Kirche - Papst Franziskus hat sich in die Debatte über den Wortlaut des wichtigsten Gebets der Christenheit eingeschaltet

Vaterunser: Das Problem mit der Versuchung

VON EMANUEL K. SCHÜRER

REUTLINGEN. Es ist das am weitesten verbreitete Gebet des Christentums und das einzige, das laut Bibel Jesus Christus selbst seine Jünger gelehrt hat. Das Vaterunser gehört seit Jahrhunderten zum selbstverständlichen Bestand christlicher Kultur. Jetzt hat Papst Franziskus eine Debatte über den Wortlaut des Gebets angestoßen.

FOTO: dpa
Die Vaterunser-Bitte »und führe uns nicht in Versuchung« ist in dieser Formulierung »keine gute Übersetzung«, kritisiert der Papst laut Radio Vatikan. Es sei schließlich nicht Gott, der den Menschen in Versuchung stürze, um dann zuzusehen, wie er falle, sagte Franziskus dem katholischen Sender zufolge. »Ein Vater tut so etwas nicht: Ein Vater hilft, sofort wieder auszustehen. Wer dich in Versuchung führt, ist Satan«, wird das Kirchenoberhaupt zitiert.

Widerspruch aus Regensburg

Franziskus verweist den Berichten aus dem Vatikan zufolge auf einen Beschluss der französischen Bischöfe. Diese haben die offizielle Übersetzung des Vaterunsers geändert. In französischen Gottesdiensten heißt es seit dem ersten Adventssonntag nun sinngemäß im Vaterunser: »Lass uns nicht in Versuchung geraten.«

Der Regensburger Bischof und frühere Dogmatikprofessor Rudolf Voderholzer ist anderer Meinung als der Papst und seine französischen Kollegen. Die neue Version des Vaterunsers verfälsche die Worte Jesu, warnt Voderholzer. »Die Vater-unser-Bitte 'und führe uns nicht in Versuchung' sei genau so bei Matthäus und Lukas überliefert, und es gehe nicht an, Jesus zu korrigieren«, ließ der Regensburger über seine Diözese mitteilen.

Man müsse diese Worte erklären, könne das aber auch so tun, dass das Gottesbild nicht verdunkelt wird. Voderholzer verweist auf eine Predigt, die er 2015 zu dem Thema gehalten hatte. Darin beschreibt er, dass der Begriff »Versuchung« hier als »Angriff auf meinen Glauben, und meine Hoffnung« zu verstehen ist. Voderholzer mit Blick auf die Fastenzeit: »Das Thema Versuchung hier in erster Linie mit Süßigkeiten in Verbindung zu bringen, entspricht nicht dem Ernst der biblischen Botschaft.« Weiter: »Die Versuchung, um deren Ausbleiben Jesus die Jünger zu beten lehrt, ist zunächst einmal die Verunsicherung im Glauben durch das Kreuz Jesu, seine Verhaftung und seinen schmählichen Tod.«

»Es geht bei dieser Passage des Vaterunsers um eine Bedrängnis, in der man an der Existenz Gottes zweifelt«, sagt auch Johanna Rahner, die an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen Dogmatik, Dogmengeschichte und Ökumenische Theologie lehrt, im Gespräch mit dem GEA. Für sie geht es bei der Bitte darum, »auch in extremen Situationen und existenziellen Nöten Gottes Nähe noch zu erfahren« und sich nicht so verlassen zu fühlen wie Jesus am Kreuz.

Grob missverständlich

»Die Gottesvorstellung, die mit der jetzigen Formulierung 'Und führe uns nicht in Versuchung' verbunden wird, ist für heutige Menschen tatsächlich grob missverständlich«, sagt die Tübingerin. Deshalb erscheint für die Dogmatik-Professorin »die französische Version angemessener«, in der es heißt: »Lass uns nicht in Versuchung geraten«. Sie zeigt sich aufgeschlossen für eine Formulierungsänderung. Es sei schließlich immer eine Herausforderung für Theologen, »theologische Grundüberzeugungen so zu formulieren, dass die Menschen sie verstehen«. Es gelte, einen Kompromiss zu finden zwischen dem Original und der Überlieferung auf der einen Seite sowie der Vorstellung und Sprachwelt der heutigen Menschen auf der anderen.

Rahner gibt freilich auch zu bedenken, dass es immer problematisch sei, einen Text zu ändern, der so ins kollektive kulturelle Gedächtnis eingegangen ist wie das Vaterunser. In der katholischen Kirche wäre für eine Änderung eine entsprechende Kommission der Bischofskonferenz in Absprache mit dem Vatikan zuständig. Falls der Text tatsächlich geändert werden sollte, dann nur, so Rahners dringender Rat, im gesamten deutschsprachigen Raum und auch nur gemeinsam mit den anderen Konfessionen, um hier nicht zusätzliche Gräben aufzureißen.

Änderungen wichtiger religiöser Texte hat es bereits gegeben. Das Glaubensbekenntnis, so Rahner, ist beispielsweise durch das zweite Vatikanische Konzil geändert worden. Früher hieß eine Formulierung dort »hinabgestiegen in die Hölle«, was zum heutigen Wortlaut »hinabgestiegen in das Reich des Todes« modernisiert wurde. (GEA)

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