STUTTGART. Die Bauarbeiten für eines der größten und umstrittensten Bahnprojekte Deutschlands haben begonnen. "Stuttgart 21 ist ab heute Realität", sagte Bahnchef Rüdiger Grube am Dienstag in Stuttgart.
Zum Baubeginn von Stuttgart 21 freut sich die Prominenz im orangen Westchen - während die Demonstranten draußen vergeblich protestieren.
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Für 4,1 Milliarden Euro wird der bisherige Kopfbahnhof bis 2019 in eine unterirdische Durchgangsstation umgebaut und an die geplante Schnellbahntrasse nach Ulm angeschlossen. Während der Feier mit rund 400 Gästen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft demonstrierten nach Polizeiangaben rund 1300 Gegner des Projekts.
Grube sagte zu, er werde den Dialog mit den Bürgern und insbesondere mit den Kritikern zur Chefsache machen. "Die bisherige Kommunikations- und Informationspolitik war verfehlt", räumte er ein. Der ehemalige Daimler-Manager kündigte eine monatliche Bauzeitung an, die den Stand der Arbeiten und die nächsten Schritte dokumentieren soll.
Nach mehr als 15 Jahren Planung und heftigem politischem Streit wird nun zunächst das Gleisvorfeld umgebaut. Bahnchef Grube, Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU), Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) und Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (beide CDU) ließen symbolisch den ersten Prellbock entfernen. Denn im künftigen Durchgangsbahnhof haben Prellböcke ausgedient.
Kritiker sprechen von "Posse"
Die Kritiker bezeichneten die Feier zum Baubeginn als "unanständige Politshow" (Verkehrsclub Deutschland), "Posse" (BUND) und "drittklassiges Schmierentheater" (Grüne).
Sie lehnen das Projekt aus Kosten- und Umweltschutzgründen ab und fordern, stattdessen den bestehenden Kopfbahnhof zu modernisieren. Ursprünglich waren für das Vorhaben 2,6 Milliarden Euro kalkuliert worden. Die Gegner befürchten eine weitere Kostenexplosion und dass dem regionalen Schienenverkehr daher künftig Mittel entzogen werden.
Grube weist Kritik zurück
Grube sagte, er könne die endgültigen Kosten nicht "auf Heller und Pfennig" vorhersagen; aber er werde versuchen, Risiken zu erkennen und zu vermeiden. Die Bahn als Bauherrn werde es besonders schmerzen, wenn der Kostenrahmen von 4,5 Milliarden (Baukosten plus Risikovorsorge) überschritten werde.
Grube hob den ökologischen Vorteil des Bahnprojektes hervor: Er erwarte, dass dadurch jährlich 18 Millionen Autos auf die Schiene verlagert und damit 70000 Tonnen Kohlendioxid eingespart werden. Bei einer Fahrzeit von unter zwei Stunden zwischen Stuttgart und München werde die Zugreise den Kurzstreckenflug verdrängen. Zudem bringe Stuttgart 21 auch im Regionalverkehr erhebliche Vorteile und lasse etwa Tübingen und Reutlingen nah an Stuttgart heranrücken.
In Stuttgart entstünden die modernsten Arbeitsplätze in der Bahnindustrie; die Kaufkraft werde langfristig um jährlich eine halbe Milliarde Euro erhöht, sagte Grube: "Das Vorhaben ist ein regionales Konjunkturprogramm für das nächste Jahrzehnt."
Aus Sicht von Ministerpräsident Oettinger geriete die Landeshauptstadt ohne Stuttgart 21 in den Windschatten der Strecke Frankfurt-Nürnberg-München. Die EU erstatte zehn Prozent der Baukosten, die durch den Lückenschluss auf der West-Ost-Magistrale Paris-Budapest entstehen.
Neubaustrecke nach Ulm
Weitgehend unumstritten ist bislang die eng mit Stuttgart 21 verbundene geplante Schnellbahntrasse nach Ulm, die die Fahrzeit zwischen den Städten an Neckar und Donau von 54 Minuten auf 28 Minuten verkürzen soll. Bundesverkehrsminister Ramsauer betonte, das Nadelöhr der jetzigen Trasse, die am Albaufstieg nur Geschwindigkeiten von 70 Stundenkilometern zulässt, müsse beseitigt werden. Gelinge es nicht, mehr Verkehr auf die Schiene zu verlagern, "versündigen wir uns an der Zukunft der nachwachsenen Generation." (dpa)
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