Weltspiegel
Prozesse

Report: Bewährungsstrafe für Vater von Amokläufer

Von Edgar Neumann und Henning Otte, dpa

Stuttgart (dpa) - Es ist eine nervenzerreißende Geduldsprobe im Saal 1 des Landgerichts Stuttgart. Die Hinterbliebenen der Opfer des Amoklaufs von Winnenden müssen lange warten - ein Anwalt der Nebenklage fehlt.

Fast fünf Monate dauerte der Prozess gegen den Vater des Amokläufers. 29 Verhandlungstage mit genauen Beschreibungen der Bluttat haben die Eltern und Geschwister der Opfer durchgemacht.
Fast fünf Monate dauerte der Prozess gegen den Vater des Amokläufers. 29 Verhandlungstage mit genauen Beschreibungen der Bluttat haben die Eltern und Geschwister der Opfer durchgemacht.
«Können die Psychologen für unsere Kinder noch in den Saal?», fleht eine Mutter eine Justizbeamtin vor der Tür an. «Wir können nicht für jeden eine Extrawurst braten», heißt die erste Antwort, doch dann dürfen die Therapeuten doch noch kommen. Fast fünf Monate hat der Prozess gegen den Vater des Amokläufers gedauert, 29 Verhandlungstage mit genauen Beschreibungen der Bluttat haben die Eltern und Geschwister der Opfer durchgemacht - und jetzt das.

Um 9.30 Uhr sollte die Verkündung des Urteils beginnen, doch erst um 10.16 Uhr geht die Saaltür endlich zu. In der letzten Zuschauer-Reihe sitzt der Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger. Er hat als treibende Kraft dafür gesorgt, dass es überhaupt zum Prozess gekommen ist. Ursprünglich wollten es die zuständigen Staatsanwälte bei einem Strafbefehl belassen. Doch Pflieger wies eine Anklage wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und Verstoßes gegen das Waffengesetz an. Er wollte ein «generalpräventives Signal».



Das verkündet Richter Reiner Skujat am Donnerstagvormittag: Der 52-jährige Unternehmer erhält eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung. Das heißt: Der Sportschütze muss nicht hinter Gitter. Die Angehörigen der Opfer halten die Luft an und seufzen. Es ist der Schlusspunkt eines einmaligen Prozesses in Deutschland, bei dem ein Unbeteiligter nach einem Amoklauf vor Gericht stand und verurteilt wurde.

Das Gericht bleibt mit seinem Urteil hinter der Forderung der Staatsanwaltschaft nach zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung. Der Vater von Tim K. hatte die Pistole, mit der sein Sohn 15 Menschen und sich selbst erschoss, unverschlossen im Schlafzimmer aufbewahrt. Der 17-jährige Tim K. verübte das Massaker am 11. März 2009 an seiner früheren Realschule in Winnenden und auf der Flucht nach Wendlingen.

Keine Strafe kann diese Tat sühnen, darin waren sich die Hinterbliebenen vor Verkündung des Urteils einig. Doch die Eltern der getöteten Schüler gingen mit unterschiedlichen Erwartungen in den Gerichtssaal, in dem Richter Reiner Skujat am Donnerstag den einmaligen Prozess gegen den Vater des Amokläufers Tim K. beendete. Hardy Schober vom Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden sprach aus, was viele hofften. «Und wenn es nur für ein Vierteljahr ist, aber er muss ins Gefängnis.»

Der Anwalt der Nebenklage, Jens Rabe, baute dagegen vor, um eine mögliche Enttäuschung in Grenzen zu halten. «Die Frage des Strafmaßes ist sekundär», meinte er. Am wichtigsten sei, dass das Gericht ein klares Signal gebe und der Vater nicht nur wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz verurteilt werde, sondern auch wegen fahrlässiger Tötung - was nun auch geschah. «Der Prozess war für die Hinterbliebenen emotional sehr belastend, gleichwohl aber hilfreich», erklärte der Anwalt. Sie hätten unter anderem erfahren, wie ihre Kinder genau zu Tode gekommen seien.

Der Anwalt Thomas Franz, der ebenfalls Hinterbliebene vertritt, setzt darauf, dass der Abschluss des Verfahrens nun auch den Betroffenen mehr Ruhe bringt. «Ich hoffe es zumindest.»


 

 
Seite versenden
 

Das könnte Sie auch interessieren
Regionen

Wählen Sie Ihre Region

Karte mit einzelnen Regionen Tübingen Reutlingen Pfullingen Eningen Lichtenstein Über der Alb Neckar und Erms

BDI fordert verbindliche Aussagen...

Die Entwicklung des Strompreises beunruhigt Industrie und Verbraucher.

Berlin (dpa) - Nach dem Energiegipfel von Bundesre... mehr»

»Work-Life-Balance« gelingt im...

Düsseldorf (dpa/lsw) - Angestellte in Baden-Württe... mehr»

Neuer Umweltminister Altmaier...

Mit Peter Altmaier (CDU) bekommt Deutschland einen neuen Umweltminister. Foto: Maurizio Gambarini

Berlin (dpa) - Peter Altmaier (CDU) ist im Bundest... mehr»

Clinton: USA hacken...

Washington (dpa) - Spezialisten der US-Regierung h... mehr»

Berichte: Evonik plant Börsengang...

Das Logo von Evonik an der Zentrale in Essen. Foto: Nico Kurth

Düsseldorf/München (dpa) - Der Essener Chemiekonze... mehr»

Konflikte

Iran unzufrieden mit Vorschlägen im Atomstreit

Blick auf die Khondab Schwerwasser-Atomanlage im iranischen Arak. Foto: STR/Archiv
Die Gespräche über das umstrittene iranische Atomprogramm verlaufen trotz positiver Signale weiter stockend.
lesen »
Sex-Partys mit Strauss-Kahn

Ermittlungen wegen Gruppenvergewaltigung

Wegen bandenmäßiger Zuhälterei läuft bereits ein Anklageverfahren gegen Dominique Strauss-Kahn. Foto: Andrew Gombert/Archiv
Der frühere IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn muss nun auch ein Anklageverfahren wegen gemeinschaftlicher Vergewaltigung fürchten.
lesen »
Wahlen

Ägyptische Präsidentenwahl geht zu Ende

Der erste Tag der historischen Präsidentenwahl in Ägypten blieb friedlich, aber nicht ohne Spannungen. Foto: Andre Pain
Die historische Präsidentenwahl in Ägypten wird heute fortgesetzt. Das Ergebnis wird an diesem Samstag erwartet.
lesen »
Linke

Zwei Kandidatinnen für Doppelspitze

Katharina Schwabedissen (l) und Katja Kipping möchten beim kommenden Parteitag der Linken als weibliche Doppelspitze kandidieren. Foto: Jochen Lübke
Der Machtkampf um den Vorsitz der Linken geht nach dem Verzicht Oskar Lafontaines in eine neue Runde: Die stellvertretende Linke-Vorsitzende Katja Kipping und die nordrhein-westfälische Landeschefin Katharina Schwabedissen kandidieren für eine weibliche Doppelspitze.
lesen »