Weltspiegel

Haustier als Erbstück - Ein Tierarzt und seine Schildkröte

VON KERSTIN CONZ

Viele Schildkrötenbesitzer sind mit der Haltung der Reptilien überfordert. Ausgesetzt können die Tiere sehr gefährlich werden. Riesenschildkröte Clotherich fand in einer Konstanzer Tierarztpraxis eine neue Heimat - und ist zur Attraktion geworden.

Tierarzt Heinrich Preiß hält die Riesenschildkröte Clotherich in der Hand. Das Tier lebt bereits seit zehn Jahren am Bodensee.
Tierarzt Heinrich Preiß hält die Riesenschildkröte Clotherich in der Hand. Das Tier lebt bereits seit zehn Jahren am Bodensee. FOTO: dpa
Konstanz/München (dpa/lsw)- Beißt die? Tierarzt Heinrich Preiß kennt die Frage schon. Sie kommt fast immer, wenn jemand sein Haustier trifft. Auch der kleine Junge ist sich nicht ganz sicher, ob er den gepanzerten Vierbeiner streicheln, oder lieber flüchten soll. Eine Schildkröte, die fast bis zum Knie geht, ist eben doch etwas unheimlich.

»Du darfst ihn gerne streicheln«, ruft Preiß dem Jungen zu. Vor zehn Jahren hat Preiß die Westafrikanische Spornschildkröte übernommen. Als die Vorgängerfamilie das Tier bekam, war es nur so groß wie eine Mandarine. Doch mittlerweile bringt der 19-jährige Clotherich stolze 18 Kilo auf die Waage - etwa so viel wie ein vierjähriges Kind.

Clotherich hat gerne Familienanschluss - er liebt Staubsaugerlärm und Kindergeschrei. Und wenn es ihm im Garten zu langweilig wird, schaut er in der Tierarztpraxis vorbei und leistet den Patienten beim Aufwachen nach der Narkose Gesellschaft.

Auch die vier Preiß-Kinder haben Clotherich als Familienmitglied akzeptiert. Als Haustier würde Preiß eine Riesenschildkröte aber trotzdem nicht empfehlen. Bei einer Lebenserwartung von 80 bis 100 Jahren seien Landschildkröten eher ein Erbstück, sagt er.

Viele Familien gäben ihre Schildkröte nach ein paar Jahren ab oder setzten sie aus, sagt Katharina Irl. Die Biologin betreut derzeit im Konstanzer Großaquarium Sealife in der Sonderausstellung »Abenteuer Schildkröte« abgegebene und ausgesetzte Tiere. Die meisten stammen aus der Münchner Auffangstation für Reptilien. 1500 Tiere werden dort jährlich abgegeben.

Viele dürften nicht weitervermittelt werden, da sie zu selten oder zu gefährlich seien, sagt der stellvertretende Leiter der Auffangstation, Tobias Fritz. Vor allem Schnappschildkröten wie die Allgäuer Alligatorschildkröte Lotti, die vergangenen Sommer für Schlagzeilen sorgte, könnten Menschen noch Jahre später gefährlich werden, sagt Irl. »Schildkröten sind wahre Überlebenskünstler.« Eingegraben im Schlamm überstehen sie selbst harte Winter.

Als Haustier stellen sie dafür gewisse Ansprüche: Wenn Clotherich etwas nicht passt, tut er das durch ein Knurren im Hals kund. Bevor er sich nach dem Wecken im Heizungskeller auf den Weg zur Praxis macht, gönnt er sich erst einmal ein Sonnenbad unter der Wärmelampe. Dann dreht er im Garten seine Runden. Bis zu 20 Kilometer legen Schildkröten in freier Wildbahn zurück.

Auch kulinarisch ist der Mitbewohner anspruchsvoll: »Er stirbt für frische Aprikosen«, sagt Preiß. Wenn Clotherich ein Salatherz nicht schmeckt, wischt er sich unwirsch mit dem Vorderbein über den Mund. Dreimal im Jahr bekommt er gebratenen Fisch serviert. Auch ein gutes Barbecue lässt die Spornschildkröte sich nicht entgehen: Wenn die Familie am Feuer sitzt, gesellt Clotherich sich mit dazu und wartet, bis ihm gegrillte Insekten vor den Panzer fallen.

Auch wenn Schildkröten einem länger erhalten bleiben als so mancher Ehepartner - wirklich treu sind sie nicht. Preiß ist sich sicher, dass seine Schildkröte wie die meisten ihrer Artgenossen bei nächster Gelegenheit ausbüxen würde. Sein einziger Trost ist, dass er den anspruchsvollen Liebling bei so viel Arbeit sicher schnell zurückbekommen würde.

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