Vom Bahnhofsturm alles im Überblick
Von Clemens Flach, dpa
STUTTGART. "Die gute alte Zeit werde ich vermissen", sagt Dieter Jung. Der 49-jährige Stuttgarter ist mit Blick auf den Bahnhof aufgewachsen. Jetzt schaut er vom Bahnhofsturm hinunter auf die große Fläche nördlich des Hauptgebäudes. "Man sollte nicht die ganze Gegend verändern", meint Jung. "Ich bin für ein verbessertes Streckennetz. Nur das Geld für den Bahnhof hätte man anders verwenden können."
Wie für Dieter Jung sind für viele Stuttgarter die Einzelheiten des Projekts "Stuttgart 21" undurchsichtig. Auf vier Etagen des Turms informiert deshalb eine Ausstellung über die Hintergründe der städtebaulichen Großmaßnahme. Das denkmalgeschützte Hauptgebäude des Bahnhofs mit Turm wird auch nach dem Umbau noch stehen. Von der Aussichtsplattform hat man in 56 Metern Höhe stets das ganze Baugelände im Blick, das sich über eine Fläche von mehr als 100 Hektar erstreckt.
Das Ehepaar Overath aus Korb informiert sich im Turm über die Baumaßnahmen. Im sechsten Stock staunen die beiden 69-jährigen Eheleute über das vier Meter breite, bewegliche Modell des Bauvorhabens. "Das sieht doch super aus", sagt Horst Overath. "Man darf eben nicht still halten, die Entwicklung muss weitergehen. Da sollte man die Kosten nicht scheuen." Seine Frau Ingrid stimmt zu: "Der Neubau wird wunderbar. Die Stadt gewinnt dadurch. Nicht nur an Arbeitsplätzen, der Park wird zum Beispiel auch größer."
Dabei sehen die beiden Besucher aus dem benachbarten Remstal auch die Probleme für die Stuttgarter. "Der Baulärm wird in den nächsten Jahren unangenehm sein", sagt Horst Overath. "Und der Busbahnhof muss ja auch verlegt werden, dazu kommen noch die komplizierten Tunnelbohrungen. Aber man muss immer das große Ganze sehen."
Der Blick aus dem Stuttgarter Talkessel hinaus zeigt auch die Bedeutung des Bahnprojekts für den europäischen Fernverkehr. Das veranschaulichen die Mitarbeiter des Turmforums bei den Führungen an den interaktiven Karten: "Die Streckenführung durch Stuttgart und in Richtung Ulm ist im Moment noch ein Nadelöhr, auf dem weiten Weg von Paris nach Bratislava."
Aber auch für den Verkehr in Deutschland erwarten sich die Ausstellungsbesucher Verbesserungen. "Wenn man geschäftlich unterwegs ist, bedeutet die gewonnene Reisezeit sehr viel", sagt Michael Dörr. Der Diplomkaufmann zieht Vergleiche mit anderen deutschen Großstädten: "Frankfurt hat die Chance verpasst, der neue Berliner Bahnhof dagegen ist ein positives Beispiel." Der 46-jährige Frankfurter verfolgt mit Interesse die Diskussion in Stuttgart: "Das viele Geld ist gut investiert. Wenn man nichts tut, verlagert sich die Infrastruktur. Ich werde in Zukunft noch mehr mit der Bahn fahren." (dpa)