Politik
Bahnprojekt

Stuttgart 21 bringt Subkultur-Szene durcheinander

Von Christian Fahrenbach, dpa

STUTTGART. Im Stuttgarter Untergrund brodelt es - und das, obwohl die konkreten Bauarbeiten zum Bahnprojekt Stuttgart 21 noch gar nicht richtig angelaufen sind. Doch sie wirbeln bereits die Kreativszene und Subkultur der Landeshauptstadt ordentlich durcheinander. Rund 150 Mieter im Gründerhaus H7 am Bahnhof mussten bis Freitag ihre Büros räumen. Dort residierte auch der deutschlandweit renommierte Club »Rocker 33«, in dessen Räumlichkeiten am Freitag zum letzten Mal ein DJ auflegte.

Der Traditionsclub »Röhre« wird Mitte Januar geschlossen.
Der Traditionsclub »Röhre« wird Mitte Januar geschlossen. FOTO: dpa
Das »Rocker« wechselt ins nahe gelegene Filmhaus. Einige hundert Meter weiter wird der Traditionsclub »Röhre« Mitte Januar geschlossen werden. Viele Kreative sind sauer über die Umstände der Kündigungen.

Häufigste Kritik: Die Kündigungen kamen zu kurzfristig. Im März 2011 sei ganz klar ausgemacht worden, dass vor Januar 2012 sicher nichts passiere, sagt Jan Drusche, einer der Betreiber der »Röhre«. »Es hieß aber nie, dass wir dann rausmüssen.« Erst im November sei ihm auf Nachfrage erklärt worden, dass im Januar definitiv Schluss sei. Drusche und seine Mitstreiter fühlen sich von der Stadt auf der Suche nach alternativen Orten alleingelassen. Ihnen seien lediglich Räume in Wohngebieten oder mit mangelhafter Ausstattung angeboten worden. »Das waren reine Scheinangebote.«



Bei der Stadt sieht man das anders. »Neue Räume zu finden ist in diesem Fall nicht leicht«, sagt ein Sprecher. »Der Markt an stillgelegte Tunnelröhren ist in Stuttgart überschaubar.« Die Offiziellen spielen den Schwarzen Peter zurück: Intensiv habe man sich um einen neuen Ort bemüht. Seit eineinhalb Jahren habe es Gespräche gegeben, etwa mit den Bürgermeistern Michael Föll und Susanne Eisenmann (beide CDU). »Wir haben aber nicht den Eindruck, dass die Verantwortlichen der 'Röhre' mit gleicher Intensität an die Suche nach einer Alternative gegangen sind«, so der Sprecher.

Auch für die Selbstständigen im »H7«, dem geräumten Gründungszentrum in der alten Bahndirektion, habe die Stadt mit der Betreibergesellschaft »Raum auf Zeit« nach Lösungen gesucht.

Am Wochenende dürfte jedoch bei vielen Mietern der Unmut über das allzu plötzliche Aus überwogen haben. »Wir haben das am 5. Dezember telefonisch erfahren«, erzählt Harald Amelung, der in dem Haus den »Coworking Space« - eine Art Gemeinschaftsbüro auf Zeit - betrieb. Das offizielle Schreiben sei aber erst auf den 12. Dezember datiert. »In so kurzer Zeit können einige nicht mit dem ganzen Equipment umziehen«, bilanziert Amelung.

Zwar seien auch dabei Alternativen angeboten worden, diese seien aber häufig unattraktiver als Flächen auf dem freien Markt gewesen, sagt Amelung. »Ich glaube auch nicht, dass alles zusammen ausreicht für alle Mieter.« Einen einzigen Ort, an dem alle Mieter weiterarbeiten können, gebe es ohnehin nicht. Amelung bedauert diese Zerstreuung bestehender Netzwerke durch die Kündigung und Stuttgart
21. »Dadurch geht schon was kaputt.«

Für die Stadt sorgen die Umzüge und Schließungen für Probleme mit dem für viele Orte so wichtigen Kreativsektor. Das Aus der »Röhre« und der Umzug vom »Rocker 33« in eine kleinere Location treffen die Stadt. Veranstaltungsorte mit einer vergleichbarem Image und einer Kapazität von mehreren hundert Zuschauern in Stuttgart sind rar.

»In Stuttgart habe ich das Gefühl, dass nur subventionierte Kultur gute Kultur ist«, meint Drusche darüber, in dessen »Röhre« einige mittlerweile weltbekannte Bands wie Nickelback, Rammstein und Muse einige ihrer ersten Konzerte spielten. »Die ganzen Bands haben alle in kleinen Läden gespielt. Ohne Läden wie uns ginge das gar nicht.« (dpa)

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