Kirche

Segensfeier mit Seifenblasen - aber ohne Öffentlichkeit

Von Lena Müssigmann, dpa

Tübingen (dpa/lsw) - Katja und Katharina sind ein Paar, evangelisch. Die Kirche segnete ihre Beziehung nur nichtöffentlich, also ohne viel Tamtam und Geläut. Sie haben sich ihre Feier mit Seifenblasen schön gemacht. Von einer kirchlichen Trauung sind Protestanten in Württemberg weit entfernt.

Das Paar hatte sich 2015 in der evangelischen Kirche segnen lassen, die Segnung wurde jedoch nicht in den Kirchenmitteilungen öffentlich gemacht.
Das Paar hatte sich 2015 in der evangelischen Kirche segnen lassen, die Segnung wurde jedoch nicht in den Kirchenmitteilungen öffentlich gemacht. FOTO: dpa
Katharina hilft beim Brezeln schmieren, wenn der Kirchenchor von Katja einen Auftritt hat. Die beiden haben ihr Kind taufen lassen. Sie fühlen sich im Glauben zuhause. Doch die evangelische Landeskirche, der die beiden 40 und 41 Jahre alten Frauen aus dem Raum Tübingen angehören, will ihre Lebensform nicht anerkennen und die Beziehung nicht offiziell unter den Segen Gottes stellen. Das enttäuscht und verletzt sie. Von einer Hochzeit mit Glockengeläut können sie in Württemberg nur träumen.

Mehrere evangelische Landeskirchen haben das Bündnis zweier Frauen oder zweier Männer mit der Trauung gleichgestellt. Eine öffentliche Segnung homosexueller Paare - sei es in einer Andacht, einem Gottesdienst oder nur von einem Seelsorger - ist nur in 3 von 20 evangelischen Landeskirchen in Deutschland nicht möglich: in Württemberg, Bayern und Schaumburg-Lippe in Niedersachsen. Bei der Landeskirche in Baden können gleichgeschlechtliche Paare in einem öffentlichen Traugottesdienst gesegnet werden.

In Württemberg hatte die Synode, das Kirchenparlament, im Herbst einen Kompromissvorschlag bei dem heiklen Thema abgelehnt. Danach hätte jeder Kirchengemeinderat selbst entscheiden können, ob in der Gemeinde gleichgeschlechtliche Paare gesegnet werden. Bisher ist nur eine nichtöffentliche Segnung erlaubt, für die sich auch Katja und Katharina 2015 entschieden haben. Sie sollten ihre Gäste daher nur zu einer «gottesdienstlichen Feier» einladen. «Darüber hat die Pfarrerin selber den Kopf geschüttelt», erzählt Katharina.

Die Mehrheit der Dekane in Württemberg will die bisherige Praxis nicht mehr hinnehmen. In einem Schreiben an Landesbischof Frank Otfried July heißt es: «Ohne eine öffnende Regelung werden wir auf absehbare Zeit mit einer Fülle von schwerwiegenden Gewissenskonflikten in dieser Sache konfrontiert werden.» Mindestens 40 von rund 50 Dekanen der Landeskirche haben unterschrieben, wie die Ulmer Prälatin Gabriele Wulz jüngst berichtete.

Nur wenige Landeskirchen sind so stark vom meist strikt konservativen Pietismus geprägt wie die württembergische. Pietisten und die Homo-Ehe? Homosexuelle Pfarrer? Jesus Christus hätte das nicht gewollt - da sind sich die Pietisten ganz sicher. Zum Thema öffentliche Segnung vom Homosexuellen gibt es eine Unterschriftenliste mit Gegenstimmen von mehr als 300 Kirchenangestellten, so die Landeskirche.

Katja und Katharina haben bei ihrer Feier alles ausgereizt, was möglich war, um dem Anlass einen würdigen Rahmen zu geben: 80 Gäste, ein Posaunenchor hat gespielt, ein Patenkind brachte eine Hochzeitskerze nach vorne. Katja und Katharina gaben sich ein gegenseitiges Versprechen mit der Bitte um Gottes Segen. Es gab Fürbitten, Blumenschmuck, eine Fotografin, einen feierlichen Auszug aus der Kirche und einen Empfang mit Seifenblasen.

«Für die Gäste war es einfach eine Hochzeit», sagt die 41-jährige Katja. «Aber es ist keine gewesen.» Ein Ringwechsel war nicht erlaubt, die Glocken wurden nicht geläutet, und die Feier durfte nicht wie eine Hochzeit in der Kirchengemeinde publik gemacht werden.

Die Zahl der Paare, die sich eine kirchliche Segnung wünschen, ist überschaubar: In Tübingen gab es in den vergangenen fünf Jahren drei Anfragen, in zwei Fällen fand dann tatsächlich eine Segnung statt, wie Dekanin Elisabeth Hege mitteilt. «Man konnte bisher Segnungsfeiern im seelsorgerlichen Rahmen, also nichtöffentlich anbieten.» Die Nichtöffentlichkeit habe man aufgrund einer Vereinbarung in der Landeskirche beachten müssen. «Das gilt weiterhin, fühlt sich aber nach Doppelmoral an», sagt Hege.

«Die Situation schreit nach einer Lösung», verlangt Prälatin Wulz. Sie plädiert für die Entscheidungsfreiheit jeder Kirchengemeinde: «Wir wollen die Differenz aushalten, dass manche sagen, das geht gar nicht und andere es mit ihrem Glaubensverständnis vereinbar finden.»

Trotz der schwierigen Situation wollten Katharina und Katja nicht aus der Kirche austreten. «Wenn man dabei ist, kann man eher was ändern.» Katja und ihre Frau wollen, dass ihre Lebensweise als «normal» akzeptiert wird. Katharina glaubt an Gott: «Der hat mich so gemacht!»

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