Weltspiegel
Tierschutz

Immer mehr Tierheime im Land schreiben rote Zahlen

Stuttgart - Volle Häuser, leere Kassen: Rund 10 000 Tiere werden im Südwesten in 60 Tierheimen betreut. Während die Zahl der Heimtiere und ihre Aufenthaltsdauer steigt, droht vielen Heimen der finanzielle Kollaps.

Hunde warten in Stuttgart im Tierheim auf ein Zuhause. Das Tierheim Stuttgart ist in finanziellen Nöten. Von einer Schließung wären rund 1000 Tiere betroffen. Foto: dpa
Hunde warten in Stuttgart im Tierheim auf ein Zuhause. Das Tierheim Stuttgart ist in finanziellen Nöten. Von einer Schließung wären rund 1000 Tiere betroffen. Foto: dpa
Es war ein Notruf, den das größte Tierheim Baden-Württembergs in Stuttgart kürzlich absetzte: Die finanziellen Reserven reichten noch knapp drei Monate, hieß es. Rund 1000 Tiere wären im Falle einer Schließung betroffen. Im Moment geben Spenden zwar einen leisen Anlass zur Hoffnung - doch eine dauerhafte Lösung ist noch nicht in Sicht. Auch dem Tübinger Tierheim fehlen 120 000 Euro. Der Grund für die prekäre Lage ist nach Angaben der betreibenden Tierschutzvereine das Ausbleiben größerer Erbschaften von Tierliebhabern und mangelnde Unterstützung durch die Kommunen.

Das Heim in Esslingen befand sich 2011 in ähnlich desolater Lage. »Die Finanzkrise haben wir zu spüren bekommen. Viele Menschen konnten sich keine Haustiere mehr leisten«, sagt Sandro Schubnell vom Esslinger Tierschutzverein. Zudem sei bei den Menschen immer weniger Wissen über die Tierhaltung vorhanden: »Sie kaufen ein exotisches Tier günstig beim Züchter, ohne zu berücksichtigen, dass es 30 Jahre Lebenserwartung hat.« Die kostenintensive Betreuung bleibe dann oft an den Heimen hängen.

Laut Tierschutzorganisation Peta sind zudem die Kosten für tierärztliche Behandlungen, die Tierpopulationen in den Heimen und die Instandhaltung der oft in die Jahre gekommenen Gebäude gestiegen. »Nahezu alle Tierheime in Baden-Württemberg befinden sich in einer prekären Lage«, sagt Charlotte Köhler von der Tierrechtsorganisation.

»Bei vielen ist die Lage so prekär, dass absolut nichts schief gehen darf«, sagt Volker Stutz vom Tierschutzverein in Wiesloch/Walldorf. Als Beispiel nennt er die Tierheime in Mosbach und Heilbronn und beklagt, dass viele Heime die Kommunen erst sehr spät unter Druck setzen. Der Tierschutzgedanke mache die Vereine zu nachsichtig: »Der Verstand und das Herz für Tiere halten sich nicht immer die Waage.«

Peta fordert von den Städten schon lange, die Kastrationspflicht für Freigängerkatzen einzuführen, wie sie in Kommunen acht anderer Bundesländer teils schon existiere. Außerdem plädiert die Organisation für eine niedrigere Hundesteuer bei Tieren, die aus dem Heim stammen. So könne man die Entscheidung für eines der rund 10 000 Heimtiere würdigen und bleibe gegenüber den Züchtern attraktiv. Auch die beiden Stuttgarter Grünen-Stadträte Silvia Fischer und Peter Svejda setzen sich seit Anfang des Jahres für den reduzierten Steuersatz ein.

»Die Hundesteuer ist eine Einnahme, mit der der Dienstwagen des Bürgermeisters oder die Renovierung der Amtsstuben bezahlt wird«, wirft der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, Thomas Schröder, den Kommunen vor. Die Landesregierung Baden-Württemberg habe zwar einen Topf für Fördermittel geschaffen. Das schaffe allerdings nur Luft für einzelne Vereine und sei keine dauerhafte Lösung.

Ein großes Problem für die 60 Tierheime im Land sind laut Tierschutzbund auch die sogenannten Fundtierverträge. Da jedes Fundtier als Fundsache gilt, ist es Verpflichtung der Kommunen, der Versorgung dieser Tiere nachzukommen. Viele Gemeinden schließen Verträge mit den örtlichen Tierschutzvereinen ab. Die erhalten für die Aufnahme von Fundtieren, die in Heimen bis zu 50 Prozent aller Tiere ausmachen, dann eine städtische Aufwandsentschädigung.

»Der Knackpunkt ist der ungeklärte Rechtsstatus einzelner Tiere«, sagt die Landestierschutzbeauftragte Cornelie Jäger. Welches Tier ist ein Fundtier und welches Tier wurde ausgesetzt? Eine Initiative im Bundesrat zur klaren gesetzlichen Regelung wurde 2011 nicht aufgegriffen. »Wir wünschen uns sehr, dass die Kommunen zuverlässiger kooperieren«, sagt sie. Eine kommunale Abgabe pro Bürger würde für die Heime Planungssicherheit schaffen. Denn das Argument der Städte lautet: Spätestens nach Ablauf eines halben Jahres sei ein Tier kein Fundgegenstand mehr.

Der Tierschutzverein Stuttgart kann sich seit seinem Notruf über eine kleine Spendenflut freuen: Insgesamt rund 100 000 Euro gingen in den vergangenen Tagen ein oder wurden den Betreibern in Aussicht gestellt, bestätigte der Verein entsprechende Zeitungsberichte. »Die Solidarität ist riesig«, sagte die Vorsitzende Angelika Schmidt-Straube.

Darüber hinaus hat der Trägerverein kurzen Prozess gemacht und den bestehenden Fundtiervertrag mit der Stadt gekündigt. Der städtische Zuschuss betrug 200 000 Euro pro Jahr, was laut Tierheimleiterin Marion Wünn einem Kostendeckungsgrad für Fundtiere von 10 Prozent entspricht. Ein Sprecher der Landeshauptstadt sagte, von dem Vorgehen des Tierschutzvereins sei man »kalt erwischt« worden. Über die desolate Finanzlage habe man im Vorhinein nichts gewusst.

Schmidt-Straube ist optimistisch: »Wir setzen große Hoffnung in die Stadt.« Im Juni solle das Thema politisch beraten werden, und es gebe positive Signale vonseiten des Gemeinderates.

Vor zwei Jahren hatte der Tierschutzverein Esslingen mit diesem Vorgehen bereits positive Erfahrungen gemacht. »Wir haben mit harten Bandagen gekämpft und dadurch mit zwei Dritteln der Gemeinden vor Ort eine kostendeckende jährliche Pauschale von 75 Cent pro Bürger aushandeln können«, sagt Sandro Schubnell vom dortigen Tierschutzverein. Allen anderen Gemeinden schreibt das Tierheim eine Rechnung - und fechtet die Kosten teils bis vor Gericht aus. Die existenzbedrohende Lage konnte durch die Neuregelung abgewiesen werden.

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