden Rechts bewegen, wissen die Mädels. Und die 14-jährige Monika sagt: »Die Jungs sehen eine Frau, die voll hübsch ist und voll den geilen Arsch hat. Dann wollen sie, dass ihre Freundin auch so wird.« Die Mädchen sind sich einig: Sie wollten nicht zum Sexobjekt abgestempelt werden.

Ein Hauptproblem des frühen Porno-Konsums liegt tatsächlich in überhöhten Erwartungen, bestätigt Kursleiterin und Medienpädagogin Franziska Hahn vom Landesmedienzentrum (LMZ). Das trifft vor allem die Mädels. »Mädchen sind meist mit ihrem Körper unzufrieden, während Jungs stabiler sind.« Viele Jugendliche in dem Alter hätten noch keine Erfahrungen mit Intimität und Geschlechtsverkehr. Oft verwechselten sie die Bilder des Pornos mit der Realität. »Die Mädchen denken manchmal, sie müssten beim Sex einen dreifachen Salto machen«, bestätigt Nicole Winkler, seit sieben Jahren psychologische Beraterin an der Eichbottschule.



Auslöser für den Workshop zum Thema Sex und Internet war laut Winkler der Fund eines Pornofilms auf dem Handy eines Achtklässlers. Der frühe Konsum solcher Filme erhöhe neben anderem auch die Gefahr des Cyber-Mobbings - also der oftmals sexuellen Bloßstellung im Internet. Auch hier will das LMZ durch Aufklärung Abhilfe schaffen.

»In dieser Intensität ist unser Angebot deutschlandweit einzigartig«, sagt Ingrid Bounin, Expertin für pädagogischen Medienschutz beim LMZ. Das Zentrum hat die Unterrichtsunterlagen 2009 mit der Initiative »Klicksafe« und anderen entwickelt und Erzieherinnen wie Hahn geschult. »Es sind sicher einige hundert Schüler im Land, die die Workshops mittlerweile durchlaufen haben«, schätzt Bounin. Allein im vergangenen Monat seien zwölf Workshops an Schulen gelaufen.

Einige Bundesländer hätten die Unterlagen vom LMZ übernommen, und auch andere europäische Länder würden sie in ihre Sprachen übersetzen. Das Programm werde aus ihrem Topf für pädagogischen Medienschutz finanziert, der mit 200 000 Euro jährlich vom Land gefördert wird.

Auffällig ist laut Beraterin Hahn: Während die Jungs in der Regel mit Erregung auf Porno-Filme reagieren, sind die weiblichen Teenager meist angeekelt. Mädels aus der Klasse 10 der Eichbottschule erklären es damit, dass die Filme auf männliche Fantasien ausgerichtet sind. Gekichert wird an diesem Workshop-Tag weder in Klasse 9 noch in Klasse 10. Die Teenager arbeiten konzentriert, offen und eifrig mit. Nicht selten verrät ihr derbes Vokabular allerdings deutlich: Die »Bienchen-und-Blümchen-Aufklärung« haben sie schon lange hinter sich gelassen. (dpa)

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